Laut einer Studie unterschätzen deutsche Politiker und Politikerinnen, wie viele Menschen zu zusätzlichen Steuern oder härteren Gesetzen für mehr Klimaschutz bereit sind. Dahinter könnte ein psychologisches Phänomen stecken.
Fast die Hälfte der Deutschen wäre bereit, ein Prozent ihres Einkommens für den Klimaschutz zu spenden. Politiker und Politikerinnen schätzten diesen Anteil in der Bevölkerung auf weniger als ein Fünftel. Diese und andere Fragen zur tatsächlichen und vermuteten Bereitschaft zum Klimaschutz haben die Wissenschaftler Wilhelm Hofmann von der Ruhr-Universität Bochum und Timur Sevincer von der Leuphana Universität Lüneburg in Umfragen deutschen Politikern, aber auch Bürgern gestellt.
Die Forscher haben dabei besonders bei politischen Entscheidungsträgern eine enorme Diskrepanz zwischen angenommener und tatsächlicher Zustimmung für Klimaschutzmaßnahmen in der deutschen Bevölkerung festgestellt.
Klima-Unterstützung wird „systematisch“ unterschätzt
Für ihre Studie haben die Wissenschaftler mehr als 2.000 Bürger und etwa 1.600 politische Mandatsträger befragt. Das Ergebnis ist eindeutig, so der Psychologe und Studienautor Timur Sevincer: „Wir haben herausgefunden, dass die politischen Entscheidungsträger systematisch unterschätzten, wie sehr die Bevölkerung wirksame Klimaschutzmaßnahmen unterstützt.“
Tatsächlich war die Fehleinschätzung sogar bei den drastischsten Maßnahmen am größten: Bei der Bereitschaft, härtere Gesetze zu akzeptieren und zusätzlich finanzielle Belastungen in Kauf zu nehmen.
Fehleinschätzung bei allen Parteien ähnlich – bis auf einer
So schätzten Politiker und Politikerinnen im Durchschnitt, dass lediglich 18 Prozent der Menschen in Deutschland ein Prozent ihres Einkommens für Klimaschutz ausgeben würden – dabei waren es der Befragung zufolge 48 Prozent der Bevölkerung. Auch Bürger ohne politisches Amt verschätzten sich bei dem vermuteten Anteil in der Bevölkerung, der finanzielle Einbußen für den Klimaschutz in Kauf nehmen würde, mit rund einem Drittel. Damit lagen sie aber dennoch deutlich näher an der Realität als die Volksvertreter. Überraschend für die Forscher: Die Fehleinschätzungen bei den befragten Politikern waren bei fast allen Parteien ähnlich groß.
Lediglich Politiker und Politikerinnen der AfD unterschätzten die Zustimmung in fast allen Bereichen mit deutlichem Abstand. Die Wissenschaftler erkennen ein klares Muster: „Die AfD nimmt die Unterstützung der Bevölkerung für Klimaschutz deutlich geringer wahr als alle anderen Parteien. Zwar gibt es auch Unterschiede zwischen CDU, SPD, Grünen, FDP, Linken und BSW, diese fallen jedoch deutlich kleiner aus als die Distanz der AfD zum übrigen Parteienspektrum.“
Allerdings sind die Daten zur AfD in der Studie als einzige nicht vollständig repräsentativ: Zu wenige Mitglieder waren bereit, an der Umfrage teilzunehmen.
Zur Studie
Nach eigener Angabe gehört die Studie zu den „bislang größten Untersuchungen weltweit über die Wahrnehmung öffentlicher Meinung durch politische Entscheidungsträger“. Kontaktiert wurden 6.074 Politiker im Herbst 2024. 1.599 Politiker beziehungsweise politische Büros unterschiedlicher Ebenen nahmen teil: Bundestag (5.8%), Landtage (20.8%), Kreistage (18.9%), Gemeinderäte (12.1%) und Stadträte (10.3%).
Ursache für Fehleinschätzungen bekanntes Phänomen
Grundsätzlich konnten die Forscher bei der Befragung Abweichungen zwischen der vermuteten und tatsächlichen Bereitschaft zum Klimaschutz durchaus erwarten. Denn unter Sozialpsychologen ist das Phänomen der sogenannten pluralistischen Ignoranz schon lange bekannt. Sie verstehen darunter ein kollektives Phänomen, wonach die Mehrheit in einer Gruppe fälschlicherweise annimmt, dass die meisten anderen Gruppenmitglieder etwas anderes denken als sie selbst.
Das kann sich beispielsweise in einer „Schweigespirale“ äußern. Etwa dann, wenn ein Lehrer im Unterricht fragt, ob noch jemand eine Frage hat, und sich niemand meldet, obwohl die meisten Schüler doch noch etwas wissen wollen. Die Fehlwahrnehmung, man stünde als einziger da, der eine Nachfrage nötig hat, kann verhindern, dass man die Frage stellt. Wie stark diese pluralistische Ignoranz bei Klimafragen in der Bevölkerung verbreitet ist, war die Ausgangsfrage der Forscher bei ihrer Studie.
Klimaschutzverweigerer sind eine Minderheit
Die außergewöhnlich großen Unterschiede bei der gefühlten und tatsächlichen Bereitschaft zum konsequenten Klimaschutz hat beide Wissenschaftler überrascht. So liegt laut einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt der Anteil der deutschen Bevölkerung, die den Klimawandel als wenig gefährlich ansehen und die Klimaschutzmaßnahmen tendenziell ablehnen, bei lediglich acht Prozent. Doch diese Minderheit ist oftmals lauter als die große Mehrheit derer, die den wissenschaftlich belegten, menschengemachten Klimawandel und seine Folgen nicht leugnen.
Fehlwahrnehmung kann politischen Prozess behindern
Möglicherweise entsteht dadurch eine verzerrte Wahrnehmung, die auch ein Grund dafür sein könnte, dass wirksame Klimaschutzmaßnahmen derzeit in der Politik eher in den Hintergrund gerückt sind, so Sevincer: „In Demokratien orientieren sich Politiker ja daran, was sie denken, was Wähler denken. Aber wenn diese Wahrnehmung systematisch verzerrt ist, dann kann das eben ein Hindernis dafür sein, solche Maßnahmen auch umzusetzen.“
