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Politik

Vor der WM-Eröffnung: Mexiko zwischen Euphorie und Protesten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 11, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 11.06.2026 • 16:24 Uhr

Mexiko feiert heute die Eröffnung der Fußball-WM. Der Gastgeber will sich als modernes, weltoffenes und vor allem sicheres Land präsentieren. Doch die Euphorie wird von Protesten, Gewalt und sozialen Konflikten getrübt.

Von Jenny Barke und Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt

Mexiko ist grün-rot-weiß herausgeputzt. Selbst viele Hunde tragen mexikanische Trikots, und zu essen gibt es zurzeit überall Tacos und Sandwichs mit Zwiebeln, Koriander und Chili – Genuss in den Farben der Nationalflagge.

„La pelota vuelve a casa“ – „der Ball kehrt nach Hause zurück“: Das ist dieser Tage ein geflügelter Satz im Land. Kurz vor Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft steigt die Vorfreude in Mexiko, wo die Fußballbegeisterung schon ohne WM groß ist.

In der Hauptstadt gibt es mehr Bolzplätze als Parks. Edgar Uribe kickt als Hobbyfußballer im Norden von Mexiko-Stadt. „Willkommen in Mexiko! Wir erwarten euch mit offenen Armen“, ruft er. Jeden Samstag organisiert er ein kleines Turnier zwischen Maurern und Fliesenlegern. Das ist typisch für Mexiko, jede denkbare Gruppierung spielt, Fußball verbindet tatsächlich.

So sehr, dass die Mexikanerinnen und Mexikaner vor der Eröffnung mit der weltweit größten La-Ola-Welle den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde schaffen wollten. Tausende Menschen versammelten sich dafür auf der Prachtstraße Reforma im Zentrum von Mexiko-Stadt und rissen koordiniert die Arme hoch.

Ein Stadion als Rekordhalter

Noch prüft Guinness die Anerkennung – doch die Aktion hat die Stimmung weiter angeheizt und erinnert an die letzte WM in Mexiko: Weltweite Bekanntheit erlangte „La Ola“ 1986 im Aztekenstadion. Hier wird die WM 2026 heute eröffnet.

Nach dem zweijährigen Umbau finden rund 83.000 Menschen Platz. Der Rasen ist frisch gedüngt, bereit für den Einlauf der Mannschaften von Mexiko und Südafrika. Platzwart Israel Ramírez „Chabelo“ ist stolz: Das Aztekenstadion beeindrucke immer alle Spieler, wenn sie hier einlaufen. Jetzt ist es Rekordhalter: In keinem anderen Stadion der Welt wurde bisher drei Mal eine Fußball-WM eröffnet.

Das Aztekenstadion war von Beginn an eine Legende. Man hätte schon beim Bau ahnen können, dass es nicht irgendein Stadion wird, denn Anlass für Anekdoten gab es schon da zahlreiche. 180.000 Tonnen Lavastein wurden von 800 Arbeitern abgetragen. Dann stießen sie beim Bau auf Mammutknochen.

Danach hat das Stadion mehrfach Fußballgeschichte geschrieben. Hier stemmte der brasilianische Fußballstar Pelé 1970 nach dem Sieg gegen Italien den WM-Pokal in die Höhe, hier schoss Argentiniens Diego Maradona 1986 im Viertelfinale gegen England sein berühmtes sogenanntes Tor des Jahrhunderts nur wenige Minuten, nachdem er „mit der Hand Gottes“ das erste Tor der Begegnung erzielt hatte – irregulär, wie er später einräumte.

Unmut in der Nachbarschaft des Stadions

Doch nicht alle Mexikaner wollen sich von Nostalgie und Fußball-Euphorie mitreißen lassen. Rund um das Stadion brodelt es: Immer wieder haben Anwohner über die enorm gestiegenen Mietpreise geklagt. Viele Ladenbetreiber haben zudem ihren Unmut darüber geäußert, dass sie unmittelbar am Stadion ihre Geschäfte schließen müssen.

Proteste gab es auch, weil ein Großkonzern um das Stadion exklusive Brunnenrechte erworben hatte – in einer Metropole, in der ständiger Wassermangel herrscht. Das Wasser wurde umgeleitet, erst für die Baustelle des Stadions, dann für den Rasen, jetzt für Zehntausenden Besucher. „Das Wasser gehört uns allen“, beschwert sich der Aktivist Jerardo Mora Jímenez.

Wütende Lehrer gegen die WM

Doch nicht nur die Nachbarschaft lehnt sich auf. Die mexikanischen Lehrer sind wütend, dass für die Großveranstaltung Geld da ist, für sie aber nicht. Vergangene Woche gingen Videos viral: Lehrer hatten im Zentrum von Mexiko-Stadt riesige Fußballer-Statuen mit Seilen zu Boden gezogen und sie teilweise in Brand gesetzt.

Sie fordern bessere Arbeitsbedingungen, die Rücknahme einer Rentenreform und deutlich höhere Gehälter. Präsidentin Claudia Sheinbaum lehnt ein hartes Vorgehen gegen die Protestierenden ab, kritisiert jedoch die „Provokation“. Diesen Mittwoch blockierte eine Splittergruppe der Lehrergewerkschaft CNTE die Zugänge zum Stadion. Zuvor stellte die Polizei 59 Sprengsätze bei einem anreisenden Bus der Demonstrierenden sicher.

Die Regierung steht unter Druck. Auch viele Mexikanerinnen und Mexikaner sind von den Blockaden genervt. Der Lieferfahrer Armando Escobedo verliert viel Zeit im Stau, seine Kunden muss er warten lassen: „Es gibt zu viel Verkehr. Strecken, für die ich fünf bis zehn Minuten brauche, dauern jetzt zwanzig.“ Zusätzlich werden fünf Millionen Touristen während der WM erwartet.

Vor der WM erinnern Protestierende an die 130.000 Menschen, die in Mexiko als verschwunden gelten.

Vermisste und Kartellgewalt

Rund um das Stadion hängen überall Vermisstenplakate, aufgehängt von Familienangehörigen der mehr als 130.000 Menschen, die in Mexiko als verschwunden gelten. Viele wurden mutmaßlich vom organisierten Verbrechen verschleppt.

Seit Jahren kommen Suchkollektive zusammen, um zu protestieren. Für sie ist die WM eine Provokation: die Darstellung des modernen, sicheren Mexiko – während ihre Angehörigen weiterhin vermisst sind.

Auch die jüngsten Eskalationen nach der Tötung des Kartellbosses „El Mencho“ sind noch sehr präsent. Als ihn das mexikanische Militär Ende Februar bei einem Einsatz tötete, reagierte sein Kartell Jalisco Nueva Generación mit Straßenblockaden, Schießereien und Plünderungen. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, Präsidentin Sheinbaum betont immer wieder, dass alle Behörden koordiniert für die Sicherheit sorgen.

Massiver Sicherheitsapparat

Tatsächlich bleiben neue Gewaltwellen bisher aus. Experten gehen davon aus, dass die kriminellen Gruppen selbst ein Interesse daran haben dürften, dass es an den Orten, an denen sich Touristen und Fans aufhalten, während der WM ruhig bleibt. Denn Großevents eignen sich hervorragend für Geldwäsche, Menschenhandel und lukrative Drogengeschäfte.

Für die WM wurde zudem ein massiver Sicherheitsapparat aufgebaut. Bis zu 120.000 Kameras sollen in den drei mexikanischen Austragungsorten Mexiko-Stadt, Monterrey und Guadalajara vor der WM installiert worden sein.

Rund 100.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz: Soldaten, Nationalgardisten, Polizisten, dazu etwa 20.000 private Sicherheitsleute. Selbst Roboter-Hunde sollen helfen, Verdächtiges aufzuspüren.

Proteste zur WM angekündigt

Die Mexikanerinnen und Mexikaner blicken mit gemischten Gefühlen auf ihre Gastgeberrolle. Viele werden die Spiele wohl sowieso nicht im Stadion schauen können. Die Tickets für die Eröffnung kosten zwischen 500 und 2.000 Euro – der Mindestlohn liegt bei etwa 470 Euro monatlich.

Ein großes Fanfest soll es dafür auf dem zentralen Platz Zócalo geben. Sheinbaum hat angekündigt, die Eröffnung bei diesem Public Viewing statt im Stadion zu sehen – wenn die protestierenden Verbände es zulassen.

Denn dabei dürfte sie nicht nur auf Fußballfans treffen, sondern auch auf die wütenden Lehrer, die im Zentrum Barrikaden und Zeltlager aufgebaut haben. Die internationale Aufmerksamkeit vor der riesigen Leinwand wollen sie nutzen, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen.

Auch die Angehörigen der Vermissten haben für den Tag der WM-Eröffnung Proteste und Straßenblockaden angekündigt. Ihr Slogan: Der Ball kehrt zurück nach Hause. Und unsere Vermissten, wann?

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Dr. Heinrich Krämer
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