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Startseite»Nachrichten»„Schmeißt ICE raus“: USA glaubt ganz groß nach elender Hollywood-Glitzer-Show
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„Schmeißt ICE raus“: USA glaubt ganz groß nach elender Hollywood-Glitzer-Show

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 13, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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13.06.2026 | 06:34 Uhr

We believe: Das US-Team fertigt beim WM-Auftakt im Heimatland Gegner Paraguay ab und baut den Glauben an große Taten auf. Doch die Nebengeräusche in der Hollywood-Metropole sind so unüberhörbar wie absurd.

Hoppsa, was war das? Etwa ein Fußballer? An diesem warmen Sommerabend in Los Angeles kann man nie genau sagen, ob es im riesigen SoFi Stadium um eine Hollywood-Party, einen Glitzer-Zirkus oder ein WM-Spiel geht. Am Ende wird aber doch noch Fußball gespielt. Und wie: Die USA zelebrieren ihren Auftakt in die XXL-WM mit fulminanten ersten 45 Minuten und einem überaus dominanten 4:1 (3:0)-Sieg – und träumen von größeren Taten.

Kurz vor dem Pausentee kommt es zur völligen Ektase. Besser hätte die Geschichte in keinem Drehbuch aus den wenige Kilometer entfernten Filmstudios stehen können. Nach einem langen Ball von der Mittellinie setzt sich Folarin Balogun in seinem allerersten WM-Spiel körperlich stark gegen seinen ersten und mit einer cleveren Finte gegen seinen zweiten Gegenspieler durch. Dann nagelt er die Kugel traumhaft in den Winkel. Zu seinem zweiten Treffer. Mit seinem schwachen Linken.

Die US-Boys führen 3:0 und alle Einwechselspieler rasen die Seitenlinie entlang in Richtung Eckfahne zum Jubeln. Balogun, der bis 2023 noch für mehrere U-Mannschaften Englands auflief und sich auch wegen etlicher Fan-Aufrufe auf Instagram für die Staaten entschied, schafft etwas, was vor dem Turnier nicht viele US-Fans für möglich hielten. Er lässt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Land der Träume, an eine große Heim-WM glauben. Denn ein treffsicherer Stürmer wie er galt lange als das fehlende Puzzleteil im US-Team.

US-Boys feiern gigantische WM-Party, Infantino verspottet Italien

Politisches Zeichen ohne Donald Trump

„Heute ist ein fantastischer Tag“, freut sich Balogun nach dem Sieg am Stadionmikrofon, nachdem er als Mann des Spiels ausgezeichnet wurde. „Das ist meine erste Weltmeisterschaft, ich bin einfach überglücklich.“ Auf die Frage, wie er sein WM-Debüt mit zwei Toren feiern werde, antwortet der Stürmer. „Um ehrlich zu sein, werde ich mir wahrscheinlich einfach ein bisschen Netflix anschauen.“

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Doch so schön die Tor-Party auch ist, Fußball ist in Los Angeles zunächst Mangelware. Etwa 90 Minuten vor dem Spiel tauchen die Profis der beiden Teams kurz auf dem Rasen auf – müssen sich aber sofort wieder trollen. Der Rasen wird für ein Konzert vorbreitet, ein riesiger WM-Pokal aufgebaut. Die Show eröffnet der Rapper Future, das Stadion ist zu diesem Zeitpunkt halb leer. Die Stimmung? Nicht vorhanden.

Neidisch denkt manch ein Fan an die Ekstase am Vortag in Mexiko-City mit Shakira und Co. Allerdings können die Journalisten das, was im Innern des Stadions vor sich geht, auch nur schwer beurteilen: Sie sitzen in einer sterilen Press Box hinter schalldämpfendem Plexiglas. Wahnsinn.

Ein wenig politisch geht es ebenfalls zu, obwohl sich endlich mal nicht alles um Donald Trump dreht. Der US-Präsident schwänzte den Auftakt und schickte eine Delegation des Weißen Hauses um Außenminister Marco Rubio, der nun neben FIFA-Boss Gianni Infantino hockt. Dennoch ist der allgegenwärtige Trump auf eine Art anwesend. Stadionarbeiter tragen Ansteckbuttons mit der Aufschrift „Kick ICE Out“. Schmeißt ICE raus. Gemeint ist damit die Einwanderungs- und Zollbehörde der US-Regierung, die vor genau einem Jahr in Los Angeles mit brutalen Razzien mehr als 14.000 Latinos, Asylsuchende und andere Menschen mit Migrationsgeschichte verhaftete. Eine Gewerkschaft der Stadionarbeiter hatte vor dem Spiel mit einem Streik gedroht, wenn ICE-Agenten am Stadion im Einsatz sein sollten.

Stars, Sternchen und Zlatan

Irgendwann darf dann ein rasantes Fußballspiel dieses mal schillernde, mal verquere Theater kurz unterbrechen. Aber, das wäre doch gelacht, nicht bevor ein paar Stars und Sternchen eingeblendet werden.

Ehe also der ehemalige Bundesliga-Star (jetzt AC Mailand) Christian Pulisic mit einem tollen Antritt in der siebten Minute das 1:0 per Eigentor durch Unglücksrabe Damián Bobadilla erzwingt, ehe der Glaube der US-Fans an eine erfolgreiche WM wächst und wächst, erscheint auf einmal Paris Hilton. Eine Halluzination? Die gibt es noch? Egal, immerhin bekommt sie viel Applaus. Schauspielerin Halle Berry erhält dann aber doch mehr. Leonardo DiCaprio, Tom Cruise und David Beckham sowieso. Aber wenig später räumt Zlatan Ibrahimovic, der auch mal für LA Galaxy stürmte, den Rekord ab. Im Glaskasten lässt sich erahnen, dass es auch nach der frühen Führung sehr laut im Rund wird. USA-USA-USA.

Und bevor das US-Team die Spielkontrolle komplett übernimmt und gegen die heillos überforderte Albirroja nach präziser Pulisic-Vorlage durch Folarin Balogun auf 2:0 (31.) stellt, bevor der Glaube förmlich überschwappt, flimmern diese VIPs über die überdimensionale Videoleinwand (natürlich die größte im gesamten Sportbereich; ein etwa 1000 Tonnen schwerer, 6500 Quadratmeter großer „Infinity Screen“ mit 80 Millionen Pixeln) des teuersten Stadions der Welt. Ein 5-Milliarden-Dollar-Palast, der wie ein Raumschiff daherkommt. Über 260 eingebaute Lautsprecher pumpen lautstarke Musik.

Ein Raumschiff, das Fußballfans ärgert

All das ist ein Problem für Fußballpuristen. Oder einfach normale Fans, die Stadien aus Europa gewöhnt sind. Das SoFi Stadium ist die Antithese zum historischen Aztekenstadion, in dem Mexiko am Vorabend den Auftaktsieg gegen Südafrika (2:0) errang. Das Gegenstück zur Fußballtradition aus England oder Deutschland, zu den alten Kathedralen des Fußballs, zu den viereckigen Schmuckkästchen, die es immer seltener gibt. Dort, wo dem Fan nicht viel bleibt, als auf das Spielfeld zu starren, besserwisserische Kommentare auf den Rasen zu brüllen und dabei Bier mit Bratwurst zu vertilgen.

Im SoFi ist selbst an einem spektakulären Abend wie diesem das Fußballspiel nicht die einzige Attraktion, vielleicht nicht mal die größte. An Mystik ist nicht zu denken, obwohl die US-Boys kurz vor der Pause mit Großchancen von Chris Richards und Weston McKennie das dritte Tor haarscharf verpassen. Die Mannschaft zeigt Spielwitz, Tempo und tiefe Läufe und brennen hier die beste Halbzeit der Mauricio-Pochettino-Ära ab.

Aber sieht das auch jeder und kümmert es alle? Das Stadion hat beinahe so viele Logen und private Klubs wie Sitzplätze, wo vor allem großen Unternehmen und deren Kunden die Partie bei Champagner und Snacks mehr oder minder verfolgen. Der FIFA gefällt’s, dem gemeinen Fußball-Fan wohl eher nicht.

Reyna traumhaft mit dem Außenrist

Jetzt ist dann aber endlich wieder Zeit für Fußb… Nicht doch! Anheizer fordern Fans via Videoleinwand ununterbrochen zum Jubeln auf. Die NFL lässt grüßen. Auch die Dance-Cam macht die Runde im Raumschiff, bevor Katie Perry, sie hat einen mitreißenden Pop-Song mit dem Titel „Believe“, also „glauben“ im Repertoire, singt und Jason Sudekis, bekannt aus der TV-Serie Ted Lasso (er rettet sein Team mit dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten), ein paar Worte an die Zuschauer richtet.

Immerhin: Das Stadion ist, wenn auch nicht ausverkauft, gut gefüllt. Das war nicht unbedingt zu erwarten, die Partie gehörte lange zu den teuersten der kompletten WM. Viele Fans haben gewartet, bis die horrenden Preise gesunken sind. Obendrauf kommen schließlich Parkplatzgebühren von 100 bis 300 Dollar.

Dann folgt Baloguns großer Auftritt – und auf einmal hat das US-Team in 45 Minuten bereits so viele Treffer erzielt wie bei der kompletten WM in Katar. Der Anschlusstreffer der Albirroja durch Mauricio (73.) verkommt zur Kosmetik, weil die Pochettino-Elf weiter spielbestimmend bleibt und in der Nachspielzeit durch Giovanni Reyna traumhaft mit dem Außenrist zum 4:1-Endstand einschießt.

„Diese Mannschaft kann Großes leisten“

Die USA können im Siegesrausch beinahe schon für die K.-o.-Phase planen – und könnten als Gruppensieger stärkeren Gegnern wie etwa der DFB-Elf aus dem Weg gehen. Zwar stellt Paraguay keine echte Hürde dar und was die US-Boys wirklich draufhaben, bleibt abzuwarten. Aber: Die Albirroja kassierten in der WM-Qualifikation in 18 Partien nur acht Gegentore und auch im Freundschaftsspiel gegen Deutschland am vergangenen Wochenende waren die USA ein starker Gegner.

Nach der Partie sagt Zlatan Ibrahimovic beim US-Sender Fox: „Meine Botschaft an die Amerikaner lautet: Wenn ihr vor dem Spiel noch nicht daran geglaubt habt, dann solltet ihr nach dieser Leistung in der ersten Halbzeit anfangen, daran zu glauben. Diese amerikanische Mannschaft kann Großes leisten.“

Verwendete Quelle: ntv.de

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