Reportage
Valentin Melnyk verlor im Krieg ein Bein. In Berlin lernt der 24-Jährige nun, Prothesen herzustellen. Danach will er zurück in die Ukraine – und anderen Kriegsversehrten helfen, wieder ins Leben zurückzufinden.
„Jetzt die Treppe, wunderbar, Valentin“, sagt Orthopädiemeister Daniel Koch. Er spornt seinen Schützling an. Valentin geht ein paar Treppenstufen mühelos hinauf und eine Rampe auf der anderen Seite wieder hinunter. Das ist Teil der Übungen, mit denen sich Valentin Melnyk an seine neue, passgenaue Unterschenkelprothese gewöhnen soll.
Ein Metallrohr mit einem Fuß aus Kunststoff, der in einem schwarzen Sportschuh steckt, ragt aus dem hochgekrempelten Hosenbein von Valentins Jeans. Sonst wäre auf den ersten Blick kaum erkennbar, dass das rechte Bein des jungen Ukrainers vom Knie abwärts ein künstliches ist.
Abgesehen von einem leichten Hinken klappt es schon sehr gut mit dem Laufen. Daniel Koch ist zufrieden. Für den Orthopädiemeister ist Valentin Melnyk nicht nur einer seiner Patienten, sondern auch ein Auszubildender.
Anderen helfen, ins zivile Leben zurückzukehren
Der junge Ukrainer erlernt in Berlin den Beruf eines Orthopädietechnikers. „Mir gefällt es sehr, dass es die Chance gibt, diesen Beruf zu erlernen und später ins zivile Leben zurückzukehren und mit allem zu helfen, was Soldaten unterstützt“, sagt der Kriegsversehrte auf Ukrainisch.
15 Monate sei es her, dass er als Soldat der ukrainischen Armee schwer verletzt worden sei, erzählt Melnyk. „Ich habe mein Bein verloren, als wir von einem Einsatz zurückkehrten und auf eine Mine fuhren.“ Ein ganzes Jahr lag er im Krankenhaus. Danach hat der 24-Jährige von dem Projekt erfahren, das kriegsversehrten, ehemaligen ukrainischen Soldaten die Gelegenheit für eine Ausbildung zum Orthopädietechniker bietet. Seine Bewerbung war erfolgreich und seit Mai lernt er nun zusammen mit sieben weiteren Veteranen unter anderem in den Werkstätten von Daniel Koch. Der Orthopädiemeister unterstützt seit 2024 ukrainische Soldaten, die eine ihrer Gliedmaßen verloren haben.
Orthopädieunternehmen arbeiten mit NGO zusammen
Das mit der Ausbildung hat für Koch eine neue Qualität, Kriegsversehrte wie Valentin Melnyk erhalten eine Chance und können zusätzlich auch anderen helfen, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. „Durch die Ausbildung kriegt er die Möglichkeit, ein neues Leben zu starten, Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen und auch anderen Leuten zu helfen“, sagt Koch.
Er und weitere Berliner Orthopädieunternehmen arbeiten dabei eng mit der Hilfsorganisation „Life Bridge Ukraine“ zusammen. Janine von Wolfersdorff hat das gemeinnützige Unternehmen 2022 gegründet und zunächst dafür gesorgt, dass verwundete ukrainische Soldaten, die ein Bein oder einen Arm verloren haben, nach Berlin gebracht, dort behandelt und mit Prothesen versorgt werden konnten. „Ich mache das, um diesen jungen Menschen zu helfen, wieder zurück in ein aktives Leben zu kommen“, sagt die Geschäftsführerin der NGO.
Prothesenzentrum in Kiew und in Ternopil
Inzwischen ist es „Life Bridge Ukraine“ gelungen, nach zweijähriger Anstrengung und dem Überwinden vieler bürokratischer Hürden in Kiew in einem kommunalen Krankenhaus ein Prothesenzentrum aufzubauen. Im August 2025 wurde es eröffnet mit Unterstützung des Landes Berlin, des Kiewer Oberbürgermeisters Vitali Klitschko und privater Spender. Bereits für die Kiewer Einrichtung haben Berliner Orthopädiebetriebe wie der von Daniel Koch sechs Trainees ein Jahr lang ausgebildet.
Das jetzt angelaufene Projekt, an dem insgesamt zehn Orthopädieunternehmen aus Deutschland und Polen beteiligt sind, ist ein nächster Schritt. Ziel ist es, das Prothesenzentrum in Kiew zu erweitern. Darüber hinaus hat gerade in Ternopil in der Westukraine der Aufbau einer weiteren solchen Einrichtung begonnen, ebenfalls in einem kommunalen Krankenhaus.
Viele zivile und militärische Opfer
„Ich kann es machen, wir können es machen und daraus erwächst auch eine Verantwortung, das auch zu tun“, sagt Janine von Wolfersdorff über die Gründe für ihr Handeln. „Wir helfen diesen jungen Menschen, die bei der Verteidigung ihrer Freiheit, ihres Heimatlandes so schwer verletzt worden sind. Das ist mir ein Herzensanliegen.“
Offizielle Zahlen, wie viele ukrainische zivile und militärische Opfer es gibt, die Gliedmaßen verloren haben, liegen nicht vor. Laut Berliner Senatskanzlei sprach Kiews Oberbürgermeister Klitschko bei einem Besuch in der Stadt von geschätzt etwa 21.000 Amputationen jährlich.
Valentin Melnyk will seine Chance nutzen
Nach seinen Gehübungen steht Valentin Melnyk zusammen mit einem seiner Ausbilder an einer Werkbank und füllt flüssigen Kunststoff in eine Form, die einem Unterschenkel ähnelt. Daraus soll einmal eine Prothese entstehen. Der junge Mann mit Bart und kurz geschnittenen blonden Haaren blickt konzentriert auf seine Arbeit. Er fühle sich gut, sagt der junge Ukrainer auf Englisch, er sei ein gesunder Mann.
Eigentlich wollte Valentin Melnyk Lehrer werden, Mathematik und Physik unterrichten, doch der Krieg hat sein Studium unterbrochen. Er will die Chance nutzen, die ihm die Ausbildung in der Orthopädiewerkstatt eröffnet. Nach seiner Zeit in Berlin plant der junge Ukrainer, zurück nach Kiew zu gehen. Er will in dem Prothesenzentrum arbeiten und anderen Kriegsversehrten helfen, ebenfalls wieder auf die Beine zu kommen.
Mit Material von Heike Schüler, rbb

