Daniel Libeskind gilt an seinem 80. Geburtstag als einer der bedeutendsten Architekten weltweit. 1988 begann seine Karriere mit den Plänen für das Jüdische Museum in Berlin.
Daniel Libeskind ist im polnischen Lodz geboren, als Sohn von Überlebenden des Holocaust. 1957 floh die Familie vor dem Stalinismus und Antisemitismus in der Volksrepublik Polen nach Israel, dann in die USA. Libeskind studierte Mathematik und Musik, galt als musikalisches Wunderkind auf dem Akkordeon.
Wie nicht wenige zahlenbegabte Menschen wandte er sich dann der Architektur zu. Schon in den 1970er-Jahren wurde er bekannt als Theoretiker und wortgewaltiger Fechter gegen den vertrocknenden Funktionalismus der Nachkriegszeit. Diese Architektur sei rein wirtschaftlich gedacht.
Das visionäre Gebäude, das Daniel Libeskind weltweit bekannt machte: Das Jüdische Museum in Berlin.
Erstes Bauprojekt erst mit 42 Jahren
Zugleich stieg seine Bekanntheit als brillanter Zeichner und Grafiker, als Schöpfer hinreißend utopischer Entwürfe, die in großen Modellen dokumentiert wurden. Einige von ihnen sind in der am Wochenende eröffneten Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum zu sehen.
Die Berliner Architekturgaleristin Kristin Feireiss trug zu seiner Bekanntheit bei, als sie seine Arbeiten schon 1987 präsentierte. Doch als bauender Architekt war Libeskind noch im Alter von 42 Jahren erfolglos. Dann jedoch erkannte eine eigentlich konservativ besetzte Jury seinem Entwurf für das heutige Jüdische Museum in Berlin 1988 den Ersten Preis im internationalen Wettbewerb zu.
Bauwerke sollen eine Geschichte erzählen. Dieses Credo prägt die Architektur von Daniel Libeskind, auch seinen Umbau des Militärhistorischen Museums in Dresden.
Ein blitzartiges Zickzack neben dem barocken Gebäude des einstigen preußischen Kammergerichts: Dieser Entwurf entfachte sofort heftige Debatten. Schräge Fußböden, dreieckige Fenster, schiefe Wände und Decken verstießen gegen alle Tradition des öffentlichen Bauens. Und waren die Leerräume wirklich nötig, die „Voids“, mit denen Libeskind die Zerbrechlichkeit der Gesellschaften und das Fehlen der Juden in Berlin, Deutschland und Europa zeigte?
Willy Brandt und Teddy Kolek helfen in Berlin
Eine für West-Berlin typische politische Kabale verstärkte den Ruhm des Entwurfs. Als der Senat 1991 die chronisch überschuldete Stadt finanziell sanieren wollte, forderte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen ausgerechnet eine Verschiebung dieses Bauprojekts – in völliger Verkennung der politischen Bedeutung, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und angesichts des grassierenden rechtsradikalen „Skinhead“-Terrors in Ostdeutschland.
Daniel Libeskind entwirft nicht nur symbolische, repräsentative Gebäude. Seine Architektur prägt auch alltägliche Projekte wie die Leuphana Universität Lüneburg.
Libeskind hatte schon aufgegeben, wie er auch dem Autor erzählte. Doch seine Frau Nina aktivierte den einstigen Bundeskanzler Willy Brandt, den Jerusalemer Bürgermeister Teddy Kolle und sprach mit jedem, der Bereitschaft erkennen ließ, sich für das Projekt einzusetzen. Der Senat musste nachgeben. Diepgen legte 1992 den Grundstein. 2001 wurde, nur zwei Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, Eröffnung gefeiert.
Für die Erinnerung: Libeskind plant Ground Zero
Zu dieser Zeit war Liebeskind bereits weltberühmt. Mit der Planung des Osnabrücker Felix-Nussbaum-Museums und des Imperial War Museums in Manchester hatte er neue Facetten seiner Ästhetik entwickelt.
Sein Entwurf für den Wiederaufbau des World Trade Centers und die Neugliederung des Viertels rundherum bewegte die New Yorker seit 2002. Zwar scheiterte Libeskinds Entwurf letztlich an den Verwertungsinteressen der Immobilienwirtschaft, blieb aber als Vision politisch präsent – für eine Stadt, die den Menschen gewidmet und sich ihrer Geschichte bewusst bleiben sollte.
Für ihre visionäre Kraft und Schönheit wurden die Entwürfe von Daniel Libeskind früh gelobt. Doch sein erstes großes Projekt erhielt er erst im Alter von 42 Jahren.
Kein Architekturstil, sondern Haltung
Heute ist das Büro Libeskind, das der Architekt mit seiner Frau Nina zusammen führt, eine internationale Größe. Ästhetische Methoden, die einst seinem Jüdischen Museum zum Welterfolg verhalfen, werden angewandt auf teils kommerzielle Projekte, darunter der silbern blitzende Büro- und Geschäftsbau im Düsseldorfer Kö-Bogen oder Hoteltürme in Manila, aber auch Sozialbauten in Brooklyn.
Für Libeskind ist diese Ästhetik kein beliebiger Stil, sondern eine Haltung: „Ich habe keinen Stil“, sagt er darüber. „Ich wechsle nicht meine Persönlichkeit, wenn ich an einem anderen Ort arbeite. Mozart hat ja auch nicht anders komponiert, wenn er in Salzburg, Paris oder Mannheim arbeitete. Es blieb immer Mozart und hat sich jeweils an die lokalen Farben angepasst. Man muss sich bei jedem Projekt einleben, einsehen. Das ist Teil der Kunst des Bauens.“
Gegen den Pomp von Donald Trump
Letztlich seien sich die Menschen auf der ganzen Erde sehr ähnlich: „Sozialbau ist Sozialbau, egal wo. Und Menschen haben überall Augen, einen Körper und Schwerkraft. Und sie empfinden ähnlich.“ Es ist dieser Universalismus, der Libeskinds Arbeiten von so vielen anderen „dekonstruktivistischen“ Architekturen abhebt.
Libeskind kann wenig anfangen mit Plänen von US-Präsident Donald Trump. Der Bau eines neuen Ostflügels am Weißen Haus oder gar das Projekt eines gewaltigen Triumphbogens am Potomac-Fluss: Auch für Libeskind ist das neuklassizistischer Pomp. Doch das versteht sich fast von selbst.
