Das Debüt hat Jürgen Klopp absolviert, in den nächsten Tagen geht es für seine deutsche Fußball-Nationalmannschaft weiter. Es könnte komplizierter werden.
Es ist kurz vor Mitternacht im vollen Pressesaal der Johan-Cruyff-Arena, als Jürgen Klopp zu später Stunde noch einmal zum Nachdenken anregte. Der neue Bundestrainer beendete seine Ausführungen vor den Medienschaffenden mit folgendem Gedanken: Das schlimmste Szenario, das er sich für diesen Abend hätte vorstellen können? Dass die DFB-Elf schon zum Auftakt das beste Spiel der gesamten Klopp-Ära absolviert.
Nun, ein Glück, da kann er aufatmen. Denn dazu ist es nicht gekommen. Was Klopp damit aber sagen will, sind zwei Dinge. Zum einen: Er räumt das Offensichtliche ein. Sein Debüt mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim 1:1-Remis gegen die Niederlande war zwar unterhaltsam, aber (noch) so weit vom Ziel entfernt, wie es das WM-Stadion in Foxborough von der Fußballarena in Amsterdam ist. Und zum anderen sagt der Bundestrainer: Keine Sorge, ich hab’s auch gesehen.
Diese Szenen zeigen die neue Galligkeit des DFB-Teams
Im Gegenteil, eigentlich ist fast schon der Optimalfall eingetreten: Klopp hat sein Debüt nicht verloren, durfte aber in nur 90 Minuten feststellen, dass seine To-do-Liste noch sehr lang ist. Das ist insofern hilfreich, weil es für den Bundestrainer bislang nur zu einem Kennlern-Crashkurs gereicht hatte. Die fehlende Zeit ist noch ein Problem. Klopp verglich es mit dem Lernen einer Fremdsprache: Es dauert, bis sich alle DFB-Protagonisten die neuen Klopp-Vokabeln draufgeschafft haben.
Vokabeln lernen mit Klopp
Den ersten Vokabeltest in den Niederlanden hat die Klopp-Elf zumindest bestanden. Bei der Grammatik dagegen haperte es noch. Die DFB-Elf trat mit einer anderen Taktik auf: Anders als seine Vorgänger setzt Klopp wieder auf klassische Flügelstürmer. Im Mittelfeldzentrum trat Joshua Kimmich als alleiniger Sechser auf, wurde aber von seinen Kollegen noch arg alleine gelassen. Aber: Wer genau hinschaute, konnte die Grundzüge einer neuen Sprache erkennen – vor allem, wenn es nicht um Taktik ging. Mehr von allem, wie Klopp sie zuletzt zusammenfasste.
Jetzt lässt sich argumentieren, dass die Umstände dafür auch schlechter hätten sein können. Klopp hatte natürlich nicht den Luxus, sich den ersten Gegner auszusuchen. Den hatte ihm die UEFA schon zugeschustert, da war er noch lange nicht Bundestrainer. Aber hätte Klopp wählen können: Vermutlich stünde diese Version der Elftal auf seiner Wunschliste relativ weit oben. Das lässt sich sogar zuspitzen: Es war das perfekte Geschenk zum Debüt.
Weil: Was hatten Klopp und seine wilde, neue DFB-Elf zu verlieren? Klar, ein Nations-League-Spiel. Aber war das wirklich wichtig? Mit einem beherzten Auftritt konnte man schon viel retten. Schließlich hatten beide stolzen Fußballnationen einen Trainerwechsel nach der WM hinter sich: Den beiden Neuen, Xavi und Klopp, blieb nicht viel Zeit, taktische Feinheiten auszuarbeiten. Es ging also um die grundlegenden Dinge, die Klopp ohnehin sehen wollte: Einsatz, Willen, Mentalität. Und eine anständige Niederlage im Prestigeduell hätte Klopp schon irgendwie verargumentieren können.
Als sich die anfängliche Aufregung gelegt hatte, entwickelte sich deshalb auch das chaotische Duell, das beide Trainer vorhergesagt hatten. Zumal: Die Beweispflicht lag ja bei Oranje. Xavi hatte sich im Vorfeld gleich zahlreiche kritische Fragen der heimischen Presse gefallen lassen müssen. Ist die dritte Wahl für den Bondscoach wirklich die richtige? Wie plant der Spanier, das Cruyff-Erbe wiederzubeleben? Nicht mal seine Floskeln nahm man ihm nicht ab: Warum hält der neue Bondscoach die niederländische Liga eigentlich für stark?
Die Folge: Oranje griff an, die DFB-Elf verteidigte – und konterte unsauber. Es wirkte ein wenig so, als sei Klopp mit seinen „Jungs“ noch nicht dazu gekommen, die Arbeit mit dem Ball zu trainieren. Zumal er das selbst prophezeit hatte: Die Offensive kann noch so viele Tore produzieren, am Ende kann eine wackelige Defensive jede Topmannschaft „killen“. Und so grätschten Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah zwar nicht immer pünktlich, dafür aber umso beherzter.
Das Flick-Nagelsmann-Erbe
Dank des eigenen Treffers in der 32. Minute fiel es nicht weiter auf, dass die Nationalelf nur an der Oberfläche der kloppschen Fußballideen kratzte. Es ist weniger Vorwurf als Feststellung: Was soll man von maximal zweieinhalb Trainingseinheiten auch erwarten? Klopp wusste das. Er schickte, mal Debütant Philipp Treu abgesehen, deshalb die eingespielte WM-Abwehr auf den Platz, um wenigstens in diesem Teil der DFB-Elf für Stabilität zu sorgen.
Während sich die niederländischen Edeltechniker am DFB-Strafraum schwindelig kombinierten, versteiften sich die Akteure in den schwarzen Nadelstreiftrikots auf das in den Ball werfen und anschließend möglichst schnell auf das gegnerische Tor zurennen. Viele gefährliche Torchancen brachte das nicht, mal die Adeyemi-Chance abgesehen. Möglicherweise half auch die kurzfristige Verletzung von Jamal Musiala nicht, wenn es um den Zustand der Kreativabteilung geht.

Trainer-Cam zeigt: Klopp macht wieder Klopp-Sachen
Und dennoch: Für ein Bundestrainer-Debüt war das schon ein okayes Gesamtpaket. Klopp durfte auf Wettkampfniveau fleißig Daten sammeln, musste aber nicht die Sorge haben, von einer gut geölten Maschine auseinandergenommen zu werden. Amsterdam kann der Neu-Bundestrainer deshalb erst einmal mit genug Material für stundenlange Videoanalysen verlassen und dazu einem guten Gefühl – mal abgesehen von den verletzungsbedingten Ausfällen von Musiala und Kai Havertz.
Die nächsten und möglicherweise komplizierteren Prüfungen warten ohnehin bei den Oktoberfest-Partien in Augsburg und München. Viel Zeit zur Vorbereitung bleibt wieder nicht. Eine Art Turniermodus ruft: Der DFB-Tross trifft schon am Sonntagabend (20.45 Uhr/ARD und im ntv.de-Liveticker) auf Griechenland. Die allgemeine Erwartung wird eine andere sein: Dann steckt das Klopp-Team in der Heimrolle. Der Druck liegt dann diesmal nicht auf Bondscoach Xavi, der sich unbedingt beweisen muss.
In den Nagelsmann-Flick-Jahren waren es vor allem solche Duelle, bei denen die DFB-Elf nicht sonderlich gut aussahen. Häufig performte die Nationalelf gegen stärkere Gegner, gegen vermeintlich schwächere offenbarte sie Probleme. Das jüngste Beispiel dafür ist das WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay, als sich die Nagelsmannschaft erst in ihrem langsamen Spielvortrag verlor – und anschließend die vorzeitige Heimreise antreten musste. Schon davor ruckelte es gegen den physischen Fußball aus Ecuador und der Elfenbeinküste.
Das erwartet Klopp und seine DFB-Elf dann auch in München, schon am kommenden Donnerstag gegen Serbien. Dann zwar mit etwas mehr Zeit – aber immer noch nicht wirklich viel davon.
Verwendete Quelle: ntv.de
