Erstmals erhält die AfD im DeutschlandTrend mehr Zuspruch als alle anderen Parteien. Die Bewertung der aktuellen Regierung fällt ernüchternd aus – und die Zufriedenheit mit Kanzler Merz erreicht ein Rekordtief.
Es ist Bilanz-Woche in der Koalition, doch von Feierlaune ist keine Spur. Ein Jahr nach ihrem Start ist nur noch einer von acht Deutschen (13 Prozent) mit der Bundesregierung zufrieden, fünf von sechs sind unzufrieden. Das hat eine repräsentative Umfrage von infratest dimap unter 1.303 Wahlberechtigten für den ARD-DeutschlandTrend von Montag bis Mittwoch dieser Woche ergeben.
Nur dreimal lag der Wert bei anderen Bundesregierungen im DeutschlandTrend noch niedriger: Rot-Grün im November 2003 und März 2004 (jeweils 11 Prozent) sowie Schwarz-Gelb im Juni 2010 (12 Prozent).
Geringes Vertrauen in Wirtschaftspolitik
Dabei war die schwarz-rote Koalition im Mai 2025 mit einem moderaten Rückhalt von 42 Prozent gestartet, sie musste auf das Tief der Ampel-Koalition aufsetzen. Die neue Koalition nahm sich viel vor: Wirtschaftswachstum, Sozial- und Steuerreformen, eine „Migrationswende“.
Ein Jahr später ist das Vertrauen der Bevölkerung jedoch gering, dass die Bundesregierung auf diesen Feldern etwas voranbringt: Nur 24 Prozent trauen ihr zu, die deutsche Wirtschaft wieder zu stärken, 31 Prozentpunkte weniger als im Juni 2025. 23 Prozent trauen der Bundesregierung aktuell zu, für mehr soziale Sicherheit zu sorgen, 14 Prozentpunkte weniger als im Juni 2025.
In der Migrationspolitik konnte die Bundesregierung das Vertrauen beinahe halten, jeder Dritte (34 Prozent) traut der schwarz-roten Koalition zu, irreguläre Migration wirksam zu begrenzen und zu steuern, nur vier Prozent weniger als im Juni 2025. Die „Migrationswende“ wird vor allem von Unions-Politikern als Erfolg gefeiert: Nach Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge ist die Anzahl der Erstanträge im vergangenen Jahr um 50 Prozent gesunken.
Kritik am Umgang der Koalitionspartner untereinander
„Viele unserer Erfolge sind in zu viel öffentlichem Streit und Zank untergegangen“, sagte jüngst der Fraktionschef der Union, Jens Spahn. Hat die schwarz-rote Koalition ein Kommunikationsproblem? Wenn es nach der Bevölkerung geht, ja: 87 Prozent sind unzufrieden, wie die Regierung ihre Politik den Bürgern erklärt und vermittelt.
Mit dem Umgang der Regierungsparteien untereinander sind aktuell 84 Prozent unzufrieden. Aber 86 Prozent sind auch unzufrieden damit, was die Regierung bislang inhaltlich auf den Weg gebracht hat.
AfD drei Punkte vor Union
Die Unzufriedenheit schlägt sich auch in der Sonntagsfrage nieder. Erstmals hat die AfD im ARD-DeutschlandTrend die Union überholt: Wäre am Sonntag Bundestagswahl, käme die AfD auf 27 Prozent (+2 im Vergleich zu April) und läge damit vor allen anderen Parteien. Mit drei Prozentpunkten Abstand läge die Union aktuell bei 24 Prozent (-2), Koalitionspartner SPD käme unverändert auf 12 Prozent. Die Grünen stehen aktuell bei 15 Prozent (+1), die Linke unverändert bei 10 Prozent. Das BSW läge weiter bei 3 Prozent, die FDP bei 4 Prozent (+1). Alle anderen Parteien kämen auf 5 Prozent.
Nicht nur die regierenden Parteien büßen in der Sonntagsfrage an Zustimmung ein, auch die Zufriedenheitswerte von Friedrich Merz sind in seinem ersten Kanzlerjahr stark gesunken: Kurz nach Beginn seiner Amtszeit im Juni 2025 lag die Zufriedenheit mit seiner politischen Arbeit noch bei 39 Prozent – aktuell nur noch bei 16 Prozent. Das ist der bislang schlechteste Wert für einen amtierenden Bundeskanzler im DeutschlandTrend.
Kritischer Blick auf Friedrich Merz
Auch sonst blickt die Bevölkerung mehrheitlich kritisch auf Merz: Acht von zehn (82 Prozent) sind der Ansicht, Friedrich Merz kommuniziere nicht überzeugend – auch Unions-Anhänger sind von seinem Kommunikationsstil mehrheitlich nicht überzeugt. Drei Viertel trauen ihm nicht zu, das Land gut durch eine Krise zu führen. Sieben von zehn (69 Prozent) sind der Ansicht, Friedrich Merz sei dem Amt des Bundeskanzlers nicht gewachsen. Immerhin halten ihm Unions-Anhänger in dieser Frage noch mehrheitlich die Stange: 67 Prozent von ihnen finden, er sei seinem Amt gewachsen.
Aktuell finden 44 Prozent der wahlberechtigten Deutschen, dass Schwarz-Rot bis zum Ende der Legislaturperiode weiterarbeiten soll, jeder Zweite (49 Prozent) ist anderer Ansicht. Unter Anhängern von Union (80 Prozent) und SPD (77 Prozent) will jeweils eine deutliche Mehrheit an der aktuellen Koalition festhalten. Auch zwei von drei Anhängern der Grünen (66 Prozent) sehen das so.
Im Gegensatz dazu meint jeweils eine Mehrheit der Anhänger von AfD (91 Prozent) und Linke (57 Prozent), die Koalition sollte nicht bis zum Ende der Legislaturperiode weiterarbeiten. Vizekanzler Lars Klingbeil von der SPD sieht Handlungsbedarf, die überhitzte Debatte habe der Koalition geschadet. Jetzt müsse die Regierung „sich gemeinsam aus dieser Situation wieder herausbewegen“, sagte er.
Zuspruch für höhere Steuer auf hohe Einkommen
Unter anderem möchte die Koalition eine große Steuerreform auf den Weg bringen, mit der vor allem geringe und mittlere Einkommen entlastet werden sollen. Umstritten ist, wie sie finanziert werden soll.
Eine Anhebung der Einkommenssteuer für hohe Einkommen hält aktuell eine Mehrheit von 67 Prozent für einen richtigen Weg. Hohe Erbschaften stärker zu besteuern sieht eine knappe Mehrheit von 54 Prozent als richtigen Weg. Den Solidaritätszuschlag auch für hohe Einkommen abzuschaffen – das halten jedoch nur 38 Prozent der Deutschen für richtig, eine knappe Mehrheit von 53 Prozent ist anderer Meinung. Für letzteres hatte sich unter anderem Bundeskanzler Merz ausgesprochen.
Gespaltenes Bild bei möglichem Hormus-Einsatz
Die aktuelle politische Lage wird auch von äußeren Faktoren geprägt: Schwarz-Rot regiert vor dem Hintergrund vieler globaler Krisen. Der von US-Präsident Donald Trump begonnene Krieg gegen Iran etwa hat auch wirtschaftliche Folgen für Deutschland.
Die Bundesregierung hat angeboten, im Falle eines Waffenstillstands zwischen den USA und Iran, sich mit Minensuch-Schiffen an einer internationalen Militärmission in der Straße von Hormus zu beteiligen. Einen solchen möglichen Einsatz hielte eine leichte Mehrheit von 53 Prozent für richtig, 36 Prozent halten ihn für falsch. Allerdings müsste der Einsatz erst vom Bundestag genehmigt werden. Anhänger von SPD, Union und Grünen sprechen sich mehrheitlich dafür aus, Anhänger von AfD mit leichter Mehrheit dagegen, Anhänger der Linken sind in dieser Frage geteilter Meinung.
Mehrheit für selbstbewussten Umgang mit Trump
Merz kritisierte zuletzt Trump und warf ihm vor, im Krieg gegen Iran „keine wirklich überzeugende Strategie“ zu haben, dieser reagierte mit Truppenabzugs-Ankündigungen.
Bei der deutschen Bevölkerung scheinen deutliche Worte gegenüber Trump durchaus anzukommen: Sieben von zehn sind der Auffassung, die Bundesregierung sollte im Umgang mit den USA bei außenpolitischen Streitfragen auf eigene Positionen bestehen, selbst wenn das Trump verärgern könnte. Nur zwei von zehn finden Zurückhaltung besser, um Trump nicht zu provozieren.
Untersuchungsanlage
Grundgesamtheit: Wahlberechtigte in Deutschland
Erhebungsmethode: Zufallsbasierte Online- und Telefon-Befragung (davon 60 Prozent Festnetz, 40 Prozent Mobilfunk)
Erhebungszeitraum: 04. bis 06. Mai 2026
Fallzahl: 1.303 Befragte (777 Telefoninterviews und 526 Online-Interviews)
Gewichtung: nach soziodemographischen Merkmalen und Rückerinnerung Wahlverhalten
Schwankungsbreite: 2 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 10 Prozent, 3 Prozentpunkte bei einem Anteilswert von 50 Prozent
Durchführendes Institut: infratest dimap
Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentwerte gerundet, um falsche Erwartungen an die Präzision zu vermeiden. Denn für alle repräsentativen Befragungen müssen Schwankungsbreiten berücksichtigt werden. Diese betragen im Falle einer Erhebung mit 1.000 Befragten bei großen Parteien rund drei Prozentpunkte, bei kleineren Parteien etwa einen Punkt. Hinzu kommt, dass der Rundungsfehler für kleine Parteien erheblich ist. Aus diesen Gründen wird keine Partei unter drei Prozent in der Sonntagsfrage ausgewiesen.

