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„Tanzschein“ oder „Erwürge mich“: Das sind die größten ESC-Freaks 2026

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 11, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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„Tanzschein“ oder „Erwürge mich“Das sind die größten ESC-Freaks 2026

11.05.2026, 15:25 Uhr Von Volker Probst, Wien
Rehearsal-Images-Alexandra-C-pit-nescu-performing-Choke-Me-for-Romania-during-the-First-Rehearsal-at-Wiener-Stadthalle-Vienna-2026
Sorgt für Kontroversen: Alexandra Căpitănescu aus Rumänien. (Foto: Sarah Louise Bennett / EBU)

Beim diesjährigen Eurovision Song Contest rumst es. In Wien überwiegen die tanzbaren, schrillen und lauten Klänge. Und natürlich sind auch wieder so einige schräge Vögel mit von der Partie. Wir zeigen sie Ihnen.

Mit dem Schaulaufen auf dem türkisfarbenen Teppich am Sonntagabend ist der Eurovision Song Contest (ESC) offiziell eröffnet. Und schon am Dienstag geht es mit dem ersten Halbfinale in Wien in medias res. Höchste Zeit also, mal einen Blick darauf zu werfen, was uns musikalisch 2026 so alles erwartet.

Eines lässt sich dabei schon mit Bestimmtheit sagen: Schmachtfetzen, Power-Balladen und leise Töne gibt es auch in diesem Jahr, etwa den italienischen Schlager „Per Sempre Si“ von Sal Da Vinci, „Nân“ des Albaners Alis oder „Rosa“ vom Männergesangsverein Bandidos Do Cante aus Portugal. Doch sie sind klar in der Minderheit. Die Oberhand haben Party-Songs, die härtere Gangart und latent schräge Nummern.

Warum auch nicht? Schließlich waren es in der jüngeren Vergangenheit gerade freakige Künstler wie der Finne Käärijä mit „Cha Cha Cha“ 2023 oder der Kroate Baby Lasagna mit „Rim tim tagi dim“ 2024, die zumindest zu Siegern der Herzen erklärt wurden. Und auch wahre Gewinner wie die italienischen Rocker Måneskin mit „Zitti e buoni“ 2021 oder Nemo aus der Schweiz mit „The Code“ 2024 lieferten keine Ware von der Stange. Werfen wir also einen Blick auf die diesjährigen ESC-Beiträge mit Hingucker-Potenzial.

Armenien – Simón – „Paloma Rumba“

Eigentlich hat der aus Armenien stammende Simón ja mal Wirtschaftswissenschaften studiert. Doch anstatt sich einer akademischen Karriere zu widmen, schwingt er alsbald lieber das Tanzbein. Vom Tänzer mutiert er in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum Sänger – und ruft nun beim ESC gar zur Büro-Revolution auf.

„This meeting could have been an email. Free coffee won’t keep me here man! Can’t do this anymore. Already at the door! Paloma Rumba! Delete my number, burn the phone!“ („Dieses Meeting hätte auch per E-Mail stattfinden können. Gratiskaffee hält mich nicht hier! Ich kann nicht mehr. Bin schon draußen! Paloma Rumba! Löscht meine Nummer, verbrennt das Handy!“), gibt er in seinem Song „Paloma Rumba“ den Vorkämpfer der Work-Life-Balance.

Da hört man als gestresster Arbeitnehmer doch gerne hin. Und das mit gelben Post-it-Zetteln übersäte Jackett, mit dem Simón über die Bühne springt, lässt einen bei dem Gedanken an den nächsten Arbeitstag doch prompt rot sehen.

Griechenland – Akylas – „Ferto“

Ayklas aus Griechenland liefert, wenn man so will, mit „Ferto“, das ideologische Kontrastprogramm. „Real estate, bring it! Sashimi tuna, bring it! Gold watch, designer shades, I’m telling you, bring it! Leather coat, bring it! And escargot, bring it! Rally cars, yacht with stars, I said bring it!“ („Immobilien, her damit! Sashimi-Thunfisch, her damit! Goldene Uhr, Designer-Sonnenbrille, ich sag’s dir, her damit! Ledermantel, her damit! Und Schnecken, her damit! Rallyeautos, Jacht mit Sternen, ich sagte, her damit!“), rappt er sich in den Konsumrausch.

Doch ohne Fleiß, bekanntlich kein Preis. Deswegen schaffte sich Akylas an einer Musikschule die Grundlagen in Sachen Songwriting, Gesang und Performance drauf. Und von viralem Marketing versteht er auch etwas. Schließlich wurde er in seiner Heimat nicht zuletzt mit Coverversionen auf Tiktok bekannt. Beim ESC sticht er neben seinem Sound mit Fellboots und Super-Mario-Computer-Animation ins Auge. Auch wenn man es als Klempner wohl eher selten zur Jacht mit Sternen bringt.

Großbritannien – Look Mum No Computer – „Eins, Zwei, Drei“

Wir sagen nur: „Sieben, sieben, ai lyu lyu, sieben, sieben, eins, zwei.“ Oder: „Eins, zwei, Polizei.“ Das deutsche Einmaleins scheint seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf internationale Künstlerinnen und Künstler auszuüben, sei es auf die ESC-Ikone Verka Serduchka oder das einstige italienische Musik-Projekt Mo-Do.

Auch der Künstler, der sich Look Mum No Computer nennt und in diesem Jahr Großbritannien beim ESC vertritt, hat seine Liebe zu deutschen Zahlen entdeckt und beweist im Refrain, dass er auch tatsächlich bis drei zählen kann.

Optisch mutet Look Mum No Computer, der eigentlich Sam Battle heißt, ein wenig an wie der einstige Sex-Pistols-Frontmann Johnny Rotten in jungen Jahren. Wenn er gerade nicht am ESC teilnimmt, bastelt er in seiner Freizeit zum Beispiel eine Orgel aus Furby-Spielzeugen, ein Star-Wars-Droidenorchester oder sein eigenes Synthesizer-Fahrrad. Wenn da mal nicht der Punk abgeht.

Litauen – Lion Ceccah – „Sólo Quiero Más“

„Dōmo arigatō, Mister Roboto“ („Vielen Dank, Herr Roboter“), sangen einst Styx. Aber sie haben ebenso wenig wie die Menschmaschinen von Kraftwerk je am Eurovision Song Contest teilgenommen. Um eine menschliche Blechbüchse bei dem Wettbewerb zu erleben, mussten wir erst auf Lion Ceccah aus Litauen warten.

Sein „Sólo Quiero Más“ ist ein eher unspektakulärer Synthie-Song. Doch die Metallic-Lackierung, die er seinem Körper bei seinem Auftritt verpasst, springt auf jeden Fall ins Auge.

Dass Ceccah ein Faible für Musiktheater hat, lässt sich also nicht von der Hand weisen. Doch auch in der Castingshow „X Factor“ sorgte er schon 2017 für Aufmerksamkeit. Vergangenes Jahr war er mit seiner ESC-Bewerbung in Litauen noch gescheitert. Wird er nun, nachdem er seine Landsleute als Robo-Man letztlich doch überzeugt hat, ihm das ESC-Ticket auszustellen, auch das internationale Publikum überzeugen?

Norwegen – Jonas Lovv – „Ya Ya Ya“

Würde man es nicht genauer wissen, könnte man meinen, für Norwegen tritt in diesem Jahr Freddie Mercury mit einem Song der White Stripes an. Aber nein: Es ist der aus Bergen stammende Jonas Lovv mit der Eigenkomposition „Ya Ya Ya“. Nach seiner Teilnahme an „The Voice“ 2025 gewann er kurz darauf den Melodi Grand Prix in Norwegen und sicherte sich damit die Reise zum ESC nach Wien.

Der Titel „Ya Ya Ya“ klingt nicht gerade nach tiefschürfender Gesellschaftskritik – und ist es auch nicht. „Baby I’m an animal, I got no self control. Left it right all over you and your pretty clothes“ („Baby, ich bin ein Tier, ich habe keine Selbstbeherrschung. Ich habe alles auf dir und deinen schönen Kleidern zurückgelassen“), heißt es etwa im Text.

Reicht das, um den ESC zu rocken? Falls nicht, dann ist „Ya Ya Ya“ vielleicht bald die nächste Hymne, die „Seven Nation Army“ in den Fußballstadien dieser Welt ablöst.

Österreich – Cosmó – „Tanzschein“

„Nein, Mann, ich will noch nicht gehen, ich will noch ein bisschen tanzen.“ Gäbe es in der Musik so etwas wie Sequels beim Film, dann wäre Cosmós „Tanzschein“ vielleicht die Fortsetzung des Hits „Nein, Mann!“ von Laserkraft 3D aus dem Jahre 2010.

Nach dem Sieg von JJ mit seinem epischen Song „Wasted Love“ im vergangenen Jahr fahren die österreichischen Gastgeber jetzt in die exakt entgegengesetzte Richtung: minimalistischer Electro-Sound, deutscher Text, Fun statt Melodram.

Der in Ungarn geborene Cosmó, der vor vier Jahren tatsächlich noch bei „The Voice Kids“ teilnahm, pinselt sich dazu einen blauen Kiss-Gedächtnis-Stern ins Gesicht und hat selbstredend auch eine passende Choreo zu dem Lied entwickelt. Sollte es also für den ESC-Sieg nicht reichen, dann vielleicht wenigstens für das kommende Animationsprogramm im Tui-Hotel auf Ibiza.

Rumänien – Alexandra Căpitănescu – „Choke Me“

Bei Alexandra Căpitănescu aus Rumänien sollte man nicht nur genau hinsehen, sondern auch genau hinhören. Ihr Songtitel „Choke me“ („Erwürge mich“) hat schließlich eine hitzige Debatte ausgelöst. Kritiker und Kritikerinnen werfen der Sängerin einen gefährlichen Verweis auf sexuelle Strangulation vor. Forderungen nach einer Änderung des Textes oder gar nach einer Disqualifikation des Beitrags wurden laut.

Die rumänische Delegation konterte, die Textzeile sei nicht wörtlich zu nehmen. Vielmehr gehe es metaphorisch um emotionale Überforderung und das Gefühl, an den eigenen Gedanken zu ersticken.

Aufmerksamkeit hat Căpitănescu also auf jeden Fall schon mal erzielt. Dazu kommt ihr harter Sound, bei dem sich Linkin-Park-Anleihen mit operettenhaften Einschüben paaren. Alles zusammen genommen, dürfte der Beitrag bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern dann doch nachhallen.

Serbien – Lavina – „Kraj Mene“

Hätten wir Lavina schon früher gekannt, dann hätten wir das Comeback des Grafen von Unheilig doch glatt gar nicht gebraucht. Schließlich kommt die Formation gleich wie eine sechsköpfige Truppe aus lauter Dracula-Verschnitten daher.

Dazu passt natürlich auch der Sound der Metal-Band aus Serbien. „Kraj Mena“ wandelt gen Ende musikalisch gar auf Black-Metal-Pfaden – jedoch selbstredend nur im komplett weichgespülten ESC-Gewand. Dabei ist der Song nicht etwa ein Hohelied auf die Untoten, sondern eine schlichte Ode an den Herzschmerz: „I still hold a place for you by my side. But this one-sided love still breaks me inside. Can you see my pain, feel our divide?“ („Ich halte immer noch einen Platz für dich an meiner Seite frei. Doch diese einseitige Liebe zerbricht mich innerlich. Kannst du meinen Schmerz sehen, unsere Kluft spüren?“), wird darin etwa gesäuselt.

Hat einer der Acts mit der Hingucker-Lizenz womöglich die Chance, den ESC in diesem Jahr zu gewinnen? Man wird sehen. Die großen Favoriten sind andere. Und auch die stellen wir Ihnen demnächst selbstredend vor.

Quelle: ntv.de

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