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Betrugsmaschen

Wie Hass im Netz die Stillen zum Schweigen bringt – und warum sie zurückkamen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 3, 2026Keine Kommentare12 Minuten Lesezeit
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Ein Wochenende, drei Facebook-Beiträge und zwei völlig unterschiedliche Seiten sozialer Netzwerke: Der erste Beitrag entstand aus Wut über Falschmeldungen und menschenverachtende Reaktionen, der zweite dokumentierte die anschließende Eskalation in unserer Kommentarspalte, und der dritte richtete den Blick auf jene Menschen, die bei all dem Lärm leicht übersehen werden – die stillen Mitlesenden.

Bis zum Morgen des 3. August kamen die drei Beiträge zusammen auf 1.119.985 Aufrufe und 124.041 Interaktionen. Sie wurden insgesamt 1.791-mal geteilt und erhielten laut Facebook-Insights 3.927 Kommentare und Antworten. Diese Zahlen zeigen die enorme Reichweite der Debatte, erzählen aber noch nicht, was an diesem Wochenende tatsächlich passiert ist.

Was in Ceuta tatsächlich passiert ist

Die Ereignisse, über die an diesem Wochenende gesprochen wurde, waren keine Erfindung. Zwischen dem 30. und 31. Juli gelangten innerhalb sehr kurzer Zeit Zehntausende Menschen aus Marokko nach Ceuta. Je nach Quelle lagen die Schätzungen zwischen rund 40.000 und 60.000 Personen. Menschen kamen über die Landgrenze, überwanden Absperrungen oder versuchten, schwimmend über das Meer in die spanische Stadt zu gelangen.

Die Folgen waren verheerend. Menschen ertranken im Meer oder starben im Gedränge. Nach dem am 2. August veröffentlichten Stand waren mindestens 72 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 1.000 mussten medizinisch versorgt werden. Die Aufnahme- und Versorgungsstrukturen der kleinen Stadt waren zeitweise völlig überlastet.

Viele der Angekommenen hatten offenbar angenommen, von Ceuta aus rasch auf das spanische Festland und anschließend in andere europäische Staaten weiterreisen zu können. Diese Vorstellung erwies sich für die meisten als falsch, denn für Menschen ohne entsprechende Dokumente gelten bei der Weiterreise zusätzliche Kontrollen. Innerhalb von rund zwei Tagen kehrten mehr als 48.000 Menschen nach Marokko zurück. Ein erheblicher Teil tat dies freiwillig, nachdem klar geworden war, dass es in Ceuta weder ausreichende Versorgung noch eine unmittelbare Weiterreisemöglichkeit gab.

Spanien verstärkte Polizei, Grenzschutz und militärische Präsenz. Vor der Küste wurde außerdem eine rund 500 Meter lange schwimmende Barriere installiert, um weitere gefährliche Versuche über das Meer zu verhindern. Gleichzeitig entwickelte sich aus der humanitären Krise sehr rasch ein europäischer Streit über Grenzschutz, Rückführungen und politische Verantwortung.

Warum sich so viele Menschen nahezu gleichzeitig auf den Weg machten, lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Behörden und Medien verwiesen unter anderem auf wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Schleusernetzwerke und falsche Versprechen in sozialen Medien. Eine wichtige Rolle spielte offenbar auch die verzerrte Darstellung eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs.

Das Gericht hatte entschieden, dass Menschen, die beim Versuch, Ceuta schwimmend zu erreichen, auf See aufgegriffen werden, nicht im vereinfachten Verfahren unmittelbar nach Marokko zurückgebracht werden dürfen. Stattdessen muss das reguläre Rückführungsverfahren angewendet werden. Rückführungen wurden durch das Urteil also keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen.

Die Krise war real. Es gab Chaos, Überforderung, Verletzte und Tote. Darüber muss berichtet und politisch gestritten werden. Gerade deshalb waren die zusätzlich verbreiteten Falschmeldungen so gefährlich: Die Wirklichkeit war ernst genug und brauchte keine erfundenen Bilder, falschen Orte oder dramatisch umgedeuteten Gerichtsurteile.

Falsche Videos, falsche Orte und ein verdrehtes Gerichtsurteil

Eine der besonders häufig geteilten Aufnahmen sollte Tausende Menschen zeigen, die auf Ceuta zumarschierten. Tatsächlich war darauf eine religiöse Prozession in der Türkei zu sehen. Ein neues Etikett über einem alten Video reichte aus, um daraus einen angeblichen Marsch auf Europa zu machen.

Ein weiteres Video zeigte einen marokkanischen Polizisten, der ein Grenztor öffnete. Die Aufnahme wurde als aktueller Beleg dafür verbreitet, dass die Ereignisse von langer Hand geplant worden seien. Tatsächlich stammte sie aus dem Mai 2021 und war damit fünf Jahre alt.

Auch Aufnahmen von Metallspitzen an Balkonen wurden plötzlich nach Ceuta verlegt. Angeblich habe die dortige Bevölkerung diese angebracht, um sich gegen ankommende Menschen zu verteidigen. Die Bilder stammten jedoch aus Barcelona und waren bereits lange vor den aktuellen Ereignissen im Umlauf.

Für die Herstellung solcher Falschmeldungen reichen häufig ein altes Video, ein neuer Begleittext und einige Rufzeichen. Die Überprüfung benötigt wesentlich mehr Zeit, weil Originalaufnahmen gefunden, Orte verglichen, Veröffentlichungszeitpunkte kontrolliert und Angaben von Behörden eingeholt werden müssen. Während wir genau das taten, entwickelte sich unter den verbreiteten Bildern bereits eine andere Dynamik: Menschen wurden als „Bestien“, „Gesindel“ und „Pack“ bezeichnet, andere fantasierten über Haie, Schusswaffen und angeblich notwendige Gewalt. Frei erfundene Behauptungen über getötete Einheimische wurden ohne Quelle weitergetragen.

810.365 Aufrufe für einen wütenden Beitrag

Am 1. August 2026 um 13:43 Uhr veröffentlichte ich deshalb einen ungewöhnlich persönlichen Facebook-Beitrag. Er begann mit den Worten:

„An jene, die unter den Videos und Bildern aus Ceuta über Haie fantasieren, Menschen als ‚Bestien‘ und ‚Gesindel‘ bezeichnen und jedem Muslim pauschal misstrauen: Seid’s eigentlich vollkommen deppert?“

Der Beitrag richtete sich ausdrücklich nicht gegen Menschen, die Fragen stellten, Sorgen äußerten oder die europäische Migrationspolitik kritisierten. Anlass waren jene Kommentare, in denen dramatische Bilder benutzt wurden, um ganze Bevölkerungsgruppen zu entmenschlichen, oder in denen öffentlich über Gewalt gegen Menschen nachzudenken.

Bis zum Morgen des 3. August erreichte dieser Beitrag:

  • 810.365 Aufrufe
  • 480.650 Betrachter
  • 92.687 Interaktionen
  • 74.981 Klicks
  • 2.983 Kommentare und Antworten
  • 1.069 geteilte Inhalte

Unter den insgesamt 10.753 Reaktionen befanden sich 8.549 „Gefällt mir“, 138 Herzen, 74 Umarmungen, 1.780 Lachreaktionen, 140 traurige und 55 wütende Reaktionen. Aus den Reaktionssymbolen allein lässt sich nicht zuverlässig ableiten, weshalb jemand gelacht oder wütend reagiert hat. Die fast 3.000 Kommentare zeigten allerdings sehr deutlich, wie emotional und aufgeheizt die Debatte inzwischen war.

1.473 Kommentare und Antworten gesichert

Während der ersten Moderation zeigte Facebook zeitweise rund 1.700 Kommentare und Antworten an. Zu diesem Zeitpunkt begannen wir, den Kommentarstrang technisch zu sichern, weil Kommentare nachträglich bearbeitet oder gelöscht werden können, Profile verschwinden und Beiträge verborgen werden können. Für eine spätere Meldung oder rechtliche Prüfung reicht es deshalb nicht, sich lediglich an einen Kommentar zu erinnern.

Am Ende dieser Sicherung lagen 1.473 einzelne Datensätze vor. Davon stammten 82 von Mimikama selbst. Übrig blieben 1.391 Kommentare und Antworten anderer Nutzerinnen und Nutzer, verteilt auf 941 erfasste Profilnamen.

Dass Facebook später insgesamt 2.983 Kommentare und Antworten auswies, ist kein Widerspruch. Unsere Sicherung bildete einen früheren Zeitpunkt ab, danach kamen zahlreiche weitere Kommentare hinzu. Die folgende Auswertung bezieht sich daher auf den gesicherten Datenbestand von 1.473 Einträgen und nicht auf sämtliche Kommentare, die später noch geschrieben wurden.

Elf klare Gewalt- oder Tötungsfantasien

Anschließend begann die manuelle Prüfung. Dabei war uns wichtig, sauber zwischen scharfer Kritik, unsachlichen Meinungen, persönlichen Beleidigungen und möglichen strafrechtlich relevanten Inhalten zu unterscheiden. Eine falsche oder unangenehme Meinung ist nicht automatisch strafbar, und Kommentare, die einen Gewaltaufruf lediglich zitierten oder ihm widersprachen, durften nicht gemeinsam mit dessen Urheber erfasst werden.

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In der ersten manuellen Auswertung fanden wir dennoch elf klare Gewalt- oder Tötungsfantasien. Dazu gehörten Formulierungen wie:

„Feuer frei.“

„Lasst sie ertrinken.“

„Alle zurück ins Meer.“

„Untermenschen! Sollen alle verrecken!“

Andere Kommentierende wünschten sich Wasserminen, Haie, Piranhas, Orcas, Torpedos oder Bomben. In 47 Kommentaren wurden Menschen massiv entmenschlicht oder als „Parasiten“, „Viecher“, „Gesindel“, „Abschaum“, „Raubtiere“ und „Heuschrecken“ bezeichnet.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Weitere Kommentare enthielten Beleidigungen, pauschale Kriminalisierung und unbelegte Vorwürfe gegen ganze Bevölkerungsgruppen. Auch Mimikama wurde als „linker Dreck“, bezahlter „Erfüllungsgehilfe“ oder Teil einer politischen Verschwörung bezeichnet. Diese Kategorien stellen eine redaktionelle Bewertung der gesicherten Kommentare dar. Ob eine konkrete Äußerung tatsächlich strafbar ist, entscheiden die zuständigen Behörden und Gerichte.

Bei Facebook gemeldet und zur Anzeige gebracht

Die schwersten Kommentare wurden nicht nur in einer Statistik erfasst. Wir sicherten den Wortlaut, den direkten Kommentar-Link und – soweit technisch möglich – den Bezug zum jeweiligen Profil. Anschließend wurden die Inhalte bei Facebook gemeldet. Jene Fälle, die wir nach unserer Einzelfallprüfung für möglicherweise strafrechtlich relevant hielten, brachten wir zur Anzeige; weitere Grenzfälle wurden für eine rechtliche Prüfung vollständig dokumentiert.

Damit ist keine Vorverurteilung verbunden. Eine Anzeige bedeutet zunächst, dass Polizei und Staatsanwaltschaft einen Sachverhalt prüfen können. Es geht uns ausdrücklich nicht darum, jede geschmacklose Bemerkung anzuzeigen. Menschen dürfen Mimikama kritisieren, unsere Einordnung für falsch halten, eine strengere Migrationspolitik fordern oder auch einmal unsachlich und grantig reagieren.

Eine andere Grenze wird erreicht, wenn Menschen öffentlich der Tod gewünscht wird, zu Schüssen aufgerufen wird oder ganze Bevölkerungsgruppen als weniger menschlich dargestellt werden. Wie notwendig die vorherige Sicherung war, zeigte sich kurz darauf: Selbst unter dem späteren Beitrag über unsere Auswertung tauchte erneut die Forderung nach einem „Schussbefehl“ auf. Wir sicherten den Kommentar, in einem späteren Export war er jedoch nicht mehr auffindbar. Ob Facebook ihn entfernt hatte, der Verfasser ihn selbst löschte oder er nur verborgen wurde, ließ sich nicht feststellen.

Der zweite Beitrag: 287.741 Aufrufe für die Auswertung

Am 2. August um 10:29 Uhr veröffentlichten wir die erste Zusammenfassung unserer Auswertung. Der Beitrag erklärte, wie viele Kommentare gesichert worden waren, welche Inhalte darin vorkamen und weshalb wir diesen Aufwand betrieben hatten.

Er erreichte:

  • 287.741 Aufrufe
  • 180.030 Betrachter
  • 29.135 Interaktionen
  • 18.892 Klicks
  • 871 Kommentare und Antworten
  • 677 geteilte Inhalte

Auffällig war die völlig andere Zusammensetzung der Reaktionen. Von 7.823 Reaktionen entfielen 6.300 auf „Gefällt mir“, 1.173 auf Herzen und 289 auf Umarmungen. Es gab neun Lachreaktionen und keine einzige wütende Reaktion.

Unter dem ersten Beitrag hatten Hass, Spott, Zustimmung, Widerspruch und ehrliche Fragen nebeneinandergestanden. Unter der Auswertung meldeten sich nun vor allem Menschen, die sich für die Dokumentation bedankten oder von ihren eigenen Erfahrungen mit Hasskommentaren berichteten. Viele schrieben, sie hätten die erste Kommentarspalte gesehen und seien zunächst wie gelähmt gewesen.

Andere erklärten, sie hätten eigentlich widersprechen wollen, ihren Kommentar dann aber wieder gelöscht. Sie wollten nicht beschimpft werden, waren erschöpft oder glaubten, in der Masse aggressiver Beiträge ohnehin unterzugehen. Eine Leserin schrieb:

„Ich bin bisher eine von den Stillen gewesen, aber nicht mehr.“

Dieser Satz veränderte den Blick auf das gesamte Wochenende.

Wenn die Lautesten wie die Mehrheit wirken

Aggressive Kommentierende müssen nicht tatsächlich die Mehrheit bilden, um eine Debatte zu dominieren. Es reicht oft, wenn sie so laut, ausdauernd und persönlich werden, dass andere Menschen irgendwann aufhören, sich zu beteiligen. Wer wiederholt beschimpft wurde, scrollt beim nächsten Mal vielleicht einfach weiter. Wer bereits Drohungen erhalten hat, überlegt sich genau, ob er noch einmal widerspricht. Und wer glaubt, allein gegen Hunderte anzureden, löscht seinen Kommentar möglicherweise noch vor dem Absenden.

Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Stimmung. Die aggressiven Stimmen bleiben sichtbar, während sich viele andere aus der Diskussion zurückziehen. Für Außenstehende kann es dann so wirken, als würden die Lautesten die allgemeine Meinung vertreten. Gleichzeitig sehen sich diese Lauten gegenseitig, fühlen sich bestätigt und treten noch selbstbewusster auf.

Dieser Mechanismus braucht keine wirkliche Mehrheit. Er funktioniert bereits dann, wenn genügend vernünftige, erschöpfte oder verunsicherte Menschen schweigen. Die Lautesten müssen niemanden überzeugen, solange es ihnen gelingt, dass die anderen aufhören zu sprechen.

„Gestern Hass. Heute Haltung.“

Am Abend des 2. August, um 20:10 Uhr, folgte der dritte Beitrag. Unter der Überschrift „Gestern Hass. Heute Haltung.“ ging es um jene Menschen, die sich nach unserer Auswertung zu Wort gemeldet hatten. Mehrere erklärten öffentlich, gerade ein Mimikama-Abo abgeschlossen zu haben. Andere spendeten einen Euro oder mehr, einige kündigten an, künftig wieder öfter zu widersprechen.

Der Beitrag war wesentlich kleiner als die beiden vorherigen, entwickelte aber ebenfalls eine deutliche Resonanz:

  • 21.879 Aufrufe
  • 14.781 Betrachter
  • 2.219 Interaktionen
  • 835 Klicks
  • 73 Kommentare
  • 45 geteilte Inhalte

Von den 1.204 Reaktionen waren 1.034 „Gefällt mir“, 143 Herzen und 23 Umarmungen. Es gab keine traurigen oder wütenden Reaktionen. Der Beitrag führte damit nicht plötzlich zu einer vollständig konfliktfreien Kommentarspalte, denn auch darunter tauchten wieder einzelne Provokationen und menschenfeindliche Aussagen auf. Die grundsätzliche Stimmung hatte sich jedoch verändert: Menschen, die zuvor still geblieben waren, schrieben nun, dass sie ebenfalls noch da seien.

Mehr als 1,1 Millionen Aufrufe – aber keine einfache Erfolgsgeschichte

Zusammen erreichten die drei Beiträge 1.119.985 Aufrufe, 124.041 Interaktionen, 19.780 Reaktionen, 94.708 Klicks, 3.927 Kommentare und Antworten sowie 1.791 geteilte Inhalte. Die Betrachterzahlen der einzelnen Beiträge dürfen dabei nicht einfach addiert werden, weil dieselben Menschen mehrere Beiträge gesehen haben können.

Trotzdem zeigen die Werte, wie weit die Debatte über das unmittelbare Umfeld unserer Seite hinausging. Beim zweiten Beitrag kamen laut Facebook 58,3 Prozent der Betrachter aus dem Kreis der Nicht-Follower. Er erreichte damit viele Menschen außerhalb der bestehenden Community und brachte Mimikama 155 neue Follower.

Es wäre allerdings falsch, daraus nur eine Erfolgsgeschichte über Reichweite zu machen. Hinter diesen Zahlen stehen viele Stunden Moderation, die wiederholte Konfrontation mit Gewaltfantasien und die aufwendige Dokumentation möglicher Rechtsverstöße. Gleichzeitig stehen dahinter Menschen, die sich bewusst entschieden haben, nicht länger still zu bleiben.

Was von diesem Wochenende bleibt

Das Wochenende zeigte, wie schnell Falschmeldungen einen bereits emotionalen Konflikt verschärfen können. Ein altes Video bekommt einen neuen Ort, eine religiöse Prozession wird zu einem Marsch auf Europa, und aus einer juristischen Einzelfrage entsteht die Behauptung, niemand dürfe mehr zurückgeführt werden. Die reale Krise tritt dabei zunehmend in den Hintergrund, während Angst, Verachtung und Gewaltfantasien die Debatte bestimmen.

Es zeigte aber auch, dass die lautesten Kommentare nicht automatisch die Mehrheit darstellen. Viele Menschen hatten sich aus Diskussionen zurückgezogen, weil ihnen die Kraft fehlte oder weil sie sich schützen wollten. Als sie sahen, dass andere ebenfalls widersprachen, meldeten sie sich wieder.

Niemand muss jeden Troll überzeugen oder stundenlang in einer Kommentarspalte kämpfen. Manchmal reicht ein sachlicher Satz, ein Hinweis auf eine fehlende Quelle, ein Like für einen vernünftigen Widerspruch, die Unterstützung einer angegriffenen Person oder die Sicherung und Meldung eines Gewaltaufrufs.

Das Netz gehört nicht nur den Lautesten. Es gehört auch jenen, die nachfragen, überprüfen, widersprechen und sich weigern, andere Menschen zu entmenschlichen. Genau deshalb werden wir weiterhin recherchieren, dokumentieren, melden und – wo es erforderlich ist – anzeigen.

Der wichtigste Satz dieses Wochenendes war deshalb möglicherweise nicht „Seid’s eigentlich vollkommen deppert?“, sondern ein wesentlich ruhigerer:

„Ich bin bisher eine von den Stillen gewesen, aber nicht mehr.“

Die drei Facebook-Beiträge

1. August 2026, 13:43 Uhr – „Seid’s eigentlich vollkommen deppert?“

2. August 2026, 10:29 Uhr – Auswertung der Kommentarspalte

2. August 2026, 20:10 Uhr – „Gestern Hass. Heute Haltung.“

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)

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Dr. Heinrich Krämer
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