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Schwarz-Rot lockert Arbeitszeit: „Ende des Acht-Stunden-Tags wäre volkswirtschaftlicher Unsinn“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Schwarz-Rot lockert Arbeitszeit„Ende des Acht-Stunden-Tags wäre volkswirtschaftlicher Unsinn“

29.05.2026, 16:24 Uhr Von Christina Lohner
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Das Institut der deutschen Wirtschaft schlägt vor, die tägliche Höchstarbeitszeit erst einmal für Bürobeschäftigte abzuschaffen. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Regierung und Arbeitgeber planen flexiblere Arbeitszeiten, auch im Sinne der Arbeitnehmer. Wie groß der Nutzen regelmäßig längerer Arbeitstage wäre, ist allerdings fraglich. Auch für die Unternehmen.

Die Bundesregierung will das Arbeitszeitgesetz reformieren, die Diskussion über den Acht-Stunden-Tag ist wieder in vollem Gange. Arbeitsministerin Bärbel Bas will in Kürze einen Gesetzentwurf vorlegen. „Wenn es nach der SPD und mir persönlich geht, fassen wir das Thema gar nicht erst an, aber es steht im Koalitionsvertrag“, sagte Bas vor Kurzem. Darin hat sich Schwarz-Rot verständigt, die „Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit“ zu schaffen.

Schon jetzt darf länger gearbeitet werden als acht Stunden pro Tag: bis zu zehn Stunden, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt acht Stunden pro Werktag nicht überschritten werden. So schreibt es das Arbeitszeitgesetz bisher vor.

Bei einer wöchentlichen Obergrenze wären auch mehr als zehn Stunden an einem Arbeitstag möglich. Ziel dürfte dabei zudem sein, die „Acht-Stunden-Mentalität“ zu überwinden, also stattdessen die Bereitschaft von Arbeitnehmern zu erzeugen, an einem normalen Arbeitstag länger als acht Stunden zu arbeiten – wie es der Job gerade erfordert.

Ihre Beschäftigten je nach Bedarf flexibel einsetzen zu können, würde der dauergeplagten Wirtschaft grundsätzlich helfen. Trotzdem ist fraglich, wie groß der Nutzen für die Arbeitgeber tatsächlich wäre. „Es ist kein Problem, ein, zwei Mal die Woche zehn Stunden zu arbeiten“, sagte Olaf Struck, Professor für Arbeitswissenschaft an der Universität Bamberg, im Interview mit ntv.de. „Wichtig ist, dass ein Ausgleich zeitnah, also innerhalb der folgenden Monate stattfindet“ – so, wie es bisher gesetzlich geregelt ist. Regelmäßig zehn oder noch mehr Stunden zu arbeiten, sei jedoch kontraproduktiv, sagt der Arbeitsforscher, der auch für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung tätig ist.

Produktivität sinkt, Fehler nehmen zu

„Der Acht-Stunden-Tag ist das Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse und wurde deshalb schon vor mehr als 100 Jahren eingeführt“, sagt Struck. „Davon abzuweichen, wäre sehr kurzfristig gedacht. Volkswirtschaftlich ist es Unsinn.“ Nach neun Stunden sinke die Konzentration, ab zehn Stunden passierten Fehler und Unfälle. „Das kann auch bei geistigen Tätigkeiten dramatische Folgen haben, zum Beispiel bei der Medikamentenzuteilung“, warnt der Forscher. „Auch Geschwindigkeit und Produktivität sinken nach der neunten, zehnten Stunde sehr stark, vor allem am Ende der Arbeitswoche.“

Produktiv arbeiten lässt sich ohnehin immer nur in einem Teil der Arbeitszeit, wie Struck ausführt – bei entsprechender Qualifikation, Ausgeruhtheit und Freude an der Arbeit sechs bis sieben Stunden am Tag. „In ganz vielen Jobs, in denen man etwa permanent abgelenkt wird, sind es vier, höchstens fünf Stunden.“

Lange Arbeitszeiten korrelieren laut dem Wissenschaftler zudem mit Stress und Schlafstörungen. Letztere beeinträchtigten nicht nur die Konzentration, sondern auch das Immunsystem. Gerade in höherem Alter entstehe dadurch auch ein volkswirtschaftlicher Schaden, etwa durch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Strucks Fazit: „Natürlich können Jüngere auch mal mehr und länger arbeiten, aber ein Leben lang wird das nicht funktionieren – auch wenn es immer Einzelfälle gibt, in denen es klappt.“ Der Professor für Arbeitswissenschaft vermisst in der Debatte um Mehrarbeit außerdem einen ganz anderen Aspekt: „Der Gesetzgeber muss auch darauf achten, dass wir in einer sozialen Welt leben.“ Schon beim Acht-Stunden-Tag blieben abzüglich Arbeitsweg und Zeit für Schlafen, Essen und Hygiene nur etwa drei Stunden am Tag für Familie, Bildung – auch der Kinder -, soziale Kontakte, Pflege von Angehörigen, Sport, Einkaufen, politisches und soziales Ehrenamt etc. „Wenn das noch weniger würde, zerstören wir uns Familie, die Bildung unserer Kinder, also unsere Gesellschaft.“

Nur im Büro mehr als zehn Stunden?

In den Augen von Bundesregierung und Arbeitgebern dagegen würde eine Flexibilisierung der Arbeitszeitregeln Familien im Gegenteil unterstützen, da sich Beruf und Kinderbetreuung dann besser vereinbaren ließen. „Die Arbeitswelt ist im Wandel“, heißt es im Koalitionsvertrag. Der Acht-Stunden-Tag sei für die Industriegesellschaft wichtig gewesen, sagt der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. „Wir haben heute eine sehr viel stärker dienstleistungsorientierte Wirtschaft, wir haben ganz andere Bedingungen in den Familien, wo zwei arbeiten, und damit auch ganz andere Zeitausgleiche zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Familie und Beruf zu organisieren sind.“

Gelebte Praxis vieler Eltern ist andererseits schon lange, sich am Wochenende oder abends, wenn die Kinder im Bett sind, noch einmal an den Bildschirm zu setzen, um zu Ende zu bringen, was sie bis Kita-Schluss nicht geschafft haben. Um auch offiziell zu ermöglichen, dass es dabei spät wird, müsste die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden zwischen Feierabend und Dienstbeginn am nächsten Morgen verkürzt werden. Die geltenden Ruhezeiten sollen laut Koalitionsvertrag aber explizit erhalten bleiben. Auch wenn das IW rät, dies zu überdenken.

Bundesregierung und Arbeitgeber betonen zudem die Freiwilligkeit flexiblerer Arbeitszeiten – Beschäftigte sollten nicht gezwungen werden, sondern die wöchentliche Arbeitszeit im gegenseitigen Einvernehmen verteilt werden, wie es das IW formuliert. Führungskräfte sollten zudem bei ihren Mitarbeitern dem Gefühl entgegenwirken, permanent erreichbar sein zu müssen.

In der Realität hätten jedoch sicher nicht alle Beschäftigten bei den Arbeitszeiten eine echte Wahl. Mal davon abgesehen, dass sich dies je nach Tätigkeit auch organisatorisch teils schwer umsetzen ließe. Doch nicht jeder Arbeitnehmer kann einfach den Job wechseln, wenn ihm die flexiblen Arbeitszeiten nicht passen – oder er diese physisch oder psychisch nicht schafft.

Mit Blick auf die Sorgen um den Arbeitsschutz schlägt das IW zur Güte vor, eine wöchentliche Höchstarbeitszeit erst einmal nur für Bürobeschäftigte einzuführen. Bei ihnen drohen laut einer Analyse des Instituts dadurch keine zusätzlichen Gesundheitsrisiken. Wäre der Acht-Stunden-Tag erst einmal in Büros abgeschafft, dürfte dessen Ende allerdings über kurz oder lang auch in anderen Jobs folgen.

Quelle: ntv.de

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