Ist der Literaturnobelpreis verliehen, steigt die Nachfrage nach den Büchern. Der sogenannte Nobelpreis-Effekt stellt Buchhandlungen regelmäßig vor Herausforderungen. Doch nicht alle Preisträger profitieren gleich viel.
Wer in der Berliner Buchhandlung Dussmann kurz nach Bekanntgabe des Literaturnobelpreises auf der Suche nach Werken der soeben ausgezeichneten Kanadierin Anne Carson ist, sollte gut Englisch beherrschen. Bücher wie „Eros the Bittersweet“ oder „Autobiography of Red“ seien nur im Original vorrätig, berichtet Gibran Syed, Floormanager für Moderne Literatur bei Dussmann.
Die deutschen Übersetzungen seien in Kürze wieder lieferbar, größere Mengen aller lieferbaren Titel seien bestellt. Bis dahin könne man auf E-Books zurückgreifen, so Syed. Weil aber gerade bundesweit Buchhandlungen versuchen, schnell an die knappen Exemplare zu kommen, sei nicht klar, ab wann der Preisträgertisch am Eingang mit deutschen Fassungen von Anne Carson bestückt werden könne.
Buchhandel und Verlage können sich kaum auf den Nobelpreis für Literatur vorbereiten. Die Schwedische Akademie hält die Favoritenliste streng geheim. Immer wieder gibt es Überraschungen bei den Literaturnobelpreisträgern. Die Übersetzungen der Bücher sind nicht zwangsläufig vorrätig. Im Jahr 2021 etwa, als der damals im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannte Autor Abdulrazak Gurnah ausgezeichnet wurde, war keines seiner Werke auf Deutsch zu haben. Das ist in diesem Jahr anders.
Große Aufgabe für kleine Verlage
Die Auszeichnung ist gerade für kleinere Verlage eine Herausforderung. Andreas Rötzer vom Verlag Matthes & Seitz, in dem insgesamt vier Bücher der diesjährigen Preisträgerin Anne Carson erschienen sind, stellt sich auf viel Arbeit ein: „Wir überlegen jetzt, wie viel man nachdruckt und welche Bücher wir nachdrucken. Den Fall hatte ich selbst noch nicht.“
Erfahrung auf diesem Feld hat Thedel von Wallmoden. Der Gründer des Wallsteinverlags hat ebenfalls ein Buch von Carson im Programm. Im Jahr 2009 bekam mit Herta Müller schon mal eine seiner Autorinnen den Nobelpreis. Neben dem damals aktuellen Buch „Atemschaukel“ hätten sich auch frühere Werke von ihr „in fünfstelligen Auflagen-Größenordnungen“ verkauft.
Wie lange wirkt der Nobelpreis-Effekt?
Das Interesse an Werken von Nobelpreisträgern und -trägerinnen ist generell groß. In den ersten vier Wochen nach der Auszeichnung wurden im vergangenen Jahr die Bücher des Gewinners Laszlo Krasznahorkai knapp 400-mal häufiger verkauft als in den zwölf Wochen zuvor. Das zeigt eine Auswertung des Marktforschungsunternehmens Media Control im Auftrag des RBB. Die rasant gestiegene Nachfrage betraf nicht nur sein jüngstes Werk, sondern auch ältere Titel.
Das ist ein Unterschied zum ebenfalls diese Woche verliehenen Deutschen Buchpreis, bei dem es um ein einzelnes aktuelles Buch geht und weniger ums Gesamtwerk.
Auch ein Jahr später werden die Bücher von Laszlo Krasznahorkai laut Media Control pro Woche noch 16-mal häufiger verkauft als vor der Auszeichnung. Doch generell verpuffe der Effekt nach ein bis maximal zwei Jahren wieder, sagt Sandra Richter, Leiterin des Literaturarchivs Marbach. „Die Aufmerksamkeit gehört dann dem nächsten Nobelpreisträger oder der nächsten Nobelpreisträgerin und seinen oder ihren Büchern.“
Nicht alle Autoren profitieren gleich stark
Die Literaturwissenschaftlerin hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Dîlan Canan Çakir für den deutschsprachigen Raum untersucht, ob es einen Nobelpreis-Effekt gibt. Ihr Fazit: Die Zahl der Übersetzungen und damit die internationale Sichtbarkeit steigt nach der Verleihung deutlich an, der Preis funktioniert wie ein Gütesiegel.
Doch der Nobelpreis-Effekt, sagt Richter, falle nicht bei allen gleich stark aus. Das zeige das Beispiel von Pearl S. Buck, einer amerikanischen Autorin, die 1938 den Literaturnobelpreis erhielt. „Sie war wenig beliebt und ihre Texte galten nicht als herausragend, sodass sie von diesem Nobelpreis gar nicht so viel hatte“, erklärt Richter.
Ihre Studie zeigt zudem, dass Autoren, die bereits vor der Preisverleihung international etabliert waren, weniger von dem Effekt hatten. So war es bei Thomas Mann, der 1929 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Der Nobelpreis ist keine notwendige Bedingung für den weltweiten Ruhm eines Autors, aber er begünstigt ihn“, so Richter weiter.
Auch das Genre hat Auswirkungen
Gibran Syed von der Buchhandlung Dussmann rechnet für die Bücher von Anne Carson mit etwas weniger Nachfrage als bei Laszlo Krasznahorkai. Lyrik und essayistische Literatur erreichten erfahrungsgemäß ein weniger breites Publikum, so Syed. „Aufgrund von Anne Carsons Bedeutung im internationalen Literaturbetrieb und ihrer langjährigen, treuen Leserschaft erwarten wir aber eine sehr solide Nachfrage über ihr Gesamtwerk hinweg.“
Wenn Carson am 10. Dezember den bedeutendsten Literaturpreis der Welt überreicht bekommt, wird man bei Dussmann vorbereitet sein. Nicht zuletzt, weil die Buchhändler aus Erfahrung wissen, dass die Bücher der aktuellen Nobelpreisträger gern als Weihnachtsgeschenk gekauft werden.
