Zwei Siege zum Start in eine Fußball-WM gab es für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zuletzt 2006. Damals führte der Weg des Teams bis ins Halbfinale. Grund für Euphorie? Eher nicht, findet unser WM-Experte Arie van Lent. Die Leistung der Männer von Julian Nagelsmann gegen die Elfenbeinküste (2:1) macht ihn bis zur Einwechslung von Deniz Undav, Jamie Leweling und Nadiem Amiri ziemlich ratlos. Vor allem die mangelnde Körperlichkeit gegen die hart, aber nicht unfair spielenden Ivorer stößt ihm auf. Matchwinner Undav, der das Spiel mit seinem Doppelpack spät dreht, sieht van Lent nun zwingend als Mann für die Startelf. Aber entgegen der Diskussionen um Leroy Sané würde er einen anderen Starspieler vorerst rausnehmen.
Hallo Herr van Lent, herzlichen Glückwunsch!
Arie van Lent: Hallo Herr Nordmann, oh danke, aber wozu?
Na, die Niederländer haben gegen Schweden fantastisch Fußball gespielt (5:1) und sie haben immer gewusst, dass Deniz Undav der deutschen Mannschaft wahnsinnig weiterhilft!
So muss man es heute sagen, ja. Undav rettet Deutschland und er rettet Deutschland vor schlechter Stimmung!
Das war schon lange Zeit keine Leistung des DFB-Teams. Sind wir uns da einig?
Nun, das Ergebnis zählt. So ist das in einem Turnier. Aber ja, man darf schon darüber diskutieren, wie das Spiel gelaufen ist. Die Elfenbeinküste lag für mich lange verdient in Führung. Sie haben den Deutschen gezeigt, was gesunde Härte ist. Und die haben sich zu oft gewundert, dass nicht abgepfiffen wurde. Das hat mir gar nicht gefallen. Und noch etwas vor dem Spiel hat mich gewundert.
Was denn?
Wie stark die Elfenbeinküste von den Deutschen geredet wurde. Ja, sie haben eine sehr gute Mannschaft. Ich wollte erst 3:0 tippen, aber nach den ganzen Aussagen der Deutschen habe ich doch lieber auf ein 1:1 gesetzt. Aber ein bisschen wirkte es so, als wären sie beim DFB-Team selbst erschrocken gewesen. Da haben mir bei Deutschland Mut und Selbstvertrauen gefehlt. Mit ihrem Herz und ihrer Leidenschaft hätten die Ivorer auch am Ende mehr verdient gehabt. Und sie waren ja auch nah dran.
In der 88. Minute verstolpert Joker Simon Adingra eine Topchance nach einem pfeilschnellen Konter …
Ja, da hatte er offenbar drei Gedanken im Kopf und hat sich für den schlechtesten entschieden. Und da würde ich gerne nochmal auf Deniz Undav zu sprechen kommen.
Sie haben das Wort, Herr van Lent!
Undav ist ein absoluter Instinktfußballer. Er macht die Dinge einfach richtig. Das hat man bei beiden Toren gesehen. Wie er sich beim Siegtreffer freiläuft, wie er den Ball annimmt, sich dreht und abschließt, das ist fantastisch. Aber da muss man auch mal den Pass von Felix Nmecha loben, der war überragend. Nmecha hat mir übrigens auch wieder gut gefallen, er war mit seiner Präsenz mit Abstand der beste deutsche Spieler. Aber zurück zu Undav: Noch mehr hat mir aber das erste Tor gefallen. Er leitet den Treffer mit dem Pass nach außen ein. Macht dann im Vollsprint genau den richtigen Weg und steht da, wo er stehen muss. Diesen Instinkt musst du erstmal haben.
Wir haben ja häufiger schon darüber gesprochen, aber nun geht kein Weg mehr an Undav vorbei: Startelf, jetzt?
Naja, erst einmal hat Julian Nagelsmann ja wieder alles richtig gemacht. Wer so wechselt, dem kannst du eigentlich keinen Vorwurf machen. Vielleicht hat er Undav damit ja gekitzelt, er weiß ja, dass er unbedingt spielen will. Die andere Seite ist natürlich: Spielt Undav von Beginn an, entscheidest du die Partie womöglich schon früh für dich. Ich bleibe dabei, was ich immer sage: Du brauchst im Sechszehner einen Spieler mit dem absoluten Torriecher.
Edel-Joker Undav schießt DFB-Elf in die K.-o.-Runde
Denken wir das Szenario also mal weiter: Wenn Undav spielt, wer müsste denn dann raus? Leroy Sané, das ewige Diskussionsthema der Deutschen? Kai Havertz? Oder gar Jamal Musiala, was Jürgen Klopp und Thomas Müller angeregt hatten?
Auch das ist bekannt: Ich sehe Leroy nicht so schlecht wie viele andere. Der Bundescoach hat ja von Schubladen gesprochen. Aber sind wir ehrlich, jeder Spieler steckt in einer Schublade. Bei Sané ist halt so, dass du manchmal nicht genau weißt, in welcher du ihn findest. Er hat mir auch dieses Mal wieder ganz gut gefallen. Er hat es nach hinten sehr ordentlich gemacht und nach vorne viel probiert, auch wenn vieles nicht geklappt hat. Aber das war bei unserem ganzen Mittelfeld der Fall. Musiala hatte vor allem am Anfang ein paar gute Aktionen, mehr kam dann aber nicht. Havertz war heute auch nicht besonders auffällig, er kann aber viele Positionen spielen. Ihn würde ich gerne mal auf der Zehn sehen. Florian Wirtz fand ich ganz schwach. Er spielt ein paar schöne Pässe, wenn er nicht angegriffen wird. Aber das ist mir gerade zu wenig. Er ist noch jung, gut und er darf gerne mal zuschauen. Bei Wirtz hat man heute auch das große Problem der deutschen Mannschaft gesehen.
Und das wäre?
Darüber haben wir schon nach dem Testspiel gegen die USA gesprochen: Die Deutschen bekommen Probleme, wenn sie auf harte körperliche Widerstände stoßen. Da wehren sie sich nicht genug. Oder wie heute erst spät. Dafür muss ich ihnen allerdings ein Kompliment aussprechen. Als sie nach den Wechseln voll da waren, haben sie die Wende geschafft. Das spricht dann schon für die Truppe und kann im Turnier noch sehr hilfreich sein. Aber sie müssen schon sehr aufpassen, das mangelnde Gegenhalten in manchen Situationen kann auch ein frühes Aus bei dieser WM bedeuten.
Einer der richtig viel Stress hatte gegen die Elfenbeinküste war Joshua Kimmich. Wie haben Sie ihn gesehen?
Ja, er hatte mit Yan Diomande einen sehr starken Gegenspieler, der auch das Tor im direkten Duell vorbereitet hat. Aber was mir bei Kimmich gut gefällt, er versucht sich immer zu wehren. Und im Kollektiv haben sie es gegen Diomande ja auch immer besser gemacht. Sie haben ihm gar nicht so viel Tiefe gegeben. Seine Duelle waren ja oft mehr 1:1-Situationen mit Anlauf. Das macht schon eine Menge aus. Ich fand Kimmich sehr ordentlich.
Deutschland – Elfenbeinküste 2:1 (0:1)
Tore: 0:1 Kessie (30.), 1:1 Undav (68.), 2:1 Undav (90.+4)
Deutschland: Neuer – Kimmich, Tah, Schlotterbeck (46. Rüdiger), Brown – Pavlovic (60. Amiri), Nmecha – Sané (60. Leweling), Musiala (60. Undav), Wirtz – Havertz (85. Goretzka); – Trainer: Nagelsmann
Elfenbeinküste (Cote d’Ivoire): Fofana, Singo (83. Doué), Kossounou, Agbadou, Konan, Kessié, Sangaré (75. Fofana), Amad (75. Adingra), Inao Oulai, Diomande (85. Pépé), Bonny (75. Guessand); – Trainer: Faé
Schiedsrichter: Juan Benítez (Paraguay)
Gelbe Karten: keine
Zuschauer: 43.036 (ausverkauft) in Toronto
Auf der anderen Seite war Nathaniel Brown gegen Amad Diallo sehr gefordert. Wie hat er es gemacht?
Die Beiden haben sich tolle Duelle geliefert. Aber Brown hat eine Sache besonders gut gemacht. Seine Läufe über die linke Seite waren sehr gefährlich. Sie kamen mit Tempo. Und auch wenn er immer wieder nach innen gezogen ist, hat das immer etwas ausgelöst. Er hatte sehr gute Impulse nach vorne.
Müssen wir über den Schiedsrichter sprechen? Julian Nagelsmann war phasenweise stinksauer und im Dauergespräch mit dem vierten Offiziellen.
Nein, der Schiedsrichter hat das gut gemacht. Er hat eine gesunde Härte zugelassen, auch wenn diese manchmal grenzwertig war. Aber wissen Sie was, Herr Nordmann, ich mag das! Endlich wurde mal nicht jede noch so kleine Berührung abgepfiffen. Und dass die beiden Tore der Deutschen nicht anerkannt wurden, das war voll in Ordnung.
Nagelsmann explodiert an der Seitenlinie

Aber wenn Sie die körperliche Härte ansprechen: Muss dann nicht etwa der erste Treffer von Aleksandar Pavlović zählen?
Nein, das finde ich nicht. Und der Schiedsrichterexperte im ZDF (Anmerk. d. Red. Thorsten Kinhöfer) gibt mir da ja auch recht. Pavlovic springt voll in den Torwart rein. Das ist zwar kein böses Foul. Aber doch zu viel, um das Tor anzuerkennen.
Nagelsmann war mit vielen Entscheidungen nicht einverstanden. An der Seitenlinie meckerte er in einer Tour. Können Sie sein Verhalten verstehen?
Das war vielleicht ein bisschen zu viel. Ich hatte schon erwartet, dass er Gelb bekommt. Besonders nach der Szene, in der der Ivorer offenbar angeschlagen den Ball ins Aus spielt. Das war mir zu viel Theater. Da muss man respektvoll bleiben. Aber man muss die Trainer auch schützen. Sie haben gerade bei der Weltmeisterschaft eine Riesenanspannung. Und wenn Sie Emotionen zeigen, dann finde ich das gut!
7:1 gegen Curacao, 2:1 gegen die Elfenbeinküste: Was machen wir nun mit dem WM-Auftakt des DFB-Teams?
Das kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Nach dem 7:1 hat Rudi Völler ja gesagt, man könne die Leistung gut einsortieren. Aber wie sieht es heute aus? Man war am Anfang ein bisschen spielbestimmend, hat sich dann zu wenig gewehrt und am Ende gewonnen. War das glücklich, ja schon auch. Oder war es die Qualität? Ich kann das noch nicht so richtig greifen.
Letzte Frage, Herr van Lent: Was kann Deutschland von den Niederlanden lernen?
Aus neun Chancen fünf Tore machen. Und einen starken Gegner einfach mal richtig vermöbeln!
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann
Verwendete Quelle: ntv.de
