Die aktuellen Krisen bringen viele Unternehmen ins Wanken. Immer mehr suchen sich Hilfe von Unternehmensberatern. Die warnen: Viele Betriebe würden viel zu spät reagieren. Dabei sind die Erfolgschancen hoch.
Seit mehr als 20 Jahren führt Reinhold Schulte das Bielefelder Familienunternehmen IWN. Bald will er das Zepter an seine beiden Söhne Christoph und Bastian übergeben. Das Unternehmen fertigt unter anderem mit speziellen Maschinen Hydraulik-Komponenten für Land- und Baumaschinen.
Während der Corona-Jahre hat Reinhold Schulte nochmal kräftig in neue Maschinen investiert. „Weil die Kundenaufträge so stark zugenommen haben und uns die Kunden versichert haben, dass wir die Investition abgesichert bekommen“, so Geschäftsführer Schulte.
Doch einige seiner Kunden haben nach der Pandemie weniger bestellt als angekündigt oder sind zu günstigeren Anbietern aus Asien gewechselt. Seine Kalkulation ist nicht mehr aufgegangen, und die Zahlen sind immer schlechter geworden.
„Ich hatte einen großen Brei“
Reinhold Schulte ist auf Fehlersuche gegangen – er hat einige unrentable Maschinen verkauft und versucht, mit Kunden Preise neu zu verhandeln. „Aber ich habe nicht genug segmentieren können, um zu sagen, wo ist die Ursache, wie muss ich das abstellen, um mich wieder in die richtige Richtung zu orientieren.“
Vor zwei Jahren hat sich der studierte Maschinenbauer deswegen Unternehmensberater Ralf Strehlau ins Haus geholt. Er hat bereits mehr als 200 Unternehmen in Restrukturierungsfragen betreut. „Das sieht man sehr stark bei sehr stark technisch geprägten Unternehmen, dass die betriebswirtschaftliche Funktion schwächer ausgeprägt ist. Und das ist ja häufig so.“
Ralf Strehlau verfeinert das Controllingsystem. Erst jetzt wird erkennbar, welche Verträge und Kunden tatsächlich unprofitabel sind. So schnell wie möglich werden unprofitable Aufträge gekündigt – profitable Segmente gleichzeitig ausgebaut.
Controlling-Defizite besonders im Mittelstand
Henning Werner ist Rektor an der EBS-Universität Oestrich-Winkel und Experte für Restrukturierung und Unternehmenstransformation. Teilweise seien die Controllingsysteme sogar im gehobenen Mittelstand mit bis zu 100 Millionen Euro Umsatz nur rudimentär. „Da ist zum Teil Excel noch das Mittel der Wahl. Und insofern werden diese Unternehmen zum Teil im Blindflug gesteuert.“
Heute würden die wirtschaftlichen Krisen allerdings keine ineffizienten Strukturen mehr verzeihen. Deshalb sei eine gute Krisenfrüherkennung wichtig. Für Werner steht fest: „Viele Insolvenzen könnten vermieden werden, wenn sich die verantwortlichen Organe frühzeitiger und konsequenter mit diesen Themen befasst hätten.“
Fast 70 Prozent der Restrukturierungen erfolgreich
Fakt ist: Immer mehr Unternehmen interessieren sich für Restrukturierungen. Das hat der Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen in einer exklusiven Studie herausgefunden. Klaus Neuhäuser, Vizepräsident des Verbandes, bemängelt allerdings: „Die meisten Unternehmen beschäftigen sich mit Möglichkeiten der Restrukturierung, der Optimierung von Unternehmensteilen erst dann, wenn die Krise schon absehbar ist, also die Liquiditätskrise erkennbar ist oder manche auch schon mittendrin sind.“
Trotzdem bescheinigt die repräsentative Umfrage unter Beratern, dass rund 70 Prozent der eingeleiteten Restrukturierungen erfolgreich sind. Die häufigsten Anfragen nach Branchen kommen demnach aus dem Maschinen- und Fahrzeugbau, gefolgt von der Bauindustrie und dem Groß- und Einzelhandel.
Gute Prognose für IWN
Bei Maschinenbauer IWN sind mittlerweile viele defizitäre Projekte eingestellt worden. Profitable Sparten des Unternehmens wie beispielsweise neuartige Antriebe für Bustüren werden weiter ausgebaut. Ab 2028 sollen sie in nahezu allen neuen Bussen in Deutschland verbaut werden.
IWN-Geschäftsführer Reinhold Schulte ist froh, dass er rechtzeitig in die teure Restrukturierungsberatung investiert hat. „Wir planen bis Mitte 2028 die Restrukturierung abgeschlossen zu haben. Dann werde ich aus der Geschäftsleitung ausscheiden.“ Dann werden seine Söhne das Ruder übernehmen und er nur noch in beratender Form mitwirken – in seinem Unternehmen, das wieder fit für die Zukunft ist.
