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Politik

Wie die Ukraine mit behinderten Kindern umgeht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 30, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 30.05.2026 • 21:30 Uhr

Russlands Angriffskrieg hat viele Kinder in der Ukraine traumatisiert und ihnen schwere Wunden zugefügt. Im Land mangelt es an Therapieplätzen – und doch hat der Krieg das Verständnis für Behinderungen gestärkt.

Gesine Dornblüth

In Irpin, einem Vorort von Kiew, wüteten im Frühjahr 2022 russische Truppen. Inzwischen ist vieles wieder aufgebaut und Neues hinzugenommen, vor einem Jahr zum Beispiel eine Tagesstätte für Kinder mit Behinderungen.

Natascha Smiljanska kommt einmal die Woche mit ihrem Sohn Dmytro hierhin. Er ist 17 Jahre alt, stark sehbehindert und braucht seit dem russischen Einmarsch psychologische Betreuung.

„An die Zeit vor dem Krieg habe ich viele schöne Erinnerungen. Der Krieg hat alles verändert, leider. 2024 ist mein Onkel gefallen“, erzählt Dmytro.

Und seine Mutter ergänzt: „Im Jahr davor ist meine Mutter gestorben. Sie hatte einen Herzinfarkt, als sie erfuhr, dass ihr Sohn an der Front verletzt wurde. Und 2022 ist unser Haus abgebrannt.“

Behinderungen seit dem Krieg stärker im Fokus

Natascha Smiljanska hat ihren Beruf aufgegeben, um sich um Dmytro zu kümmern. Dabei bietet die Tagesstätte zumindest etwas Unterstützung. Sie wird von der Stadt finanziert, Deutschland half bei der Ausstattung. Eine Psychologin, vier Erzieher, zwei Sozialarbeiter und eine Krankenschwester kümmern sich um fünfzig Kinder.

Mit dem Krieg sind Kinder mit Behinderungen in der Ukraine stärker in den Fokus gerückt. Denn auch Kinder verlieren durch russische Angriffe Arme und Beine und erleiden schwere psychische Verletzungen.

Doch es gibt nach wie vor viel zu wenig Therapieplätze, findet Nataliya Schpilevaya. Ihre Tochter Anastassija kam mit Muskelschwund zur Welt. „Es ist Krieg. Die Therapeuten gehen ins Ausland – oder in Privatkliniken, weil dort besser bezahlt wird. Und dann ist da noch die Mobilisierung“, sagt sie.

Schpilevaya wünscht sich mehr Unterstützung für Kinder mit Behinderungen: „Die Gesellschaft muss sich um solche Kinder kümmern. Denn sie werden ja mehr und mehr.“ Immerhin steige die Toleranz gegenüber Kindern mit Behinderungen, erzählen die Mütter in der Tagesstätte.

Gesetz zur Inklusion

Das könnte auch daran liegen, dass die Ukraine noch vor Russlands Großangriff ein Gesetz zur Inklusion verabschiedet hat. Seitdem fördert der Staat es stärker, Kinder mit Behinderungen in gewöhnlichen Schulklassen zu unterrichten.

Die Kinder seien seitdem viel verständnisvoller im Umgang miteinander geworden, erzählt Nataliya Grytsajlo. Sie arbeitet bei einer der ältesten Kinderzeitschriften der Ukraine, Piznayko.

In der Redaktion in Kiew bekommt sie fast täglich Besuch von Schulklassen. „Es sind immer ein, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen dabei. Wenn eins zum Beispiel schreit oder einen Anfall bekommt, dann bleiben die anderen ruhig und sagen mir: Keine Sorge, das geht gleich vorbei. Oder sie gehen hin und helfen dem Kind.“

„Genauso viel wert wie andere“

In der Kinderzeitschrift Piznayko gibt es sogar eine feste Rubrik zum Thema Inklusion. Grytsajlo schlägt ein Heft auf. Ein Junge ist abgebildet bei einem Picknick, statt des rechten Arms trägt er eine Prothese.

„So etwas haben wir in jeder Ausgabe: Kinder mit Autismus, Kinder mit dem Down-Syndrom. Wir illustrieren das und erzählen in Versen, dass diese Kinder genauso viel wert sind wie alle anderen.“ Und zwar unabhängig davon, ob ein Kind von Geburt an oder infolge einer Kriegsverletzung behindert sei, betont Grytsajlo.

Verständnis für den Staat

Svetlana Mogiljanets hätte sich gewünscht, dass all diese Entwicklungen in der Ukraine schon viel früher begonnen hätten. Sie leitet die Tagesstätte für Kinder mit Behinderungen in Irpin und hat eine erwachsene Tochter, die geistig auf dem Niveau eines Kindes ist.

„Sie hat in den 26 Jahren ihres Lebens sehr viel Unangenehmes erfahren, von Erwachsenen und von Kindern“, sagt sie. Nun hofft Mogiljanets, dass die Inklusion in der Ukraine schneller voranschreitet – und wirbt doch um Verständnis dafür, dass der Staat im Krieg nicht alles finanzieren kann.

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