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Startseite»Politik»Sind Flutkatastrophen wie im Himalaya auch in den Alpen möglich?
Politik

Sind Flutkatastrophen wie im Himalaya auch in den Alpen möglich?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 10, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 10.09.2026 • 17:09 Uhr

Die Flut in Nepal und Tibet Ende August kostete Hunderte Menschen das Leben. Ausgelöst wurde das Unglück durch einen Felssturz. Ist eine vergleichbare Katastrophe auch in den Alpen möglich?

Am 28. Mai 2025 brach am Kleinen Nesthorn in der Schweiz ein großer Teil des Birchgletschers ab. Zuvor waren mehrere Felsstürze auf dem Eis niedergegangen und hatten so den Druck auf den Gletscher nach und nach erhöht. Über neun Millionen Kubikmeter Felsgestein und Eis stürzten ins Tal und begruben das kleine Bergdorf Blatten fast vollständig unter sich.

Bei der katastrophalen Flut im Himalaya Ende August 2026 lösten sich ebenfalls große Mengen Eis und Gestein. Doch wie stark ähneln sich beide Ereignisse tatsächlich – und könnte sich eine Katastrophe wie in Nepal und Tibet auch in den Alpen ereignen?

Bei dem Gletschersturz im schweizerischen Kanton Wallis wurde das Bergdorf Blatten größtenteils zerstört.

Bergsturz in Nepal und Tibet war fatale Kettenreaktion

Anders als in Blatten löste im Himalaya nicht ein Gletscher-, sondern ein Felssturz am Nordhang des 7.227 Meter hohen Langtang Lirung in Nepal die Katastrophe aus. Dabei wurden auch Teile eines Gletschers abgerissen, erklärt Holger Frey, Experte für Gefahren durch Gletscher- und Permafrost im Hochgebirge von der Universität Zürich.

„In der Nepal-China-Grenzregion ist eine enorm große Masse an Fels abgebrochen, hat das Gletschereis mitgenommen und sich dann mit Wasser, das im Sediment gespeichert war, und dem Wasser im Fluss zu einer unvorstellbar großen Flutwelle aufgetürmt“, so Frey.

Ursachen für Himalaya-Katastrophe noch unklar

Wie dieser Prozess genau ablief und woher die gewaltigen Wassermassen letztlich kamen, ist allerdings noch nicht vollständig geklärt. Zwar könnten die enormen Kräfte während des Bergsturzes große Teile des Gletschereises in Wasser umgewandelt haben. Doch ob das allein die freigesetzte Wassermenge erklärt, ist fraglich.

Hinweise auf einen sogenannten Gletscherseeausbruch, der zusätzlich Wasser freigesetzt haben könnte, gibt es nicht. Möglicherweise könnte laut Holger Frey im Gestein eingelagertes Wasser für die gewaltige Sturzflut mitverantwortlich sein.

Geländeform im Himalaya verstärkte die Wirkung der Flut

Ein weiterer Unterschied: Der Gletschersturz in Blatten war nicht nur deutlich kleiner als der am Langtang Lirung. Dort fehlten offenbar auch große, im Boden oder im Gestein gebundene Wassermengen, die eine Flutwelle hätten auslösen können.

Zudem unterscheidet sich die Topographie, also die Form der Täler, in den Alpen von der im Himalaya-Gebirge. Dort gebe es „steilere, längere, sehr enge Täler, die auch dazu beigetragen haben, dass diese Flutwelle über 100 Kilometer so zerstörerisch sein konnte“, erklärt Frey.

In den Alpen unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Es gilt daher als sehr unwahrscheinlich, dass es in den Alpen zu einer ähnlichen Katastrophe wie der in Nepal und Tibet kommen könnte. Völlig auszuschließen ist das dem Experten zufolge allerdings nicht.

Auch bestimmte Bereiche der Alpen sind von Permafrost durchsetzt, der langsam abtaut. Das macht viele Hänge so instabil, dass sie abbrechen könnten. Gefährliche Flutwellen aus Schlamm und Geröll kann es dann durchaus auch in den Alpen geben. Zu heftigen Sturzfluten könnte es beispielsweise kommen, wenn Schutt und Geröll Barrieren bilden, Schmelzwasser von Gletschern anstauen und ein Damm plötzlich nachgibt.

Besonders drastisch können Sturzfluten ausfallen, wenn Wasser- oder Geröllmassen in menschengemachte Stauseen treffen, wie etwa bei der Katastrophe von Vajont in Norditalien im Jahr 1963. Ein ganzer Berghang stürzte damals in den Stausee oberhalb des Städtchens Longarone und löste eine gewaltige Flutwelle aus, die mehrere Dörfer zerstörte und etwa 2.000 Menschen das Leben kostete.

Neue Szenarien für Wasserbauer

Für Markus Aufleger, Professor für Wasserbau an der Universität Innsbruck, sind Ereignisse wie die Flut in Nepal ein Weckruf. Bedingt durch den Klimawandel werden sich Fels- und Gletscherabbrüche auch in den Alpen häufen.

Bei Schutz- und Wasserbauten wie Talsperren müsse man umdenken. „Wir müssen die Resilienz verstärken: Das heißt, Wasser- und auch andere Bauwerke müssen stärker darauf ausgelegt werden, dass etwas passieren kann, womit wir bislang nicht gerechnet haben“, so der Wissenschaftler.

Staudämme sollten verstärkt werden

Komplett vor Sturzfluten schützen lassen sich die Alpentäler durch Schutzbauten nicht. Allerdings könnten schon relativ einfache Maßnahmen dazu beitragen, eine Flutkatastrophe zu verhindern, betont Markus Aufleger. Zum Beispiel könnten oben auf einem Damm große Steine verteilt werden. Für ihn sei allerdings konsequenter Klimaschutz die wichtigste Maßnahme, um zukünftige Katastrophen zu vermeiden.

Was im Alpenraum jetzt schon insgesamt recht gut funktioniert, ist die Überwachung von absturzgefährdeten Bereichen im Hochgebirge. In Blatten konnte dank intensiver Überwachung und rechtzeitiger Warnung das später verschüttete Dorf rechtzeitig evakuiert werden.

Allerdings könnten nach Expertenmeinungen Alarm- und Vorwarnsysteme noch verbessert werden – etwa mit Schulungen und genauen Anweisungen für die Bevölkerung, beispielsweise für den Fall einer Sturzflut. Dann kann rasches und richtiges Handeln über Leben und Tod entscheiden.

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