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Trotz guter Wechsel-Gründe: Wie Fabian Reese über seine eigene Inszenierung stolpert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 18, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Der bekannteste und beliebteste Spieler von Hertha BSC? Sicherlich Fabian Reese. Bis jetzt. Sein Wechsel zum VfL Wolfsburg ist erklärbar – und sorgt doch für Wut und Kopfschütteln.

Fabian Reese verlässt Hertha BSC – und das ist auch gut so. Also für den Fußball-Zweitligisten, der Berichten zufolge rund acht Millionen Euro Ablöse für den Offensivmann erhält. Der auch das Gehalt von kolportierten 1,8 Millionen Euro einsparen kann. Für den Klub, der in diesem Sommer angeblich 15 Millionen Euro Transferüberschuss erwirtschaften muss, so klamm sind die Kassen.

Es ist auch gut für Fabian Reese. Er soll künftig drei Millionen Euro Gehalt bekommen, also eine deutliche Steigerung. Er spielt nicht mehr bei dem Klub, mit dem er dreimal in Folge den Aufstieg verpasste. Der künftig seine Ansprüche wohl herunterschrauben muss, mit einem deutlich verschlankten Kader wird ein Aufstieg zumindest der Logik folgend nicht wahrscheinlicher.

„Ich bin noch nicht fertig“

Okay, diese positive Sicht ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Die Fans des Berliner Klubs haben Reese schon vor der offiziellen Verkündung des Wechsels als Buhmann ausgemacht. Das liegt an der Fallhöhe, die der 29-Jährige selbst geschaffen hat. Reese hat sich emotional so eng mit der Hertha und der Stadt Berlin verbunden, dass jetzt jedes Loseisen wie Verrat aufgefasst werden kann. Er hat nach dem verpassten Aufstieg Motto-T-Shirts zu seinem Verbleib anfertigen lassen: „Ich bin hier noch nicht fertig“.

Im vergangenen Sommer verlängerte er seinen Vertrag sogar: „Liebe Hertha-Familie“, teilte er mit, „wir alle haben denselben Traum. Und deshalb möchte ich euch heute mitteilen, dass ich bleibe!“ Und sehr pathetisch: „Für Hertha. Für Euch. Für Uns. Für die Stadt Berlin.“ Der Pathos begleitet den von Trainer Stefan Leitl zum Kapitän beförderten beständig: „Ich glaube, das würde den Rahmen sprengen, um auszuholen, was Hertha mit mir macht und die Stadt Berlin“, sagte er im Oktober 2025 bei ntv/RTL. „Es ist einfach eine Symbiose.“

Er sprach auch davon, dass seine Reise „zum Glück dank meines Vertrags noch lange nicht zu Ende ist“. Doch nun verpasste Hertha erneut den Aufstieg – zum dritten Mal in Folge. Und der Vertrag endet eben doch. Weil Reese eine neue Chance ergreift. „Der Entschluss für einen Wechsel ist mir, was man sicher verstehen kann, nicht unbedingt leichtgefallen. Doch es ist eine sehr bewusste Entscheidung gewesen, die mich sehr glücklich macht“, sagt er.

Er kam trotz Abstieg

Man kann es dem Offensivspieler nicht wirklich verübeln. Im Januar 2023 hatte er seinen Vertrag bei Hertha BSC unterschrieben – dann passierte der Super-GAU und der Klub stieg ab. Reese, der doch unbedingt Bundesliga spielen wollte und dessen Fähigkeiten zu gut sind für die 2. Liga, entschied sich dennoch für einen Wechsel. Er hatte sein Wort gegeben. Der sofortige Wiederaufstieg missglückte, stattdessen musste Reese mit ansehen, wie sein Ex-Klub Holstein Kiel in die Bundesliga hochrückte – ohne ihn.

Dass er nun nach drei glücklosen Jahren den Neuanfang wagt, ist verständlich. Mit einem riesengroßen Aber: Reese wechselt zum VfL Wolfsburg. Dem Absteiger. Er wird damit also erstmal auch weiterhin nicht in der Bundesliga auflaufen, sondern stattdessen in der kommenden Saison gegen Hertha antreten.

Nun ist der Klub vom Mittellandkanal nicht irgendein beliebiger Absteiger. Es war ein Unfall, der eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Der Volkswagen-Konzern pumpt ordentlich Kohle in den Klub, das Team ist millionenschwer. Reese soll nun dabei helfen, die Wunde nach nur einer Saison zu heilen.

Wolfsburg ist aber auch ein Klub, dem viele absprechen, eine wirkliche Identität zu haben. Wofür stehen die Wölfe, wie viele Fans haben sie hinter sich vereint? Von der Alten Dame, die in den vergangenen Jahren auch durch von außen gekommenen Personen in die Lächerlichkeit gezogen wurde – Big City Club lässt grüßen -, die immer auch über sich selbst lästert, die aber echte Historie bieten kann, zum Werksklub. Ein weiter Sprung für Reese, mindestens emotional, obwohl Wolfsburg und Berlin so nah beieinander liegen, dass er, wie einst Arne Friedrich, durchaus in Berlin wohnen bleiben könnte.

Marke, Identifikationsfigur – und Fußballer

In Berlin hatte sich Reese kurzerhand via Sozialen Medien mit Fans getroffen, er verkaufte auf Flohmärkten, er zeigte sich im Retro-Trikot. Dass er sich die Fingernägel lackiert, sorgte für massiv viel Aufmerksamkeit – er nutzte sie und sprach über „toxisches Männlichkeitsgetue“. Er passt nach Berlin, wo sich jeder ausprobieren kann. Er gründete mit seiner Verlobten Johanna „Jojo“ Grünewald eine Stiftung, die in Berlin karitative Einrichtungen unterstützt. Reese ist Marke, Identifikationsfigur – und natürlich nicht nur nebenbei ein sehr guter Fußballer.

Bei 91 Einsätzen für die Hertha erzielte er 35 Tore und machte 31 Vorlagen, allein in der vergangenen Saison kommt Reese auf 10 Tore und 14 Vorlagen. Sein Torjubel – die Verbeugung vor den Fans – ist fast schon ikonisch. Sein Abgang ist, wie der von Supertalent Kennet Eichhorn, ein großer sportlicher Verlust. Reese schreibt in einer Klub-Mitteilung zu seinem Abschied: „Wir müssen uns als Mannschaft jedoch auch eingestehen, den Wiederaufstieg in den letzten Jahren verpasst zu haben. Der daraus resultierenden Neuausrichtung des Vereins möchte ich nicht im Wege stehen.“

Seine emotionale Art ist es, die die Fans nun so aufbringt. „Mir ist bewusst, dass mein Wechsel nicht überall auf Verständnis stößt. Die emotionale Reise der letzten drei Jahre war so intensiv, dass weder für euch noch für mich dieser Abschied ein leichter ist. Dennoch bitte ich um Respekt vor meiner Entscheidung“, schreibt Reese selbst.

Und auch Grünewald äußerte sich bei Instagram: „Menschen sehen Schlagzeilen. Sie sehen einen Wechsel. Was sie oft nicht sehen, sind die Gedanken, die Gespräche, die Zweifel und all die Dinge, die solchen Entscheidungen vorausgehen. Bei einem solchen Schritt entscheidet nicht nur ein Spieler allein. Dahinter stehen oft viele Gespräche, unterschiedliche Interessen und auch die Pläne des Vereins.“ Sie habe unterschätzt, „wie sehr Worte treffen können. Die letzten Tage waren für mich schwer. Zu sehen, wie schnell aus gemeinsamen Erinnerungen Enttäuschung, Wut und teilweise sogar Hass werden können.“

Es ist die Fallhöhe, die das Paar selbst erschuf. Selbstverständlich rechtfertig nichts davon Hass und Beleidigungen. Eine Inszenierung aber erzeugt Emotionen, auch negative. Dass es von der „echten Liebe“ nicht für den BVB, sondern für die Hertha und Berlin, jetzt nach Wolfsburg geht, zum Konkurrenten der nächsten Saison, ist schwer zu verdauen. Das ist die negative Seite der Medaille.

Verwendete Quelle: ntv.de

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