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Sprachen als lebendige Phänomene: Was Bazooka und Pyjama mit dem Algorithmus verbindet

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 20, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Sprachen als lebendige PhänomeneWas Bazooka und Pyjama mit dem Algorithmus verbindet

19.09.2026, 16:20 Uhr Von Torsten Landsberg
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„Der ‚Pyjama‘ ist heute ein europäisches Wort, wanderte aber aus dem Iran ins Indische, dann ins Englische und Deutsche“, sagt der Iranist Ludwig Paul. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Über Sprache und ihre Herkunft machen wir uns im Alltag kaum Gedanken. Dabei haben viele Begriffe weite Strecken zurückgelegt, zum Beispiel aus dem Persischen. Der Iranist Ludwig Paul hat sie zusammengetragen.

Wenn es die Situation hergibt, greifen Politiker gerne auf besonders plakative Metaphern zurück. Als Reaktion auf die Wirtschaftskrise in der Corona-Pandemie kündigte der damalige Bundesfinanzminister Olaf Scholz an, die Wirtschaft mit einer „Bazooka“ auszustatten. Damit gemeint waren unbegrenzte Kreditprogramme und Hilfsgelder – nicht kleckern, sondern klotzen! Ob er dabei an das gleichnamige Blechblasinstrument vom Beginn des 20. Jahrhunderts oder die raketengetriebene Panzerabwehrwaffe der US-Armee dachte? Die Algorithmen spielten jedenfalls bald Karikaturen und Memes von Scholz mit großem Geschütz aus. Gemeinsam haben die Bazooka und der Algorithmus, dass sie für ihren Weg in die deutsche Sprache lange Strecken und Jahre zurücklegen mussten.

„Es gibt einige Hauptrouten, die man gut nachvollziehen kann“, sagt Ludwig Paul, Professor für Iranistik an der Universität Hamburg und Autor von „Pfeffer, Pfirsich, Paradies – Kleines Lexikon deutscher Wörter persischer Herkunft“, im Gespräch mit ntv.de. Iran sei über Jahrhunderte hinweg eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Kulturkreisen gewesen. Das Persische habe in vorislamischer Zeit viele Begriffe an das Griechische abgegeben, die sich über Umwege ins Deutsche verbreitet hätten. „Als Iran noch kulturell vorherrschend war, sind die Wörter vor allem über das Arabische in europäische Sprachen eingezogen, manchmal auch über das Türkische, über Südosteuropa oder das Russische.“

Verbreitet haben sich Wörter historisch vor allem über Handelsrouten wie die Seidenstraße. „Arabische Händler haben vom 8. bis zum 11. Jahrhundert den Mittelmeerraum dominiert und mit den Gütern auch Wörter nach Südeuropa gebracht: Zitrone, Limone oder Aubergine“, sagt Paul, der im vergangenen Jahr bereits das Buch „Iran – Geschichte, Kultur und Gesellschaft“ veröffentlichte. Viele Entwicklungen seien naheliegend gewesen, manche beruhten aber auch auf Zufällen: „Man kann nie vorhersagen, ob es ein Wort in eine andere Sprache schafft.“

Aus Schurlemurle wird Schorle

Über verschlungene Wege finden Begriffe mitunter sogar zurück zu ihrem Ursprungsort. „Der ‚Pyjama‘ ist heute ein europäisches Wort, wanderte aber aus dem Iran ins Indische, dann ins Englische und Deutsche“, sagt Paul. Der ursprünglich persische Begriff pāǧāme bezeichnete in Indien eine leichte Stoffhose. Die trugen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Angehörige der britischen Kolonialmacht – weil sie so bequem war, wurde sie bald zum Nachtkleid. Als die Briten das Kleidungsstück in ihre Heimat brachten, zog auch das Wort in leicht abgewandelter Form und samt seiner neuen Bedeutung als Schlafanzug mit. „Inzwischen sagen die Iraner auch ‚Pyjama‘, weil es aus dem Französischen wieder im Iran ankam – ein Wort, das sich vor vielen hundert Jahren aus dem Persischen auf den Weg nach Europa gemacht hat.“

Wen es im Sommer bei heißen Temperaturen nach einer Erfrischung dürstet, greift gerne zur Schorle. Manchmal ist es schade, dass sich Sprache verändert, denn vom 18. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bestellte man das Mischgetränk als Schorlemorle oder Schurlemurle. Einwandfrei belegen lässt sich die Herkunft des Wortes laut Paul nicht. Zwar würden manche Autoren Schorle vom persischen Wort für Tumult ableiten – šūr(-mūr) , das ließe sich aber am ehesten mit Schurimuri in Verbindung bringen, einer Bezeichnung für aufgeregte Menschen. Die Verbindung zur Schorle lasse sich letztlich nicht erhärten.

Eindeutiger ist die Lage bei einem Verkaufsort der Schorle, nämlich dem Kiosk. Der geht auf das klassisch-persische kōšk zurück, das ein kleines Schloss bezeichnete. Vom Persischen wanderte es als köschk ins Osmanisch-Türkische und weiter ins Russische. Dort wurde ein ö in Lehnwörtern durch jo ersetzt, und so zog der kjosk weiter nach Polen, Frankreich und Deutschland. Dort bezeichnete das Wort im 18. Jahrhundert kleine Pavillons in Parkanlagen. Weil Menschen dort verweilten, gab es in den Häuschen bald Erfrischungen und Blumen zu kaufen. So verbreitete sich der Begriff im 19. Jahrhundert für kleine Verkaufshäuschen in die Städte. Im 20. Jahrhundert kehrte das Wort Kiosk in seiner europäischen Bedeutung aus dem Französischen in das Persische zurück.

Sprachen verändern sich ständig

Neue Begriffe ziehen auch heute noch in die verschiedenen Sprachen ein, etwa durch technische Neuerungen, kulturelle Trends und ihre rasante globale Verbreitung infolge der Digitalisierung. Das Handy gibt es noch gar nicht so lange, und dass wir heute alle wissen, was ein Algorithmus ist, liegt an der Verbreitung der sozialen Netzwerke. „Sprachen sind lebendige Phänomene, die sich ständig weiterentwickeln, das Deutsche wird in hundert Jahren ganz anders klingen“, sagt Paul.

Kann das Bewusstsein für Sprache und ihre Herkunft in einer zugespitzten und manchmal feindseligen Welt vielleicht gar einen kleinen Beitrag zur Verständigung leisten? „Es wäre schön, wenn die Wahrnehmung dafür wächst, wie eng alles miteinander verbunden und wie international die Kultur ist.“ Zwar hänge sprachlich alles mit allem zusammen, allerdings habe es in der Geschichte häufig genug Konflikte und Kriege zwischen benachbarten Völkern mit gleicher oder ähnlicher Sprache gegeben, etwa im ehemaligen Jugoslawien oder aktuell in der Ukraine. „Ein gemeinsames sprachliches Erbe hat leider keine befriedende Wirkung.“

Die verbindende Bedeutung von Sprache spürt Paul trotzdem. „Als historischer iranischer Linguist interessiert sich normalerweise nur ein sehr kleiner Kreis von Spezialisten für meine Arbeit.“ Seit der Recherche am Lexikon schlage ihm nun auch von fachfremden Menschen Interesse entgegen. „Die Entwicklung von Sprache ist unglaublich lebendig, und es macht die Menschen neugierig, welche Geschichten sich hinter Wörtern verbergen. Ich kann mich darüber wunderbar mit Verwandten und Freunden unterhalten.“

Quelle: ntv.de

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