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So bewältigt man Untröstlichkeit: „Wer trösten will, sollte nicht das Leiden beschönigen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 9, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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So bewältigt man Untröstlichkeit„Wer trösten will, sollte nicht das Leiden beschönigen“

09.05.2026, 17:04 Uhr Interview: Torsten Landsberg
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Wer trösten will, muss bescheiden bleiben. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Wer Schmerz und Verlust erfährt, kann trostbedürftig werden. Schnelle Abhilfe gegen Trauer gebe es aber nicht, sagt der Medizinethiker Giovanni Maio. Sie müsse durchgestanden werden – am besten in der Gemeinschaft.

ntv.de: Herr Maio, es gibt unterschiedliche Gründe, warum ein Mensch Trost benötigt. Das kann der Tod eines nahestehenden Menschen sein, aber auch eine Erkrankung. Unterscheidet sich die Form des Trostes je nach Anlass?

Giovanni Maio: Wir sind nicht nur trostbedürftig, wenn wir Menschen verloren haben, sondern wenn eine Perspektive verloren geht; wenn wir etwas erfahren, das die Kontinuität unseres Lebens unterbricht, sei es eine Krankheit oder die Enttäuschung von einem Menschen. So verschiedenartig die Anlässe sind, so gleichförmig ist die Erwartung an den Menschen, der trösten möchte: dass hier eine Begleitung stattfindet, durch die ein Neuverstehen dieses Leidens und der Situation ermöglicht wird. Man bleibt beim anderen, man überlässt ihn nicht sich selbst, damit er im Bewusstsein, nicht alleine durch dieses Leiden gehen zu müssen, wieder Halt bekommt.

Wir reden von Trost spenden, wenn jemandem etwas Trauriges widerfahren ist. Was genau ist Trösten eigentlich?

Trösten ist die Fähigkeit, dem anderen das Gefühl zu geben, dass er in seinem Leiden nicht alleine steht. Es ist etwas anderes als helfen im Sinne von Therapieren. Man kann nur dann wirklich trösten, wenn man es sich nicht vornimmt. Das ist das Spannende daran: Wenn Sie sagen „Ich komme zu dir, um dich zu trösten“, setzt ein Abwehrreflex ein. Niemand möchte Trostobjekt sein. Man tröstet dadurch, dass man Beistand leistet.

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Giovanni Maio ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Freiburg. Dort findet diesen Freitag und Samstag das achte Freiburger Symposium zu Grundfragen des Menschseins in der Medizin statt, Motto: „Über das Tröstende – Annäherungen an die Trostbedürftigkeit des Menschen“. (Foto: IMAGO/Beautiful Sports)

Es gibt das geflügelte Wort: Ich bin untröstlich. Und das gibt es tatsächlich: Manchen Menschen bricht das Herz, anderen erlischt der Lebenswille. Wie tröstet man Menschen, die untröstlich sind?

Das Gefühl der Untröstlichkeit ist ein Durchgangsstadium, das man zulassen muss: Was passiert ist, stellt das bisherige Lebenskonzept auf den Kopf. Untröstlichkeit ist etwas zutiefst Menschliches. Es ist eine Grunderfahrung, durch die sich zeigt, dass Menschen auf sich selbst gestellt kein gutes Leben führen können. Wir sind alle trostbedürftig, früher oder später. Und wir können nur durch andere Menschen, durch das Gefühl, eingebettet zu sein in Beziehungen zu anderen, doch noch etwas Tröstendes empfinden. Die Untröstlichkeit ist aber mit Verzweiflung nicht gleichzusetzen. Der verzweifelte Mensch hat die Geduld verloren und schmeißt alles hin. Der untröstliche Mensch bleibt noch in einer Grundhaltung, dass es möglicherweise doch noch etwas Rettendes gibt.

Trösten wird erforderlich, wenn etwas unwiederbringlich verloren geht. Endgültigkeit ist ein harter Gegner.

Richtig, man leidet an einer Verlusterfahrung. Dieses Leiden kann man nicht wegwischen, aber man kann es lindern, indem man sagt: Trotz des Verlustes gibt es noch anderes, das erhalten geblieben ist. Es gibt auch nach diesem Bruch noch eine Kontinuität in anderen Dingen, die Sinn stiften können, die Bedeutung haben. Der Verlust muss diese alleinige Bedeutung im Leben verlieren. Natur, Kunst, die Musik können trösten, das Erleben von Gemeinschaft mit anderen kann ebenso trösten wie das Bewusstsein, dass es gute Menschen auf der Welt gibt. Alles, was zeigt, dass das Leiden auch dezentriert werden kann, dass es nicht mehr allein beherrschend ist, sondern es immer noch Erbauliches gibt.

Wer trösten will, ist darin selbst häufig ungeübt und steht hilflos vor der Situation. Worauf muss man achten, um gut trösten zu können?

Das echte Trösten ist sehr, sehr kompliziert. Deswegen reagieren Menschen auf billige Vertröstungen eher gekränkt. Wenn man wirklich trösten will, sollte man das Leiden nicht beschönigen, sondern seinen Ernst akzeptieren. Die billigste Formel ist ja: „Das wird schon wieder.“ Das ist der größte Fehler. Man muss bescheiden bleiben. Der Mensch, der sagt: „Ich weiß, wie ich dich trösten kann“, der verfehlt das Trösten. Man möchte etwas gegen die Tränen tun, aber das ist nicht trösten. Es gilt, die Trauer mitzubegleiten.

Trost bedeutet nicht das Ende von Traurigkeit?

Nein. Derjenige, der jetzt erreichen will, dass das Gegenüber nicht mehr traurig ist, der tröstet nicht, sondern er vertröstet und nimmt den anderen nicht mehr ernst. Wenn Sie wirklich in einer Krise sind, fühlen Sie sich nicht ernst genommen, wenn jemand meint, er muss Ihnen das Leiden dezimieren helfen. Das ist eine Beschönigung, man wird behandelt wie ein Kind, dem man über den Kopf streicht. So möchte kein Erwachsener behandelt werden, er möchte ernst genommen werden. Dieses Leiden ist in dem Moment auszuhalten und erfordert Geduld. Leider können das die wenigsten, weil wir in der heutigen Zeit immer denken, es gibt für alles irgendein Mittel. Trösten ist aber kein Mittel, sondern zwischenmenschliche Zuwendung.

Sie sprechen die heutige Zeit mit vielen Errungenschaften und medizinischen Möglichkeiten an. Hat sich Trost über die Jahre und Jahrhunderte verändert?

In der Antike hat der Philosoph Boethius gemeint, wer trösten will, muss einfach klarmachen, dass es anderen noch schlechter geht. Wir kennen das heute noch: Es hätte ja noch schlimmer kommen können. Das sind billige Trostformeln, die nicht trösten, sondern eher verletzen. Wir wissen heute, dass der Mensch innere Ressourcen hat, die man lange unterschätzt hat. Die Medizin agiert sehr einseitig, sie versucht, zu heilen oder zu lindern. Sie hat sich kaum damit beschäftigt, was sie zu tun hat, um zu trösten. Die Psychologie hat erkannt, dass es nicht auf das Ereignis, den Schicksalsschlag oder die Verlusterfahrung selbst ankommt, sondern auf den Umgang damit. Dadurch hat jeder Mensch die Chance, sofern er Unterstützung erfährt und geduldige Therapeuten hat, auch das Widrige zu bewältigen. Das zeigen ganz viele Studien. Nur braucht man da Geduld.

Welche Schlüsse folgen daraus im angewandten Trösten?

Geduld führt zu einer nachhaltigen Verbesserung. Man muss sich von dem Gedanken freimachen, dass man durch den Eingriff von außen im Inneren etwas ändern kann. Der Betroffene kann sich selbst helfen, aber dazu braucht er das Gefühl, mit diesem Leiden eben nicht allein auf der Welt zu sein, sondern verstanden zu werden. Das ist das Größte.

Wir haben in Deutschland ein schwieriges Verhältnis zum Thema Sterben und Tod, die meisten wollen nicht darüber sprechen. Könnte es uns Trost spenden, wenn wir uns früher damit auseinandersetzen würden und nicht erst, wenn das Schicksal zugeschlagen hat?

Es wäre in jedem Fall tröstender, wenn man das Sterben nicht als eine singuläre, private Aufgabe der einzelnen Person sehen würde, sondern dass es eben auch etwas mit Gemeinschaft zu tun hat. Und dass man überlegen muss, wie man Gemeinschaften bilden kann. Jeder stirbt für sich, aber das heißt eben nicht, dass man alleine sterben muss, sondern dass man auch Kulturen entwickeln kann, die etwas Tröstendes dadurch haben, dass man sich eingebettet fühlt. Ich spreche gerne von Sorgekulturen.

In der Realität bleiben viele Menschen sich selbst überlassen. Wo sehen Sie diese Sorgekultur?

Denken Sie an die Hospizbewegungen, an die Palliativmedizin. Das sind Bewegungen von unten, da gab es ehrenamtlich tätige Menschen, die gesagt haben: Wir möchten die Sterbenden nicht alleine lassen. Dieses Gemeinschaftsstiftende muss man für die Zukunft weiter ausbauen. Wir brauchen die Sorge der anderen – je gebrechlicher wir werden, desto mehr. Wenn Sie mit Hospizhelfern sprechen, sagen sie auch, dass sie das, was sie da für andere tun, als höchst sinnstiftend empfinden. Die Ausweitung solcher Kulturen der Sorge wäre für mich die adäquate Antwort auf die Angst der Menschen, am Ende ihres Lebens nur noch ausgeliefert zu sein. Auch in der Pflegebedürftigkeit bleiben wir Menschen mit Würde, Menschen mit einem inneren Wert.

Mit Giovanni Maio sprach Torsten Landsberg

Quelle: ntv.de

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