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Übernahmen aus Kanada: Wie deutsche Startups zu Futter für den KI-Hunger werden

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 24, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Übernahmen aus KanadaWie deutsche Startups zu Futter für den KI-Hunger werden

24.05.2026, 14:26 Uhr Von Juliane Kipper
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Zur Wahrheit gehört auch: Übernahmen sind derzeit effizienter als eigene Forschung und Entwicklung. (Foto: IMAGO/Westend61)

Während die Politik von Weltmarktführern träumt, werden Deutschlands wichtigste KI-Hoffnungsträger zur billigen Beute. Der Doppelschlag des kanadischen Riesen Cohere zeigt schonungslos: Europas Ökosystem baut keine Champions, sondern reine Übernahmekandidaten fürs Ausland.

Das kanadische KI-Schwergewicht Cohere expandiert in Rekordzeit. Nach dem Heidelberger KI-Hoffnungsträger Aleph Alpha schluckt das Unternehmen nur wenige Wochen später mit Reliant AI aus Berlin das nächste deutsche Vorzeige-Startup. Details zu den Kaufpreisen sind nicht bekannt.

Der Doppelschlag von Cohere ist laut der KI-Expertin Barbara Lampl für die beiden deutschen Startups zwar eine riesige Chance in Bezug auf Ressourcen, Skalierung und globalen Marktzugang. „Für das KI-Ökosystem in Deutschland und Europa sind die Übernahmen allerdings ein weiteres ernstzunehmendes Warnsignal. Eine echte europäische KI-Souveränität kann so nicht erreicht werden“, sagt Lampl auf Anfrage von ntv.de.

Aleph Alpha wurde anfänglich als deutsche Antwort auf OpenAI gehandelt. Die Entwicklung großer KI-Sprachmodelle wie ChatGPT hat das Startup inzwischen aber aufgegeben. Stattdessen konzentriert es sich ähnlich wie Cohere auf spezialisierte KI-Anwendungen für Unternehmen. 

Das erst 2023 gegründete Biopharma-Startup Reliant AI hingegen entwickelt eine intelligente Plattform zur automatisierten Analyse von Forschungs- und Pharmadaten. Zu seinen Kunden zählt das Unternehmen bereits unter anderem den Pharmariesen GlaxoSmithKline. Es hat erst im vergangenen Jahr eine Finanzspritze in Höhe von rund elf Millionen Dollar erhalten. Einer der Anteilseigner des Startups ist der Wissenschaftler und „KI-Pate“ Yoshua Bengio.

„Das Gesundheitswesen stellt eine der bedeutendsten Chancen für KI dar und erfordert sichere, souveräne und fachspezifische Systeme“, sagt der Mitbegründer und Geschäftsführer von Cohere Aidan Gomez. Gemeinsam solle der Fortschritt im Gesundheitswesen beschleunigt und dabei die Präsenz in Kanada und Deutschland aufgebaut werden.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Übernahmen sind derzeit effizienter als eigene Forschung und Entwicklung. Angesichts der Marktgeschwindigkeit dauert der organische Aufbau eines neuen Geschäftsfelds jedoch einfach zu lange. „Übernahmen kaufen Zeit – und in der KI-Industrie ist Zeit derzeit die wertvollste Ressource“, sagt Lampl.

Mit dem Doppelschlag will sich Cohere als weltweit führendes Unternehmen im Bereich „souveräner KI“ etablieren. Dabei handelt es sich um KI-Systeme, bei denen Unternehmen und Regierungen die volle Kontrolle etwa über die Speicherung von sensiblen Daten, Cloud-Infrastruktur und Compliance behalten.

Gerade in der Pharmaindustrie oder der Verwaltung wollen Unternehmen oftmals nicht von ausländischen Technologieanbietern abhängig sein. Eine Behörde mit souveräner KI würde beispielsweise sensible Bürgerdaten nicht an externe Cloud-Dienste eines ausländischen Konzerns senden, sondern Modelle in einer kontrollierten europäischen Infrastruktur betreiben.

Cohere wolle das Geschäft mit europäischen Regierungen, staatlichen Institutionen und Unternehmen aus regulierten Branchen ausweiten, sagte Francois Chadwick, der Finanzchef des kanadischen Startups, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir werden uns dazu verpflichten, europäische Infrastruktur zu nutzen und die hier geltenden Souveränitätsanforderungen einzuhalten.“

Für seine KI-Angebote will das Unternehmen in Zukunft die Rechenzentren der Schwarz-Gruppe nutzen. Dafür verpflichtet sich der Aleph Alpha- Anteilseigner, 600 Millionen US-Dollar in eine kommende Finanzierungsrunde von Cohere zu investieren.

Cohere geht laut Lampl hierzulande auch deshalb auf Einkaufstour, weil die Gehälter für Talente in Deutschland weit unter dem Niveau von OpenAI, Anthropic oder der gesamten Tech-Szene in San Francisco liegen. Da Cohere den Bieterkampf um Einzeltalente in Nordamerika nicht gewinnen könne, kaufe das Unternehmen stattdessen bereits eingespielte Teams – zu einem Preis, der in London oder New York undenkbar wäre. „Das ist kein Kompliment an die deutsche Innovationspolitik“, sagt Lampl.

Bereits die Übernahme von Aleph Alpha hat Bundesdigitalminister Karsten Wildberger vor wenigen Wochen als starkes Signal für den KI-Standort Deutschland bezeichnet. KI-Expertin Lampl hingegen sieht in dem Schritt vielmehr ein Zeichen der Schwäche als der Stärke. „Ein robustes europäisches Ökosystem hätte die Mittel gehabt, diese Unternehmen selbst zu skalieren.“ Deutschland produziere gute KI-Forscher, scheitere jedoch regelmäßig in der Wachstumsfinanzierungsphase.

Dieser Einschätzung pflichtet auch Martin Geißler von der Beratungsgesellschaft Argon & Co bei. „Wenn es nicht einmal den Champions gelingt, ihre Skalierungsstories innerhalb Europas zu schreiben, sagt das leider viel über die Wettbewerbsfähigkeit des hiesigen Ökosystems.“ Es sei sicher kein Zeichen von Stärke, im Schaufenster zu stehen.

Wenn letztendlich Kapital, Kontrolle, geistiges Eigentum und Wertschöpfung überwiegend außerhalb Europas lande, sollte man zumindest so ehrlich sein und zuzugeben, dass man so keine „Deutschen Champions“ aufbaut, sondern Übernahmekandidaten für den nordamerikanischen KI-Hunger produziert.

„Erschwerend kommt hinzu: Der Talentpool ist zwar gut, aber klein.“ Ein Großteil der besten Köpfe verlasse Deutschland bereits nach der Promotion, bevor sie lokal etwas aufbauen können. „Cohere schöpft den Rahm einer dünnen Schicht ab, die noch hier sind.“ Anstatt die kanadisch-deutsche Allianz überschwänglich zu loben, wäre es laut Lampl ehrlicher zu sagen: „Das deutsche KI-Tafelsilber wurde verkauft, solange es noch erschwinglich war.“

Maßnahmen, die strategisch wichtige KI-Unternehmen besser schützen, greifen der -Expertin zufolge zu kurz. Eine reine Abwehrstrategie ohne Aufbaustrategie produziere am Ende lediglich „geschützte Schwäche“. Sicherlich könne man regulatorische Schutzwälle diskutieren, sie seien aber ohne Eigenkapitalstärke und eine tiefere Talentpipeline letztlich wirkungslos. Die aktuelle Debatte zeige vor allem einen Trugschluss auf: „Die eigentliche Frage ist nicht, wie man den nächsten Verkauf verhindert – sondern warum es so wenige europäische Käufer gibt.“ Als nächste mögliche Übernahmekandidaten sieht Geißler Unternehmen wie Black Forest Labs, Parloa, Prior Labs, Synthflow oder Langdock ein.

Auch wenn die Wettbewerbsfähigkeit des KI-Standorts Deutschland durch Übernahmen sinkt. Geißler sieht darin aber auch einen positiven Aspekt: So kommt zumindest Geld und Fantasie ins deutsche Startup-Umfeld.

Quelle: ntv.de

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