Starker Windstoß in TiefblauDen Renault Rafale gibts als Auto und Flugzeug
Erstmals steigt in diesen Tagen wieder der Caudron-Renault C.460 Rafale in den Himmel, 90 Jahre nach seinen Weltrekorden. Das Flugzeug ist Namensgeber und Inspiration für das automobile Topmodell der Franzosen. Auf der Fahrt mit dem rollenden zum fliegenden Rafale wird der Antrieb dahinter deutlich.
Zuerst ist da nur ein Summen. Dann wächst aus dem Morgendunst über dem Flugplatz Melun-Villaroche eine winzige Silhouette heran – kaum sieben Meter Spannweite, kurze Flügelchen, ein zierlicher Rumpf; wie ein flüchtiger Gedanke, in Holz geschnitzt und sommerhimmelblau lackiert an den Himmel geschickt. Der Caudron-Renault C.460 Rafale setzt auf, rollt aus, kommt zum Stehen. Und sieht noch kleiner aus als in der Luft. Der Pilot muss sich ducken, um unter die niedrige Glaskanzel zu passen.
Keine 20 Meter entfernt parkt jetzt sein wuchtiger Namensvetter: der Renault Rafale E-Tech 300, ein 4,71 Meter langes SUV-Coupé, fast zwei Tonnen schwer und in dem ebenso leuchtenden Blau, das von jeher die Hautfarbe französischer Gefährte mit Rennsport-Ambitionen ist. Eine bullige Silhouette, die um Aufmerksamkeit buhlt. Zwischen den beiden Rafales liegen 90 Jahre.
Rares und legendäres Sportgerät
Der Hersteller hat seinen Ausflug in die Vergangenheit – und den Beleg der Besonderheit – sorgfältig inszeniert und akribisch vorbereitet. Étienne Henry, Direktor bei Renault, erzählt, wie die Suche nach einem Exemplar des raren und legendären Sportgeräts begann: erst einmal über Hörensagen, „unter anderem durch meinen eigenen Vater, selbst Pilot“. Im März 2023 kaufte Renault eine Replika des Flugzeugs und ließ sie aus Kalifornien nach Frankreich überführen. Die detailgetreue Aufarbeitung in die klassische Gestalt übernahm Bruno Ducreux.
Der Pilot und Restaurator bei Aéro Restauration Service in Dijon hat den „Windstoß“, was Rafale auf Deutsch bedeutet, wieder zum Wehen gebracht. Und stürmt mit Fullspeed vor der Landung eine Ehrenrunde über die Fans. Dann klettert der Experte auf der ehemaligen Militärbasis gewandt aus dem engen Einsitzer. „Das Fahrgestell habe ich lange vor dem Jungfernflug vollständig zerlegt, inspiziert und verstärkt“ erklärt der drahtige Meister der Lüfte – und strahlt vor Begeisterung.
Denn gerade heute ist der C.460 erstmals seit Jahrzehnten wieder öffentlich abgehoben – und auf der Betonpiste so souverän gelandet wie ein Linienflug der Air France. Keine Selbstverständlichkeit, denn der blaue Pfeil ist ziemlich kopflastig wegen des großen Motors hinter dem Propeller – und wegen der kurzen Flügel muss Ducreux ziemlich beherzt mit dem Gaszug umgehen, wenn er starten oder landen möchte.
Unglaubliche Leistungen
In der Luft ist der Rafale aber von jeher eine Schau. Was dieses asketische Flugzeug einst leistete, klingt noch immer kaum glaubwürdig. Hélène Boucher stellte am 8. August 1934 mit dem C.450 den internationalen Geschwindigkeitsrekord über 1000 Kilometer auf 409,184 km/h auf – und am selben Tag den Rekord über 100 Kilometer auf 412,371 km/h. Kurz darauf fielen die 500 km/h, so schnell sauste der Vater aller französischen Jagdflugzeuge mit seinem 300-PS-Motor, einem Rumpf aus Fichte und Birkensperrholz sowie Tanks aus Magnesium. Leichtbau, konsequent gedacht – wie in der Formel 1 von heute, nur eben vorzugsweise in Holz.
Étienne Henry fasst den Antrieb dazu knapp zusammen: „Louis Renault hatte Leidenschaft für alle Fortbewegungsmittel. Er hat Autos gebaut, aber auch Züge und Flugzeuge.“ In den 1920er-Jahren begann er, die Gebrüder Caudron mit Motoren zu beliefern. 1933 kaufte er die Gesellschaft und gründete Caudron-Renault. Aus dieser Verbindung entstand jenes Rennflugzeug, das die Luftfahrt der Dreißigerjahre aufmischte – und mehr noch: eine Dynastie von Rafale-Performern, in der Luft und seit ein paar Jahren auch zu Lande.
Von technischen Höchstleistungen der Luftfahrt inspiriert
Viele der klassischen blauen Rennwagen von Renault waren zudem ebenfalls von den technischen Höchstleistungen der Luftfahrt inspiriert. Bei Modellen wie dem nervasport, tank-riffard oder etoile-filante sind die Parallelen zum aerodynamischen Flugzeugbau offensichtlich. Die blauen Rekordhalter vergangener Jahrzehnte stehen an diesem Tag ebenfalls in den Hallen von Melun-Villaroche.
Der Weg zum Wiedersehen mit dem Ahnherrn beginnt am frühen Morgen in Paris – und per Renault Rafale E-Tech 300 in der Topversion Atelier Alpine. Vorbei an den Grands Boulevards, dann auf die A6 Richtung Melun. Der Verkehr fließt. Die Dämpfer reagieren auf jeden Spalt im Asphalt, gesteuert von einer Kamera hinter der Windschutzscheibe, die die Straße in Echtzeit scannt. An Vorder- und Hinterachse sitzt jeweils ein Elektromotor – vorn mit 50 kW, hinten mit 100 kW – was den Rafale zum Allzeit-Allradler macht. Dazu kommt ein 1,2-Liter-Dreizylinder mit 150 PS. Die Systemleistung liegt wie bei der ursprünglichen Rafale bei 300 PS, die Beschleunigung von null auf 100 km/h gelingt in 6,4 Sekunden.
Auf dem Flugplatz dann: Vintage-Propellermaschinen, auch ein paar Mirage-Militärjets, das Parfum Marke Flugbenzin zieht durch rostige Blech-Hallen, über Beton und Gras. Die Teams auf dem Flugfeld strahlen eine Art schneidiger Gelassenheit aus. Profis eben. Das passt auch zum Rafale der Straße. Nur die Flügel fehlen. Dennoch sieht das Flugzeug neben dem geräumigen Auto fast schon winzig aus. Aber oho …
Auf zwei Flugschauen wird das blaue Wunder dieses Jahr noch zu sehen sein. Dann heißt das nächste Ziel Renault-Museum. „Les Collections“ in Flins sollen Ende 2027 öffnen. Auch zu seiner letzten Ruhe fliegt Rafale natürlich aus eigener Kraft. Ehrensache.
Am frühen Nachmittag heißt es au revoir, Rafale der Lüfte – und bienvenue im Fahrzeug zur Rückfahrt nach Paris. Die 22-kWh-Batterie des Rafale soll bis zu 105 Kilometer rein elektrische Reichweite ermöglichen; realistisch sind 80 Kilometer drin. Die Allradlenkung macht den Wagen erstaunlich handlich: Beim Rangieren schlagen die Hinterräder in die entgegengesetzte Richtung der Vorderräder ein, was den Wendekreis auf 10,4 Meter reduziert – das Niveau eines Kleinwagens. Aus dessen Regal kommt auch der 1,2-Liter-Dreizylinder-Benziner als Unterstützer der Elektromotoren. Zusammen treiben sie durchaus überzeugend Sport.
Natürlich nicht auf dem Niveau des kleinen Rennflugzeugs aus Sperrholz und mit dessen Ehrgeiz, die Weltrekordlisten anzuführen, aber doch mit Chancen, eines Tages einen schönen Platz in der musealen Renault-Kollektion zu bekommen.
