Aktuell kursiert in sozialen Netzwerken ein Videoausschnitt aus einer Rede des Schriftstellers Navid Kermani. Darin spricht er beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr über die Pflicht zur Befehlsverweigerung bei offenkundig rechtswidrigen Befehlen. Die zentrale Behauptung stimmt: Kermani hat die zitierte Passage tatsächlich gesagt. Für die Vermutung, seine Stimme sei mit KI erzeugt oder die Aussage nachträglich in die Rede montiert worden, gibt es nach den vorliegenden Angaben keinen Beleg.
Die Originalaufnahme enthält die Passage
Das feierliche Gelöbnis fand am 20. Juli 2026 im Berliner Bendlerblock statt. Navid Kermani war dort Ehrengast und Festredner. Die Veranstaltung wurde vollständig von Phoenix übertragen und ist nach den vorliegenden Angaben in der ZDF-Mediathek abrufbar. Auch Kermanis eigene Website verweist demnach auf diese Aufzeichnung und nennt den Beginn seiner Rede bei ungefähr Minute 33:40. Der aktuell verbreitete Ausschnitt stammt aus dieser Rede. Die umstrittene Passage folgt rund 10 Minuten später bei ungefähr Minute 44:41.
Damit ist der wichtigste Punkt geklärt: Die Aussage ist nicht nur als Social-Media-Clip vorhanden, sondern Teil einer vollständigen Fernsehübertragung.
Das sagte Kermani
In der Rede wandte sich Kermani direkt an die Rekrutinnen und Rekruten. Er sagte zunächst, sie stünden am Anfang einer womöglich langen Laufbahn in der Armee und es sei unwahrscheinlich, dass die kommenden Jahrzehnte so friedlich blieben wie die vergangenen Jahrzehnte für Deutschland.
Anschließend folgte die derzeit verbreitete Passage:
„Sollte eine künftige Bundesregierung Sie in einen Krieg führen wollen, der so offenkundig völkerrechtswidrig und auch politisch desaströs ist wie der jüngste Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen Iran, dann wird es Ihre Pflicht sein, den Befehl zu verweigern.“
Kermani sprach danach weiter über offenkundige Rechtsverstöße. Er verwies darauf, dass das Völkerrecht Grenzfälle kenne. Bestimmte Handlungen, etwa die Drohung mit der Auslöschung einer gesamten Zivilisation oder ein erklärter Angriff auf zivile Infrastruktur, bezeichnete er jedoch als klar erkennbares Unrecht.
Kein Beleg für einen KI-Fake
Einzelne weiterverbreitete Clips können grundsätzlich gekürzt, neu beschriftet oder technisch verändert worden sein. Für die Echtheit der Aussage ist das in diesem Fall aber nicht entscheidend.
Wenn die Passage bereits in der vollständigen Phoenix-Übertragung enthalten ist, braucht es keine KI-Manipulation, um den verbreiteten Ausschnitt herzustellen. Der Clip kann schlicht aus der Originalsendung herausgeschnitten worden sein.
Auch der Verweis auf die Rede auf Kermanis eigener Website spricht gegen die Behauptung, es handle sich um eine erfundene oder künstlich erzeugte Passage.
Der Kontext ist enger, als manche Clips zeigen
Verkürzte Ausschnitte können den Eindruck erwecken, Kermani habe Soldatinnen und Soldaten allgemein dazu aufgerufen, Befehle infrage zu stellen. Der Zusammenhang der Rede ist enger.
Kermani sprach über militärischen Gehorsam, demokratische Verantwortung und die Grenzen von Befehlen. Er erklärte auch, dass Gehorsam im Gefecht überlebenswichtig sein könne und Armeen auf Disziplin und funktionierende Hierarchien angewiesen seien.
Sein Punkt war nicht, jeden militärischen Befehl politisch zu bewerten. Er sprach ausdrücklich über Fälle, in denen Diensterfüllung zum Verbrechen würde. Auch die Bundeswehr fasste seine Rede unter dem Gedanken einer „Tugend des Neinsagens“ zusammen.
Der Netz-Wortlaut ist leicht bearbeitet
Der verbreitete Text entspricht der Rede inhaltlich sehr genau, ist aber keine ungefilterte Abschrift. Zeitmarken wurden entfernt, Satzzeichen ergänzt und die Großschreibung vereinheitlicht.
Auch ältere Schreibweisen wie „daß“ oder „muß“ können nicht aus der gesprochenen Rede selbst stammen. Sie wurden offenbar bei der schriftlichen Aufbereitung des Zitats eingefügt.
Bei einem Fachbegriff gibt es unterschiedliche Wiedergaben. Manche Fassungen sprechen von „präventiver Verteidigung“, andere von „präemptiver Verteidigung“. Solche Abweichungen verändern die zentrale Aussage jedoch nicht. Entscheidend ist: Der Kern des Zitats stimmt mit der dokumentierten Rede überein.
Fazit
Das Zitat von Navid Kermani ist echt. Er sagte beim feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr am 20. Juli 2026 tatsächlich, dass Soldatinnen und Soldaten einen Befehl verweigern müssten, wenn eine künftige Bundesregierung sie in einen offenkundig völkerrechtswidrigen Krieg führen wolle.
Der im Netz verbreitete Wortlaut wurde sprachlich geglättet und enthält kleinere Abweichungen bei Schreibweise und Fachbegriffen. Eine KI-Fälschung ist die Passage nach den vorliegenden Quellenangaben nicht.
Ob man Kermanis politische und völkerrechtliche Bewertung teilt, ist eine eigene Debatte. Für den Faktencheck ist entscheidend: Die Aussage wurde nicht erfunden.
Bewertung: Richtig. Das Zitat ist echt; nur die schriftliche Wiedergabe wurde leicht bearbeitet.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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