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„Schlimmster Zwischenfall“: Als ein verrückter englischer Superstar ein Flugzeug zerlegte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Schlimmster Zwischenfall“Als ein verrückter englischer Superstar ein Flugzeug zerlegte

06.06.2026, 19:13 Uhr Von Ben Redelings
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Englands Superstar Paul Gascoigne polarisierte ständig und überall. (Foto: imago/Sven Simon)

Vor 30 Jahren hoffte England bei der Heim-EM auf die außergewöhnlichen Fähigkeiten ihres genialen wie verrückten Superstars Paul Gascoigne. Doch noch bevor das Turnier überhaupt angepfiffen war, hatte „Gazza“ bereits für einen unglaublichen Skandal gesorgt.

Da war die englische Nationalmannschaft extra vor der Europameisterschaft 1996 im eigenen Land nach Fernost geflohen, um den Problemen mit ihren gewaltbereiten Fans in der Heimat aus dem Weg zu gehen – und dann sollte ausgerechnet ein Spieler aus den eigenen Reihen zum größten Hooligan mutieren. Auf dem Rückflug von Hongkong nach London verbreitete der exzentrische Superstar des englischen Teams, Paul Gascoigne, hoch über den Wolken Angst und Schrecken, randalierte mit „Kung-Fu-Tritten“, wie die Medien auf der Insel berichteten, in der Business-Class und fabrizierte einen Sachschaden in Höhe von 10.000 Mark.

„Es war der schlimmste Zwischenfall mit britischen Gästen in den letzten 25 Jahren“, erzählte ein sichtlich geschockter Sprecher der Fluggesellschaft „Cathay Pacific“ nach der Landung. Der Pressesprecher des englischen Verbands versuchte noch lächelnd die ganze Geschichte herunterzuspielen, als er meinte – „Gazza war so normal vergnügt wie immer. Er war so, wie wir ihn alle kennen“ -, doch der Plan scheiterte krachend.

Die Story dieses feucht-fröhlichen Fluggelages war nicht nur für die Medien ein gefundenes Fressen, auch das britische Unterhaus beschäftigte sich anschließend mit dem Fall. Über seine halbherzige Entschuldigung („Das Programm im Bord-TV ging ja mal so gar nicht. Und eigentlich wollte ich nur schlafen“) konnten jedenfalls nur die wenigsten Briten lachen.

Schon im Nachtclub ging’s zur Sache

Englands große EM-Hoffnung drohte noch vor dem Start des Turniers in einem handfesten Skandal unterzugehen – vor allem als bekannt wurde, dass die Szenen auf dem Flug noch harmlos waren gegenüber dem, was sich an dem Abend vor dem Abflug in einem Hongkonger Nachtclub abgespielt hatte. Dort hatten sich Gazza und einige Mitspieler so dermaßen betrunken, dass sie sich am Ende des Abends oberkörperfrei mit alkoholischen Getränken gegenseitig in ihre Münder (ab-)spritzten. Auch diese Story wurde in den englischen Boulevardmedien genüsslich ausgebreitet, so dass jeder Fußballfan im Land genaustens über die Eskapaden des Teams Bescheid wusste. Und genau das sollte während der EM noch zu einem legendären Moment führen.

Dass Gascoigne in Flugzeugen schon häufiger aus der Reihe gefallen war, hätte die Mannschaftsbetreuer und Trainer Terry Venables eigentlich alarmieren müssen. Denn bereits als er im Alter von 19 Jahren für ein U21-Turnier in Frankreich zum ersten Mal in einen Flieger stieg, ging es dem verrückten Nationalspieler alles andere als gut, wie er in seiner Autobiografie „Gazza“ selbst einmal erzählte: „Ich hatte die Hosen voll, war mir sicher, das Flugzeug würde abstürzen und ich müsste sterben. Ich kippte ein paar Brandys, um mir Mut anzutrinken, hatte aber trotzdem ein mulmiges Gefühl. Der Teamarzt musste mich an die Hand nehmen und an Bord bringen, ich ließ ihn fast den ganzen Flug über nicht mehr los, weil ich vor Angst wie ein kleiner Junge zitterte.“

„… sofort setzte es zum Sturzflug an“

Nur drei Jahre später war Gascoigne damals von seiner mittelschweren Flugangst-Attacke bereits wieder geheilt. Vielmehr war alles wie immer: Das Flugzeug war für ihn zu einem echten Spielparadies geworden. Als die Mannschaft während der WM 1990 für die Achtelfinal-Paarung gegen Belgien nach Bologna umziehen musste, nahm man den Flieger. Um sich ein wenig abzulenken, bat Gascoigne den Piloten, ihm das Cockpit zu zeigen und wie man fliegt: „Er erklärte mir, welche Schalter man umlegt, um das Flugzeug steigen, sinken oder abdrehen zu lassen. Natürlich sollte ich selbst keinen anrühren, aber ich zog blitzartig am erstbesten, nur um zu sehen, wie stark das Flugzeug reagierte – sofort setzte es zum Sturzflug an.“ Chris Woods, der gerade aufgestanden war, wurde mit voller Wucht in seinen Sitz zurückgeworfen. Er drohte seinem Mitspieler postwendend eine Tracht Prügel an. Gascoigne lachte jedoch nur. Er hatte seinen Spaß gehabt. Von Flugangst keine Spur mehr.

Nach dem Skandal hoch über den Wolken wenige Tage vor dem Start der Europameisterschaft 1996 wurde damals nur im Ausland über einen Ausschluss von Gascoigne aus dem Team der englischen Nationalmannschaft spekuliert. Im eigenen Land dachte nie wirklich jemand darüber nach, Gazza zu verbannen. Terry Venables bezeichnete den Superstar lieber als „Herz und Seele“ des Teams und versprach sich viel von seinem genialen Mittelfeldakteur. Und tatsächlich sollte Paul Gascoigne ein hervorragendes Turnier bestreiten – mit einem absoluten Höhepunkt im Gruppenspiel gegen Schottland. Sein Volley-Tor nach einem Lupfer zum 2:0-Endstand zählt bis heute zu den schönsten Treffern der EM-Geschichte.

Und dann lag Gazza plötzlich nach seinem spektakulären Tor rücklings auf dem grünen Rasen, breitete seine Arme aus und ließ sich von seinen Mitspielern Wasser in seinen weit geöffneten Mund spritzen. Dabei lachte Gascoigne vergnügt wie ein kleiner Junge. Und ganz England lachte mit ihm. Denn jeder erkannte in dieser Szene die Geschichte des Abends vor dem Abflug in einem Hongkonger Nachtclub wieder. Und damit war der Skandal zu den Akten gelegt. Was hatte der Sprecher des englischen Verbands nach dem Fluggelage noch gemeint? „Gazza war so normal vergnügt wie immer. Er war so, wie wir ihn alle kennen.“ Und genau das hatten alle Briten in diesem glückseligen und vergnüglichen Moment endgültig begriffen. Einen Paul Gascoigne musste man so nehmen, wie er ist. Mit all seinen Verrücktheiten, irren Geschichten – und genialen Fähigkeiten auf dem Platz.

Quelle: ntv.de

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