Süßer Geschmack ohne Kalorien – Süßstoffe machen es möglich. Ihr Nutzen für Diabetiker und zur Gewichtskontrolle ist groß. Aber immer wieder wird über mögliche Gesundheitsgefahren berichtet. Was ist dran?
Der erste Süßstoff kam schon vor 130 Jahren auf den Markt: Saccharin. Seitdem ist es möglich, Lebensmitteln ohne die Verwendung von Zucker einen süßen Geschmack zu verleihen. Heute gibt es neben zahlreichen nahezu kalorienfreien Süßstoffen auch sogenannte mit dem Haushaltszucker chemisch verwandte Zuckeraustauschstoffe. Allerdings stehen Süßungsmittel wegen möglicher gesundheitlicher Risiken in der Kritik, auch in wissenschaftlichen Kreisen.
Alternative Süßkraft
Die gesundheitlichen Nachteile von Zucker sind weithin bekannt. Da sind Alternativen gefragt. Süß- und Zuckeraustauschstoffe versprechen süßen Geschmack ohne Reue. Süßstoffe sind meistens synthetisch hergestellte Moleküle von erheblicher Süßkraft, die keine Kalorien mit sich bringen. Zusammen mit den Süßstoffen bilden Zuckeraustauschstoffe die Gruppe der Süßungsmittel.
Bei Letzteren handelt es sich um sogenannte Zuckeralkohole, die eine ähnliche Süßkraft haben wie Zucker, jedoch weniger Kalorien und einen geringeren Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. Dazu zählen etwa Xylit, Erythrit oder auch Sorbit. Im Gegensatz zu Süßstoffen haben Zuckeralkohole aber eine mögliche Nebenwirkung: In größeren Mengen können sie abführend wirken. Ein entsprechender Warnhinweis prangt deshalb auf den jeweiligen Lebensmitteln.
Medizinischer Nutzen
Dennoch spielen Süßstoffe ebenso wie Zuckeraustauschstoffe eine wichtige Rolle für Menschen mit Diabetes und für die Gewichtskontrolle. „Es ist eine sehr gute Möglichkeit, süße Getränke, süße Dinge zu sich zu nehmen, ohne einen Blutzuckeranstieg zu haben“, sagt Leona Le Grant, Ärztin für Allgemeinmedizin und in Weiterbildung für das Fachgebiet Diabetologie. Sie empfehle ihren Patienten, Süßstoffe zu verwenden, aber in Maßen. Es komme darauf an, statt gesüßten Getränken mehr Wasser zu trinken.
Denn Süßungsmittel bewirken wie Zucker, dass der süße Geschmackssinn angesprochen wird – und das Gehirn darauf geprägt bleibt. Experten empfehlen eine Entwöhnung, um das Verlangen nach Süßem langfristig zu reduzieren. Schon früh im Leben lässt sich vorbeugen: Je weniger Zucker und Süßungsmittel Babys und Kindern gegeben werden, desto geringer sind später das Verlangen und die gesundheitlichen Nachteile.
Auch medizinische Risiken?
Den reuelosen Genuss von Süßungsmitteln vermiesen Berichte über gesundheitliche Risiken, die nicht nur unkontrolliert in den sozialen und anderen Publikumsmedien verbreitet werden, sondern auch aus wissenschaftlichen Untersuchungen stammen. 2023 postulierte eine Studie aus dem Berliner Universitätsklinikum Charité, dass der Zuckeraustauschstoff Erythrit das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und verfrühten Tod erhöhe.
Der Ernährungswissenschaftler Martin Smollich vom Lübecker Universitätsklinikum sieht hier keine Gefahr: „Diese Studie war sehr experimentell. Das ist nicht eins zu eins auf das normale Leben übertragbar. Da muss man sich keine Sorgen machen in den üblichen Mengen, in denen man diese Substanzen konsumiert.“
Der Süßstoff Aspartam soll sogar das Krebsrisiko erhöhen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Aspartam 2023 als „möglicherweise krebserregend“ ein. Auch hier rät Smollich, die Dosis zu berücksichtigen: „Damit man in kritische Bereiche kommen könnte in Bezug auf ein Krebsrisiko, müssten wir ungefähr 20 Liter Coke Zero pro Tag trinken, lebenslang.“
Beim Süßstoff Sucralose gibt es die Warnung, bei Erhitzen über 120 Grad könnten krebserregende Substanzen entstehen. Hier rät Martin Smollich zur Vorsicht: „Wir wissen noch nicht wie relevant das in Backwaren wirklich ist. Da gibt es noch Forschungsbedarf.“ Sicherheitshalber solle man auf das Erhitzen von Sucralose verzichten – das rät auch das Bundesinstitut für Risikobewertung.
Einfluss auf das Mikrobiom
Auch gibt es immer wieder Meldungen, Süßstoffe würden die Darmflora schädigen, und damit negative Folgen haben, wie zum Beispiel eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels. Tatsächlich zeigen Studien, dass Süßstoffe im Darm das Mikrobiom verändern. Aber das machen alle Nahrungsmittel, auch Zucker. „Wir wissen ernährungsmedizinisch gar nicht was gut oder schlecht ist“, sagt Ernährungsmediziner Smollich dazu. „Verändern bedeutet nicht verschlechtern.“ Er rät insgesamt auf die Ernährung zu achten und sich mikrobiomfreundlich zu ernähren.
Zusätzliche Kilos durch Süßstoffe?
Geradezu paradox mutet die Warnung an, der Konsum von Süßstoffen steigere das Körpergewicht – anstatt es zu senken. In der Vergangenheit haben wissenschaftliche Studien diesen Zusammenhang immer wieder hergestellt. Aber bewiesen war das nie. Jetzt hat eine sehr große Studie mit 120.000 Teilnehmenden eindeutig gezeigt: Getränke mit Süßstoffen wirken auf das Körpergewicht wie Wasser.
Die früheren irreführenden Ergebnisse erklärt Smollich mit umgekehrter Kausalität: Man sehe einen Zusammenhang zwischen zwei Sachen, wisse aber nicht, was die Ursache ist. „Wenn ich sehe, dass Windräder sich drehen, dann kann ich sagen: Wir haben Wind, weil sich die Windräder drehen. Oder umgekehrt: Die Windräder drehen sich, weil wir Wind haben.“ Bedeutet in diesem Fall: Menschen mit höherem Körpergewicht griffen möglicherweise einfach häufiger zu Süßstoffen. Die genaue Ursache könnten nur in die Zukunft gerichtete, kontrollierte Studienprotokolle feststellen – und die lägen jetzt durch die große Untersuchung vor.
Die widersprüchlichen Berichte über Süßungsmittel können verwirrend sein. In Detailfragen ist der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis eben noch nicht endgültig. Doch eine medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnis ist sicher: Zucker hat eindeutig negative Auswirkungen auf die Gesundheit. In Maßen genossen können Süßstoffe und auch Zuckerersatzmittel eine gute Alternative sein.
