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Politik

Wie „Rave the Planet“ die Loveparade weiterdenkt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 31, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 31.07.2026 • 17:41 Uhr

Frieden, Liebe, Toleranz – und Kommerz: Die Loveparade ist noch immer Teil der deutschen Technokultur, ihr tragisches Ende inklusive. Die Nachfolge-Veranstaltung will vieles anders machen – mit Erfolg?

Von Emma Velasco Willems, WDR

Dröhnende Bässe, bunte Musikwagen und Hunderttausende Menschen, die tanzend durch Berlin ziehen: Für viele ist die Loveparade bis heute das Symbol für die Technokultur der 90er-Jahre. Was 1989 mit rund 150 Teilnehmenden als Demonstration für Frieden, Liebe und Toleranz begann, entwickelte sich schnell zu einem internationalen Großereignis. Mit dem Erfolg veränderte sich auch die Veranstaltung selbst.

Die ARD-Dokumentation „Love is stronger“ stellt jetzt die Frage: Kann man das Erbe der Loveparade weiterführen, ohne ihre Fehler zu wiederholen? Dafür begleitet sie die Entstehung der ersten „Rave The Planet“-Parade 2022 und blickt zurück auf die Geschichte der Loveparade – von ihren Anfängen in West-Berlin bis zum tragischen Ende in Duisburg.

Loveparade: Von der Szene-Demo zur Massenparty

Warum gegen etwas demonstrieren, wenn man für etwas demonstrieren kann? So lautete die Ursprungsidee zur ersten Loveparade, gegründet von Techno-DJ Dr. Motte und Künstlerin Danielle de Picciotto. Eine Bewegung für Frieden, Liebe und Toleranz, die elektronische Musik zelebriert. Nach dem Mauerfall wurden auch Wiedervereinigung und Gemeinschaft zum zentralen Thema.

Was als Szene-Event auf dem Berliner Ku’damm startete, entwickelte sich zum kommerziellen Großereignis mit rund 1,5 Millionen Menschen. Mit Folgen: Für Danielle de Picciotto haben sich mit der Zeit die Werte der Veranstaltung verschoben, erzählt sie in der Doku. Sie zog sich aus der Organisation zurück – um dieselbe Zeit stieg Musiker Westbam ein: „Wenn die Loveparade sowas geblieben wäre, mit drei Kassettendecks in drei Wagen, dann würden wir heute hier nicht mehr sitzen, und es wäre für keinen interessant.“

Kommerz, Konflikte, Katastrophe

Auch das Team hinter der Parade wuchs. Mit dem professionellen Geschäftsmodell nahmen Organisationsaufwand, Sicherheitsfragen und finanzielles Risiko zu – genauso wie interne Konflikte. Parallel verschärften sich Diskussion und Kritik um die Loveparade. Die Berliner Behörden entzogen den Status als Demonstration, die Umsetzung wurde teurer, und die Abhängigkeit von Sponsoren stieg. 2005 wurde die Marke an Fitnessunternehmer Rainer Schaller verkauft.

Das Ende der Loveparade war tragisch: 2010 starben bei einem Unglück 21 Menschen im Gedränge. Über 650 Personen wurden verletzt, Tausende sind bis heute traumatisiert. Das Strafverfahren am Landgericht Duisburg wurde 2020 eingestellt – ein gerichtliches Urteil zur Schuldfrage gibt es nicht.

„Rave The Planet“: Versuch eines Neuanfangs

Die Idee einer Musik-Demonstration jedoch blieb lebendig. Zwölf Jahre später sollte das Trauma überwunden und die Tradition fortgeführt werden. „Rave The Planet“ ist der Versuch, den Gedanken der Loveparade als Demonstration für Frieden, Vielfalt und Menschlichkeit wieder aufleben zu lassen – mit strengeren Sicherheitsauflagen und fern von Kommerzialisierung. Ein Versuch, der laut Regisseurin Britta Mischer bisher gelungen ist: „Die Herzlichkeit und Wärme, die die Menschen ausstrahlen, die ist geblieben.“

Haben den Loveparade-Nachfolger „Rave The Planet“ gegründet: Ellen Dosch-Roeingh und Dr. Motte

Das Gründerduo Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh betont die Gemeinnützigkeit sowie die Kulturarbeit der Parade. Es gehe nicht um Einzelpersonen, „sondern dass verstanden wird, dass ‚Rave The Planet‘, genau wie die Loveparade, wir alle sind“, sagt Ellen Dosch-Roeingh.

Zwischen Erfolg und Kontroverse

Die erste „Rave The Planet“-Parade im Jahr 2022 werteten die Veranstalter als Erfolg: Laut Berliner Polizei kamen 200.000 Menschen. Die Folgejahre verzeichneten ähnliche Zahlen. Internationale Strahlkraft wie bei der Loveparade ist jedoch nicht entstanden.

Die Resonanz bleibt gemischt. Dr. Motte geriet in die Kritik, als er auf der Parade ein Symbol des Querdenker-Milieus hochhielt. Er entschuldigte sich später und sprach von einer Verwechslung. Dennoch reiht sich der Vorfall in frühere Kontroversen ein.

Frauen als Teil der Techno-Geschichte

Während Dr. Motte oft im Fokus steht – als Gründer oder Zielscheibe von Kritik -, geraten andere Protagonistinnen schnell in den Hintergrund, selbst wenn sie die Umsetzung maßgeblich vorantrieben. Danielle de Picciotto macht im Interview deutlich: Frauen werden in der Geschichte oft vergessen. Deshalb habe sie sich zur Aufgabe gemacht, Dr. Motte daran zu erinnern, sie zu erwähnen – auch, um andere Frauen zu inspirieren.

Die Kölner DJ Amsl beobachtet zwar mehr Sichtbarkeit von Frauen, queeren Menschen und People of Colour – von tatsächlicher Gleichberechtigung könne jedoch keine Rede sein. Sie kritisiert, dass vor allem Frauen nach Einschätzungen zur Gleichberechtigung und der eigenen Rolle gefragt würden, männliche DJ-Kollegen hingegen kaum.

Zwischen Nostalgie und Gegenwart

Gründungsmitglieder wie Dr. Motte und Westbam gelten vielen bis heute als Ikonen. Für Regisseurin Britta Mischer ist „Techno zeitlos“, die Botschaft bleibe aktuell. Auch, wenn die Protagonisten der Loveparade-Ära die GenZ nicht mehr prägen – dafür sei Techno heute „viel zu differenziert“.

Die jüngere Generation blickt oft mit Nostalgie zurück. Auch Amsl und Anna Cainelli, DJs des Kölner FLINTA-Kollektivs E.P.I.Q., beobachten eine Sehnsucht nach den 1990er-Jahren: Tracks von damals tauchen wieder in aktuellen Sets auf, die Mode sei zurück. Für sie wirkt die frühere Szene „purer, weniger kommerziell“. Beide waren damals noch zu jung, hätten aber gerne gesehen „wie alle getanzt haben, wie frei, ausgelassen, ohne Kameras und ohne Handys“, sagt Anna Cainelli.

Techno heute: Awareness und neue Kollektive

Neben dieser Nostalgie sehen sie eine klare Gegenbewegung. Viele kleine Festivals und Kollektive versuchen inzwischen bewusst, sich von Mainstream-Events abzugrenzen. „Ich habe das Gefühl, die Loveparade hat durch die Kommerzialisierung den Spirit verloren und kleine Festivals besinnen sich jetzt wieder darauf“, so Amsl.

Sie betonen, dass sich die Rave- und Clubkultur weiterentwickele. Sie biete nach wie vor Räume, in denen man sich frei von gesellschaftlichen Konventionen bewegen könne, es gehe heute aber noch stärker darum, wie diese Räume gestaltet werden. Viele Szenen achteten darauf „wie sich die Menschen fühlen sollen – Stichwort Awareness und Schutzkonzept“, berichtet sie.

Ob „Rave The Planet“ langfristig an die Loveparade anknüpfen kann, ist offen. Klar ist: Zwischen Awareness-Konzepten, Erinnerungskultur und neuer Rave-Vielfalt wird weiterverhandelt, was Techno heute sein soll: Kommerz-Event, Freiraum oder beides zugleich.

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