Seit Kurzem zeigt Google nicht nur die durchschnittliche Bewertung von Geschäften und Dienstleistungen an, sondern auch, wie viele Rezensionen gelöscht wurden. Was steckt dahinter – und was sind die Folgen?
Fast 10.500 Google-Rezensionen hat Osman Madan in zwölf Jahren gesammelt. Die Gesamtbewertung seines Brauhauses mitten in der Stuttgarter Innenstadt: 4,5 Sterne. Ein guter Wert. Bis vor einem halben Jahr lag die Bewertung bei 4,3.
Seit Neuestem zeigt Google an, wie der Sprung nach oben zu erklären ist: Über 250 Bewertungen hat das Brauhaus seitdem löschen lassen. „Wir löschen alles, was einfach unter der Gürtellinie geschrieben ist“, sagt Geschäftsführer Madan. „Also alles, wo wir sagen, das ist nur ein Hater-Kommentar, ohne konstruktiv zu schreiben, was Sache war.“
Er sagt, ihm gehe es bei den Löschungen nicht darum, ein besseres Ergebnis zu erzielen, sondern um ein faireres, indem eindeutige Diffamierungen entfernt werden. Konstruktive Kritik lasse er immer stehen, kontaktiere sogar die Gäste, um zu erfahren, was hätte besser laufen können.
Google-Bewertungen sind harte Währung
Vieles dreht sich beim Besuch von Restaurants und anderer Geschäfte mittlerweile um die dazugehörige Bewertung im Internet. Eine 4,3, eine 4,4 oder gar eine 4,5 – das kann am Ende den Unterschied machen, ob Kunden sich für oder gegen ein Unternehmen entscheiden.
Das hat auch Osman Madan beobachtet. „Mit unserer alten Bewertung lagen wir eigentlich immer gut“, sagt er. Doch heute sei eine 4,3 fast schon schlecht. Er nehme sich da gar nicht aus, im Urlaub schaue er auch eher auf Restaurants mit durchschnittlich 4,5 Sternen aufwärts. Doch spiegeln diese Bewertungen auch die Realität wider? „Alle Mitbewerber in Stuttgart haben mittlerweile eine 4,7 oder 4,8. Wo ich dachte: Das kann nicht wahr sein. Und dann haben wir uns sagen lassen: Du, die lassen löschen.“
Eine „Lösch-Industrie“ ist entstanden
Tatsächlich ist gerade in Deutschland eine wahre „Lösch-Industrie“ entstanden. Scharen von Agenturen und Anwaltskanzleien haben sich auf das Entfernen von Beiträgen spezialisiert. Das Ergebnis: 99,97 Prozent aller Löschungen in der Europäischen Union wurden laut einer EU-Transparenzdatenbank im Jahr 2025 in Deutschland vorgenommen. Oder in absoluten Zahlen ausgedrückt: Nur 398 von 1.378.518 Löschanträgen wegen Diffamierung kamen nicht aus Deutschland.
Wohl auch, weil es hierzulande eine klare Trennung zwischen unzulässiger Verleumdung und freier Meinungsäußerung gibt. Gerichte haben schon mehrfach pro Unternehmen entschieden, wenn es ums Thema Diffamierung geht.
Hinzu kommt der „Digital Services Act“, die Digitalgesetze der EU. Sie verpflichten die großen Internet-Plattformen zu mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Wohl auch deshalb zeigt Google nun die Anzahl der gelöschten Ergebnisse an.
Was Verbraucherschützer sagen
Die Verbraucherzentralen heißen das erst einmal gut. „Die Verbraucher sehen jetzt nicht nur ein Endergebnis an Punktzahlen“, sagt Oliver Buttler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Sondern auch, ob dieser Betrieb Punkte vielleicht gelöscht hat, um zu diesem vielleicht zu positiven Ergebnis zu kommen:“ Insofern werde ein Punkte-Ergebnis, mit dem sich Anbieter schmückten, teilweise wieder relativiert.
Schon seit einigen Jahren beobachte man den Trend, dass Unternehmen sich unliebsamer Rezensionen entledigen wollen und dafür angebliche „Diffamierungen“ vorschieben. Das Problem sei, dass Google selbst oftmals gar nicht mehr prüfe, ob der von den Antragsstellern genannte Grund tatsächlich stimme. Und stattdessen der Einfachheit lieber gleich lösche.
„Wir haben in der Beratung öfter Beschwerden von Usern, wo uns durch Screenshots belegt wurde, dass hier einfach eine sachliche Kritik gelöscht wurde“, sagt Buttler. Hier müsse Google noch transparenter werden – die alleinige Nennung der Anzahl von Löschungen könne nur der erste Schritt sein.
Gastronomen am „Pranger“?
Kilian Kost, Anwalt für Internet- und Medienrecht, heißt die neue Transparenzmaßnahme prinzipiell gut. Unternehmen müssten Kritik rechtlich gesehen auch hinnehmen, und konstruktive Bewertungen seien legitim. Er warnt aber auch davor, dass für die betroffenen Unternehmen keine „Prangerwirkung“ entstehen dürfe. „Eine große Anzahl von angezeigten Löschungen kann natürlich auch negativ ankommen, auch wenn ich vielleicht völlig im Recht bin“, sagte Kost im ARD-Morgenmagazin.
Gastronom Madan aus Stuttgart kann der neuen Transparenzoffensive von Google wenig abgewinnen. „Weil entweder habe ich das Recht, das zu löschen, weil es nicht konform ist“, sagt er. Dann müsse man aber doch nicht dazuschreiben, wie viele Rezensionen gelöscht werden. „Das ist ja das Gleiche, als würde ich fünfmal unschuldig gesprochen vor Gericht und dann steht das irgendwo trotzdem in meinem Lebenslauf drin.“

