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Weitere Wochen der Ungewissheit: Mit seinem Schweigen schadet der VW-Vorstand dem Konzern

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Weitere Wochen der UngewissheitMit seinem Schweigen schadet der VW-Vorstand dem Konzern

10.07.2026, 19:15 Uhr Ein Kommentar von Christina Lohner
Beschaeftigte-von-Volkswagen-beteiligen-sich-an-einer-Informations-und-Protestaktion-der-IG-Metall-vor-dem-VW-Werk-in-Zwickau-Am-Tag-der-Aufsichtsratssitzung-der-Volkswagen-AG-in-Wolfsburg-organisiert-die-IG-Metall-bundesweit-Informations-und-Protestaktionen-an-zahlreichen-Standorten-des-Konzerns
Die Beschäftigten bleiben im Ungewissen. (Foto: picture alliance/dpa)

Das Management kündigt die größte Neuausrichtung in der VW-Geschichte an. Was diese für den geplanten Jobabbau und die von der Schließung bedrohten Werke bedeutet, bleibt der Vorstand den Mitarbeitern schuldig. Das ist nicht nur herzlos. 

Schon seit zwei Wochen schwebt über Zehntausenden VW-Mitarbeitern ein Damoklesschwert. Viele von ihnen schlafen mit der Frage ein, ob sie ihren Arbeitsplatz verlieren, und wachen am Morgen mit demselben Gedanken auf. Ihre Welt steht Kopf.

Ihnen droht nicht die Kündigung, und wer im VW-Konzern seinen Job verliert, fällt im Vergleich zu anderen Unternehmen weich, zeitlich und finanziell abgefedert. Der Autobauer ist Meister darin, Stellen über großzügige Ruhestandsregelungen abzubauen. Doch wenn ganze Werke schließen sollen, wie seit zwei Wochen zahlreiche Medien unter Berufung auf Insider berichten, trifft es nicht nur ältere Beschäftigte, die die verbleibende Zeit bis zur Rente überbrücken können. Dann fallen auch die Arbeitsplätze junger Menschen weg, und zwar nicht nur bei VW, sondern auch bei Zulieferern und anderen Arbeitgebern, die ihren Erfolg einer Autofabrik verdanken.

Selbst wenn die Betroffenen so qualifiziert sind wie die meisten VW-Mitarbeiter, stellen sich an manchen Standorten somit existenzielle Fragen. Wo finde ich in Zwickau oder Emden einen anderen, vergleichbaren Arbeitsplatz? Zwar hat niemand Anspruch darauf. Doch wer Familie oder ein Eigenheim hat, sich um Angehörige kümmert oder aus anderen guten Gründen fest verwurzelt ist, stellt die Frage trotzdem zu Recht. Nicht selten basieren ganze Lebensentwürfe auf einem Arbeitsplatz.

Am Donnerstag sollte dann endlich mehr Klarheit herrschen. Begleitet von Protesten der Belegschaft kam der VW-Aufsichtsrat zusammen, der über die schmerzhaften Sparpläne entscheiden wird. Die Sitzung begann am Nachmittag mit eineinhalb Stunden Verspätung, die Mitarbeiter wurden auf die nächste Geduldsprobe gestellt. Am späten Abend dann die Mitteilung des Vorstands zum neuen „Zukunftsplan“. Zu den seit zwei Wochen verbreiteten Plänen, Zehntausende weitere Stellen abzubauen und bis zu fünf Werke zu schließen: Immer noch kein Wort.

Eine abschließende Entscheidung ist offenbar noch nicht gefallen und naturgemäß mehr als schwierig. Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen als Anteilseigner bilden im Aufsichtsrat eine Mehrheit und dürften gegen einen Kahlschlag gestimmt haben. Erst nach der Sommerpause soll nun wieder darüber gesprochen werden – in mehr als vier Wochen. Weitere Wochen, wenn nicht Monate, leben Zehntausende Beschäftigte also in der Unsicherheit, ob sie vielleicht bald ihr ganzes Leben umkrempeln müssen, zum Beispiel in eine andere Region umziehen.

Ein Klima der Angst kam VW schon einmal teuer zu stehen

Solange keine Beschlüsse vorliegen, können diese auch nicht öffentlich gemacht werden. Das Mindeste in einer solch angespannten Situation – Vorstandschef Oliver Blume spricht selbst von der „umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte“ – wären aber wenigstens einige Worte des Bedauerns, des Mitgefühls für die eigenen Mitarbeiter, in Bezug auf die große Unsicherheit. Vielleicht ist jemandem bei einer Jahresvergütung von zuletzt 7,4 Millionen Euro nicht mehr vollends bewusst, was der Verlust des Arbeitsplatzes für manche Existenz bedeuten kann.

Der Vorstand schneidet sich mit seinem Schweigen auch ins eigene Fleisch. Es liegt nahe, dass durch das durchgestochene Szenario von insgesamt 100.000 wegfallenden Jobs – kurz vor der Aufsichtsratssitzung wurde sogar plötzlich von 120.000 Stellen berichtet – und mehreren Werksschließungen eine maximale Drohkulisse geschaffen werden sollte, um die Gesprächsbereitschaft der Arbeitnehmerseite zu erhöhen. Erinnerungen an die Verhandlungen vor zwei Jahren über den bereits beschlossenen Abbau von insgesamt 50.000 Stellen wurden wach. Wer in Verhandlungen startet, stellt überzogene Forderungen, um am Ende bei einem Kompromiss möglichst viel herauszuholen. In diesem Fall geht es jedoch um viele Tausend Existenzen. Das löst nicht nur Angst bei den direkt Betroffenen aus, sondern in der gesamten Belegschaft.

Gut möglich, dass das durchaus gewollt ist, schließlich scheint auch ein Mentalitätswechsel nötig, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Die Mitarbeiter sollen mehr Einsatz zeigen, statt sich auf den im Vergleich zu anderen Jobs komfortablen Arbeitsbedingungen auszuruhen. Angst erzeugt allerdings bei vielen Menschen nicht die gewünschte Motivation. Kurzfristig kann Angst zu mehr Leistung antreiben, langfristig kann sie lähmen.

Wer im Unternehmen bleibt und VW wieder an die Weltspitze bringen soll, wird mehr leisten, wenn er oder sie motiviert statt angstgetrieben ist. Der Konzern ist nicht der einzige, in dem die Führungsspitze bei schmerzhaften Einschnitten nicht den angemessenen Ton trifft. Dabei wäre das nicht nur menschlich, sondern würde sich auch wirtschaftlich lohnen. Wohin Angst im Extremfall führen kann, hat VW im Abgas-Skandal erlebt: Wenn die geforderte Leistung nicht zu schaffen ist, wird sie gegenüber den Vorgesetzten schlimmstenfalls vorgegaukelt. Der VW-Konzern hat sein einstiges Arbeitsklima der Angst mit Dutzenden Milliarden Euro teuer bezahlt.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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