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Startseite»Nachrichten»Hände weg von meiner Freiheit!: „Die Deutschen lehnen Klimaschutz-Vorgaben noch mehr ab als Corona-Maßnahmen“
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Hände weg von meiner Freiheit!: „Die Deutschen lehnen Klimaschutz-Vorgaben noch mehr ab als Corona-Maßnahmen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 9, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Hände weg von meiner Freiheit!„Die Deutschen lehnen Klimaschutz-Vorgaben noch mehr ab als Corona-Maßnahmen“

09.05.2026, 15:11 Uhr Interview: Clara Pfeffer und Christian Herrmann
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Für Corona-Regeln haben die Menschen mehr Verständnis als für Vorgaben zum Klimaschutz. (Foto: picture alliance/dpa)

Als Robert Habeck sein Heizungsgesetz vorstellt, rebellieren Teile der Republik. Katrin Schmelz überrascht das nicht. Die Verhaltensökonomin erforscht die Akzeptanz von Klimaschutz. Das Ergebnis: Mit falsch gemachtem Klimaschutz verliert die Politik selbst die Leute, die ihn eigentlich unterstützen. Menschen möchten sich nicht vorschreiben lassen, wie sie heizen oder kochen sollen. „Fühlen sich Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt? Das ist der entscheidende Aspekt“, sagt Schmelz im „Klima-Labor“ von ntv. „Eine Vorgabe zur Regulierung der Wohnraumtemperatur oder des Fleischkonsums würde mehr Widerstand hervorrufen als die Corona-Impfpflicht.“

ntv.de: Sie sind in Thüringen geboren, forschen aber in der Wüste von New Mexico zu den Auswirkungen von Impfpflicht und Klimaschutzpolitik in Deutschland. Was macht Santa Fe als Wissenschaftsstandort reizvoll?

Katrin Schmelz: New Mexico ist der Wilde Westen. Hier sieht es aus wie in alten Cowboyfilmen. Und das Santa-Fe-Institut ist akademischer Luxus. Wir sind nur 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, haben aber mehr als 1500 Gäste im Jahr: andere Forscher, aber auch Schriftsteller und Künstler. Ich arbeite mit Physikerinnen, Mathematikern und Biologen zusammen am übergeordneten Thema „Komplexität“. Der Gedanke ist, dass Leute aus unterschiedlichsten Forschungsrichtungen gemeinsam neue Ideen generieren, wenn sie menschliche Interaktionen, physikalische oder biologische Systeme untersuchen.

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Dr. Katrin Schmelz ist Psychologin und Verhaltensökonomin. Sie wurde in Thüringen geboren und wuchs am Todesstreifen der DDR auf. Über die Humboldt-Universität in Berlin und die Universität Konstanz am Bodensee ging es nach Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexiko. Bald erforscht sie die Akzeptanz von nachhaltigem Verhalten an der Technischen Universität Dänemark (DTU) in Kopenhagen. (Foto: Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg)

Die Regierung von US-Präsident Donald Trump trifft häufig wissenschaftsfeindlich auf. Forschungsministerin Dorothee Bär möchte deshalb amerikanische Forscherinnen nach Deutschland locken. Kehren Sie auch bald zurück?

Zumindest in die Nähe. Ich werde meine nächste Stelle in wenigen Wochen an der Technischen Universität Dänemark in Kopenhagen antreten und dort nachhaltiges Verhalten erforschen.

Nehmen Sie aus den USA etwas zu diesem Thema mit?

Sehr viel. Nicht nur zum Klimaschutz, sondern auch zur Nachhaltigkeit von politischen Institutionen, insbesondere von liberalen Demokratien. Ich bin an der ostdeutschen Grenze groß geworden und habe als Kind ein autoritäres System erlebt. In den USA passieren Dinge, die mir bekannt vorkommen. Die finanzielle Ungleichheit hat mich ebenfalls geschockt. Eltern spenden riesige Summen an Lehrer, weil diese sehr wenig verdienen. Die Bedingungen am Arbeitsplatz sind auch extrem. Viele Menschen arbeiten in stark hierarchischen Unternehmen und erfahren tagein, tagaus Kontrolle.

Stärkt oder schwächt das die Akzeptanz von politischen Entscheidungen?

Die Ungleichheit beeinflusst die Menschen zumindest in dem Sinne, dass sie sich gegenseitig unfassbar sozial unterstützen. Vor unserem Umzug habe ich „amerikanische Freundlichkeit“ für ein Klischee gehalten, aber wir haben hier oft unglaubliche Hilfsbereitschaft erlebt. Ich bin überzeugte Radfahrerin und habe kein Auto. Als es eines Morgens ausnahmsweise mal geregnet hat, hat ein fremder Nachbar bei uns geklopft und gefragt, ob er meine Tochter und mich zur Schule fahren soll.

Ist Ihnen ein ähnliches Verhalten aus dem Klimaschutz oder der Klimapolitik bekannt?

Der Mechanismus, den ich erforsche, ist Reaktanz. Man macht gerne etwas freiwillig, aber sobald es vorgeschrieben wird, hat man keine Lust mehr darauf. Das kennen viele Eltern wahrscheinlich von ihren Kindern: Die wollen genau das nicht machen, was man ihnen vorschlägt. In der Ökonomie sagen wir Kontrollaversion dazu.

Das beunruhigende Ergebnis Ihrer Forschung ist: Schreibt man Klimaschutz vor, sind manchmal sogar Menschen dagegen, die Klimaschutz eigentlich unterstützen.

Ja. Wir haben ungefähr 3300 Menschen in Deutschland repräsentativ gefragt: Wären Sie einverstanden, weniger Fleisch zu essen, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten oder die Raumtemperatur zu Hause auf 21 Grad begrenzen, wenn diese Maßnahme a) von der Regierung dringend empfohlen wird, aber freiwillig bleibt oder b) vorgeschrieben und kontrolliert wird? Das war noch vor der russischen Invasion der Ukraine. Wir sehen bei grünen Werten dasselbe wie bei Corona-Maßnahmen: Vorschriften können intrinsische Motivation zerstören.

Und wenn es keine Motivation gibt?

Wenn man nicht motiviert ist, etwas zu tun, kann auch keine Motivation durch eine Pflicht untergraben werden. Spannend wird es, wenn der Anteil der eigentlich motivierten Menschen sehr groß ist. Dann muss man sich überlegen, wie man vorgeht, denn persönliche Werte spielen in der klassischen Ökonomie keine Rolle. Dort entscheiden Anreize, ob ein Ziel erreicht wird, weil der Mensch als „homo oeconomicus“ betrachtet wird.

Man bietet notfalls einfach Geld?

Ja. Dieses egoistische Menschenbild ist aber falsch. Viele Menschen haben soziale oder grüne Werte und sind durchaus bereit, anderen zu helfen. Das muss man ernst nehmen und berücksichtigen, denn diese Werte können von politischen Maßnahmen gestärkt, aber auch geschwächt werden. Wenn man zum Beispiel möchte, dass die Leute in der Innenstadt weniger Auto fahren, kann man Parken teurer machen oder einen Fahrstreifen wegnehmen. Wird das aber schlecht umgesetzt und die Leute werden wütend, kann das auf andere Verhaltensweisen wie das Wahlverhalten ausstrahlen – und somit die Unterstützung für grüne Maßnahmen insgesamt untergraben.

Bei der nächsten Wahl stimmt man lieber für eine Partei, die nichts gegen Autos in der Innenstadt hat?

Fühlen sich Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt? Das ist der entscheidende Aspekt bei der Umsetzung solcher Maßnahmen. Deswegen ist es wichtig, Alternativen zu schaffen. In Kopenhagen ist die Fahrradinfrastruktur mit den Fahrrad-Highways zum Beispiel so gut ausgebaut, dass es viel umständlicher ist, mit dem Auto zu fahren – und wenn man mit 20 Kilometern pro Stunde fährt, hat man immer eine Grüne Welle. Den Effekt von Alternativen spürt man auch in Santa Fe: Die Stadt befindet sich in mehr als 2000 Metern Höhe. Es ist sehr hügelig. Mit einem normalen Fahrrad kommt man schlecht voran, aber allmählich werden E-Bikes beliebter. Damit geht’s.

Für ein Verbot von Kurzstreckenflügen wäre es also wichtig, dass die Bahn zuverlässig fährt?

Genau. Wobei ein Verbot von Kurzstreckenflügen vergleichsweise wenig Reaktanz in Deutschland auslöst. Es gibt ja Alternativen. In den USA wäre das wahrscheinlich anders, weil die Entfernungen so groß sind und kaum Alternativen existieren. Dort kann man die Familie kaum besuchen, ohne zu fliegen. Die Reaktanz hängt auch mit der Wirksamkeit der Maßnahme zusammen: je wirksamer sie ist, desto eher wird sie unterstützt – mit einer Ausnahme: Eine Maßnahme darf nicht zu stark in die Privatsphäre eingreifen. Dann bringt die größte Wirksamkeit nichts. Das Heizungsgesetz ist das perfekte Beispiel: Ich lasse mir doch nicht sagen, womit ich heize!

Weil der Eindruck vermittelt wurde, Robert Habeck kommt persönlich vorbei und reißt die Gasheizung aus dem Keller heraus?

In den USA gibt es ein ähnliches Beispiel. New York hat beschlossen, dass in bestimmten Neubauten keine Gasherde mehr verbaut werden dürfen. Bei den Menschen ist aber angekommen, dass die Regierung vorschreibt, wie man kochen soll.

Helfen gute Argumente oder ist die Privatsphäre immun gegen Veränderung?

Wenn eine Maßnahme in die Privatsphäre der Menschen eingreift, kann sie noch so viel CO2 einsparen: Solche Dinge wollen wir uns nicht vorschreiben lassen. Bei diesen Themen ist es wichtig, die Veränderungen mit guten Alternativen langfristig anzubahnen – so wie Kopenhagen mit den Fahrrad-Highways oder auch Norwegen beim Ausstieg aus dem Verbrennermotor: Norwegen hat Elektroautos jahrzehntelang mit Subventionen und dem Ausbau von Ladestationen unterstützt – kontinuierlich über wechselnde Regierungen und Koalitionen hinweg.

Anders als deutsche Regierungen, die vieles anders machen möchten als ihre Vorgänger?

Zum Beispiel.

Wie gefährlich, groß oder heftig ist dieser Effekt der Reaktanz und Ablehnung?

Beim Klimaschutz ist er überraschend groß. Er liegt bei den meisten Maßnahmen bei über 50 Prozent. Das ist eine größere Ablehnung als bei den Corona-Maßnahmen. Das hat mich erstaunt. Eine Vorgabe zur Regulierung der Wohnraumtemperatur oder des Fleischkonsums würde mehr Widerstand hervorrufen als die Corona-Impfpflicht.

Wirklich?

Ja. Corona hatte eine zeitlich und räumlich nahe Komponente. Es war klar, wen man mit den Maßnahmen schützt: Leute im Seniorenalter oder auch sich selbst. Beim Klimaschutz sind Verhalten und Konsequenzen schwach miteinander gekoppelt. Wem hilft es, wenn ich CO2 einspare? Fremde Menschen in 30 Jahren an einem anderen Ort der Erde. Aber viele Maßnahmen kann man auch so umsetzen, dass sie Lebensqualität erhalten oder steigern. Die gute Nachricht ist: Viele Großstädte arbeiten in dem Bereich erfolgreich zusammen.

Ist das so?

Die tauschen sich aus, wie man CO2 am besten einsparen kann und geben sich gegenseitig Tipps, welche Maßnahmen funktionieren und welche eher nicht. Bestenfalls spüren die Menschen: Es wird keine Freiheit eingeschränkt, sondern der Alltag wird lebenswerter. Das ist gute Klimapolitik, die grüne Werte stärkt.

Mit Katrin Schmelz sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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