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Politik

Wie Israels Nationalreligiöse ihren Einfluss ausbauen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 13.05.2026 • 10:38 Uhr

Ob in Politik, Militär oder Sicherheit – der Einfluss von Israels Nationalreligiösen ist in den vergangenen Jahren immer mehr gewachsen. Ihr Ziel: Tora und Staat zu verbinden. Das hat Folgen für das säkulare, liberale Leben in Israel.

Lissy Kaufmann

Der israelische Soldat Joel Rechel steht in Uniform und mit Kippa am Strand von Gaza. Es ist kurz nach Kriegsbeginn im Winter 2023. Rechel filmt sich selbst, er lächelt, zitiert aus der Tora: „Und du wirst dich ausbreiten nach Westen und Osten, nach Norden und Süden.“

Rechel ist als Oberstleutnant der Reserve in den Gazastreifen gekommen. Früher hat er hier in einer jüdischen Siedlung gelebt, bis zum Abzug Israels 2005. Er ist ein religiöser Gelehrter, seine Kippa ist gehäkelt – ein Erkennungsmerkmal nationalreligiöser Juden. Sie verbinden den Glauben mit Zionismus. Sie wollen im Namen der Tora die jüdische Besiedlung des besetzen Westjordanlandes vorantreiben. Und manche von ihnen auch des Gazastreifens.

Überproportional viele nationalreligiöse Reservisten

Für diese Ziele brauchen sie das Militär. Der Jurist und Autor Yair Nehorai veröffentlicht Videos, die diese Bestrebungen belegen. Er sagt: „Mitte der 80er-Jahre fragten sich einige nationalreligiöse Studenten, wie sie eine religiöse Revolution im Staat herbeiführen können.“ Der Weg, den diese Studenten ausgemacht hätten, „führt über die Eroberung des Militärs. Warum? Wenn ich das Militär im Staat Israel übernehme, ist das ein Sprungbrett zu hohen Positionen im Staat“.

Laut einer Studie der Organisation „Treue zur Tora und Arbeit“ hat sich die Zahl nationalreligiöser Offiziere zwischen 1990 und 2015 verfünfzehnfacht. Im jüngsten Gazakrieg waren laut des Israelischen Demokratie-Instituts rund 25 Prozent der Reservisten Nationalreligiöse. Das ist mehr, als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmacht. Einige gehören zur Siedlerbewegung.

Nationalreligiöse und ultraorthodoxe Juden in Israel

Nationalreligiöse Juden verbinden ihren Glauben mit Zionismus, sie sehen den Staat Israel und die Tora als Einheit. Sie sehen im besetzten Westjordanland das biblische Judäa und Samaria und unterstützen die jüdische Besiedlung des Gebiets. Aus dem nationalreligiösen Milieu geht die Siedlerbewegung hervor. Wie die ultraorthodoxen lernen die nationalreligiösen Männer in Toraschulen, leisten aber zudem Wehrdienst und sind meist berufstätig. 

Ultraorthodoxe Juden leben nach strengreligiösen Regeln und oft abgeschottet in eigenen Vierteln. Sie sind kaum bis gar nicht zionistisch und stehen dem Staat Israel distanziert gegenüber. Einige lehnen den Staat ganz ab: Sie glauben, dass erst der Messias einen jüdischen Staat gründen darf. Die meisten ultraorthodoxen Männer leisten keinen Wehrdienst – obwohl die Ausnahmeregelung vom Militärdienst für 2024 ausgelaufen ist. Die meisten Männer lernen ein Leben lang in Toraschulen und sind nicht berufstätig.

Und ein kleiner Teil von ihnen setzt auf Gewalt – mit Folgen, erklärt Ziv Stahl von der Menschenrechtsorganisation Yesh Din: „Im Krieg hat die Armee viele Siedler rekrutiert, als regionale Verteidigungseinheiten. Sie hat ihnen Waffen, Uniform und Macht gegeben. Sie nutzen diese Macht, nicht nur um Siedlungen vor Angriffen zu schützen, was ja eine Angst war nach dem 7. Oktober.“

Sie missbrauchen die Macht auch, um Palästinenser anzugreifen. Um andere Siedler, die Palästinenser angreifen, zu schützen. Und, um unter dem Deckmantel der Armee Palästinensern zu schaden.

Ziv Stahl, Menschenrechtsaktivistin

Systematische Diskriminierung von Palästinensern

Israelische Medien berichten: Der für das Westjordanland zuständige General Avi Bluth – ebenfalls ein Nationalreligiöser – habe vor Kurzem zugegeben, dass das Militär Palästinenser diskriminiert. Auf palästinensische Steinewerfer schieße die Armee scharf, auf jüdische Steinewerfer nicht.

Rückendeckung kommt auch aus der Politik: Israel hat seit 2022 die radikalste Regierung seiner Geschichte. Ziv Stahl sagt, es gebe keine Strafverfolgung, stattdessen würden Siedlungen mit Infrastruktur belohnt. Und auch auf dem Chefposten des Inlandsgemeindienstes Shin Bet sitzt mittlerweile ein Nationalreligiöser: David Zini. Er soll unter anderem die Abteilung, die sich um jüdischen Terrorismus kümmert, herabgestuft haben. So berichtet es die israelische Tageszeitung Haaretz.

Kein Platz mehr für Nicht-Juden?

Der Einfluss wächst, und das macht den Rabbiner Eli Sadan stolz. Er hat in den 80er-Jahren das erste religiöse Militär-Vorbereitungsprogramm gegründet, in der Siedlung Eli. „Heute haben wir ungefähr 5.000 bis 6.000 erwachsene Mitglieder in verschiedenen Bereichen: im Militär, im Shin Bet, im Mossad, im öffentlichen Dienst, in Städten und in den Siedlungen.“

Sadans Rede ist online anzuschauen. Darin zeigt er sich überzeugt, dass sich irgendwann alle dem Weg der Nationalreligiösen anschließen, auch Ultraorthodoxe und Säkulare. „Unsere Aufgabe ist es, einen Weg zu ebnen, der das Volk Israel, die Tora und den Staat Israel zu einer Einheit verbindet.“ Damit hätten alle Nicht-Juden, Muslime, Christen, Atheisten, keinen Platz mehr in Israel.

Liberales Leben in Israel ist in Gefahr

Eli Sadan ist kein Außenseiter. 2016 hat er den Israel Preis erhalten, die höchste Kulturauszeichnung des Staates Israel. Autor Yair Nehorai sieht darin einen Schlüsselmoment: „Die israelische Öffentlichkeit versteht nicht, was hier vor sich geht. Du verleihst den Israel-Preis an jemanden, dessen Institution es sich zum Ziel gesetzt hat, dich zu zerstören. Das Leitbild richtet sich gegen Frauenrechte, gegen Minderheitenrechte, gegen LGBTQ-Rechte, gegen die Meinungsfreiheit. Und trotzdem verleihst du ihm den Israel-Preis. An dem Punkt habe ich gesagt: Jetzt sind wir am Ende.“

Nehorai warnt: Das säkulare, das liberale Leben in Israel ist in Gefahr. Die Gruppe der Nationalreligiösen wird immer stärker. Noch hat sie ihre Ziele nicht erreicht – kommt ihnen aber immer näher. Und für die liberalen Demokraten in Israel wird es immer schwieriger, diese Entwicklung aufzuhalten.

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