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Startseite»Politik»Russische Drohnenangriffe – Vor allem Kiew ist im Visier
Politik

Russische Drohnenangriffe – Vor allem Kiew ist im Visier

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 14, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 14.09.2026 • 14:11 Uhr

Die russischen Luftangriffe auf die Ukraine sind intensiver geworden. Dazu kommt: Die Drohnen sind inzwischen oft schneller und schwieriger abzufangen. Besonders betroffen sind die Anwohner in den Vororten Kiews.

Von Peter Sawicki, z.Zt. in Kiew

Aliona Tkatschenko steht in der Abenddämmerung vor ihrem Haus. Es war ein anstrengender Tag. Sie hat die Trümmer einer Lagerhalle ihrer Firma nach verwertbaren Waren durchsucht. Russische Raketen waren vor kurzem ins dortige Gewerbegelände eingeschlagen.

„Die erste Rakete krachte um sechs Uhr dreißig in ein Nachbarlager“, erzählt sie. „Die nächste traf das Lager der Süßwarenkette Roshen sowie einige Lkw.“ Vielleicht sei ihr Arbeitgeber – eine ukrainische Spielwarenfirma – gar nicht im Visier gewesen, ergänzt Aliona noch.

Getroffen wurde die Firma trotzdem. Aliona lebt in Welyka Oleksandriwka, einem 5.000-Einwohner-Vorort Kiews. Mit tränenerstickter Stimme spricht sie über den Angriff: „Die Arbeit dort ist wie mein eigenes Kind, es ist mein Leben. Dieser Angriff fühlt sich an, als ob mein eigenes Haus abgebrannt wäre.“

Drohneneinschlag aus nächster Nähe

Während Aliona spricht, schießt die Flugabwehr russische Drohnen ab. Die Geräusche scheinen weit genug weg zu sein. Dann ertönt ein zischendes Motorengeräusch. Innerhalb von Sekunden kommt es näher – es gibt eine heftige Explosion. Eine Drohne rauscht in Sichtweite nur wenige hundert Meter an Aliona und dem Team vorbei und schlägt in einer nahegelegenen Bahnlinie ein.

Alle werfen sich zu Boden, um sich vor der möglichen Druckwelle zu schützen. Niemand wird bei diesem Vorfall verletzt. Der Drohneneinschlag steht jedoch beispielhaft für den Alltag, wie ihn die ukrainische Hauptstadtregion derzeit erlebt – darunter Orte wie Welyka Oleksandriwka. Oft mehr als zehnmal pro Tag gibt es Luftalarm, Drohnen schlagen auch tagsüber ein.

Das bestätigt auch Ljubow Ponomarenko, eine Nachbarin von Aliona: „Bis vor einiger Zeit wurden wir zumeist nachts bombardiert. Man konnte wenigstens normal zur Arbeit gehen und tagsüber Dinge erledigen. Jetzt gibt es Luftangriffe rund um die Uhr.“

Russische Drohnen haben jetzt oft Düsenmotoren

Zwar stehen in den Kiewer Vororten vor allem Lagerhallen und andere Logistikpunkte im Visier der russischen Flugkörper. Gefährlich ist es für die Zivilbevölkerung trotzdem. Zum Beispiel für Kinder auf dem Weg zur Schule, ergänzt Anwohnerin Ljubow.

Verschärft hat sich die Situation auch deshalb, weil Russland seine Angriffsdrohnen abermals modifiziert hat. Viele Drohnen sind nun mit einem Düsenmotor ausgestattet. Dadurch erreichen sie eine Geschwindigkeit von bis zu 600 Kilometer pro Stunde sind somit schwieriger abzufangen.

Ljubow versucht, sich mit eigenen Mitteln gegen diese Gefahr zu schützen – mit einem eigens im heimischen Keller eingerichteten Schutzraum: „Wenn unsere Enkel bei uns sind und Drohnen hören, lassen sie sich nicht bitten. Wir nehmen dann alle unsere Kissen mit und bleiben dort,“ erklärt sie.

Unterkriegen lassen will sich die Frau aber nicht. Besonders ihre Familie und die lokale Kirchengemeinde würden ihr Halt und Kraft im Alltag geben. Egal, wie schlecht man nachts geschlafen habe, man gehe trotzdem tags darauf in die Kirche zur Messe, um gemeinsam zu singen und für den Sieg der Ukraine zu beten. Während sie erzählt, ist auch dann im Hintergrund zu hören, wie die ukrainische Flugabwehr russische Drohnen abschießt.

14-Jährige wird bei Treffer auf Wohnhaus getötet

Einen Luftangriff aus nächster Nähe hat Julia Makejenko erlebt. In diesem Fall wurde jedoch keine wirtschaftliche Infrastruktur, sondern ein ziviles Wohngebäude getroffen. Der Weg zum Haus führt über einen Schotterweg. Es ist ein Bild der Verwüstung – die Vorderwand ist zum Teil weggerissen, verkohlte Alltagsgegenstände wie Möbel und Hefte liegen noch im Vorgarten.

Die 14-jährige Karina wurde hier vor wenigen Tagen getötet: „Es war ein Samstagmorgen. Manche im Ort schliefen noch, andere machten Frühstück,“ schildert Julia mit versteinerter Miene, „die Eltern des Mädchens saßen draußen. Sie war einfach am falschen Ort, im Epizentrum des Angriffs. Sie verbrannte bei lebendigem Leib.“

Julia selbst hatte schlicht Glück, denn ihr Haus befindet sich nur einige Dutzend Meter weiter und wurde nicht getroffen. Doch sie ärgert sich auch über die lokalen Behörden: „Es werden bereits neue Lagerhallen im Ort gebaut. Aber das sind gefährliche Objekte, jederzeit kann dort etwas einschlagen.“

Zu wenige Schutzräume, Lagerhallen zu nah an Wohngebieten

Manche im Ort sorgen sich wegen der zerstörten Lager um Arbeitsplätze und ausbleibende Steuereinnahmen für die Gemeinde. Julia Makejenko kann diese Argumente nachvollziehen. Für sie steht Sicherheit jedoch an oberster Stelle. Sie hat deshalb eine Petition unterzeichnet, in der gefordert wird, dass neue Lagerhallen weit außerhalb bewohnter Gebiete gebaut werden. Sie wirft der Gemeinde außerdem vor, die Einwohner nicht ausreichend zu schützen.

„In den letzten fast fünf Jahren hätten längst mehr Schutzräume gebaut werden können. Bei Luftalarm bekomme ich derzeit Panikattacken. Nachts gehe ich oft in den Schutzraum der Schule. Das ist jedoch kein komplett sicherer Ort. Die U-Bahn bietet echten Schutz. Die gibt es aber nur in Kiew und Charkiw.“

Julia hat glasige Augen, sie sieht erschöpft aus. Als vor einigen Tagen die US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner in Kiew waren, stellte Russland die Luftangriffe auf die Hauptstadt ein. Doch es war eine kurze Atempause: „Jeder hier wusste – wenn die Amerikaner wegfahren, beginnt wieder die Hölle. Die Welt muss verstehen – Russland ist einfach ein furchtbarer Nachbar. Es ist das Böse.“

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Dr. Heinrich Krämer
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