marktbericht
Streiks, steigende Kerosinpreise und die bevorstehende ITA-Übernahme – die Hauptversammlung der Lufthansa findet in turbulenten Zeiten statt. Die Airline will sich neu aufstellen. Aktionäre sind besorgt.
Die jüngste Streikwelle bei der Lufthansa bereitet Investoren große Sorgen. Vertreter der drei großen deutschen Vermögensverwalter Deka, Union und DWS appellierten auf der Hauptversammlung in Frankfurt an Gewerkschaften und Management, Tarifkonflikte nicht weiter zum Schaden der Airline auf die Spitze zu treiben. Die Eskalationen der Tarifparteien rissen nicht nur ein Loch in die Firmenbilanz, sie schadeten auch dem Vertrauen in die Sozialpartnerschaft und dem Standort Deutschland, erklärte Hendrik Schmidt für die Deutsche-Bank-Tochter DWS. „Sollten die Tarifpartner – Arbeitnehmer wie Arbeitgeber – daher nicht zu einer dauerhaften Befriedung gelangen, drohen der Lufthansa anhaltende Turbulenzen.“
Die Lufthansa bezifferte die Kosten durch streikbedingte Ausfälle und Kundenentschädigungen auf bislang 190 Millionen Euro.
„Nichts ist bei der Lufthansa so sicher wie der nächste Streik“, sagt Henrik Pontzen, Nachhaltigkeits-Chef von Union Investment. Er hat für die geforderte massive Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge zur Altersversorgung der Flugzeuglenker kein Verständnis. „Es darf nicht sein, dass ein gutes Jahr sofort zu massiven Forderungen der Piloten führt, während wir als Aktionäre das Risiko in der Krise allein tragen.“
Pläne im Fall von Kerosinmangel in der Schublade
Neben enormen Belastungen durch Streiks sei die Lufthansa vom massiven Anstieg der Kerosinpreise und Treibstoffknappheit durch den Iran-Krieg betroffen, erklärte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Investment. Die Treibstoffrechnung der Lufthansa steigt in diesem Jahr um 1,7 Milliarden Euro. Pläne für den Fall von Kerosinmangel liegen in der Schublade.
Lufthansa will ITA schnell übernehmen
Auf dem Aktionärstreffen kündigte Vorstandschef Carsten Spohr ein straffes Tempo bei der Übernahme der italienischen ITA an. Schon im Sommer soll der Anteil der früheren italienischen Staatsfluglinie auf 90 Prozent steigen.
Lufthansa hält seit Januar 2025 bereits 41 Prozent der ITA-Anteile. Weitere Schritte bis zur vollständigen Übernahme sind mit dem italienischen Staat vereinbart. Der Kaufpreis für die zweite Tranche beträgt fest vereinbarte 325 Millionen Euro. Der Vollzug der Transaktion wird für das erste Quartal 2027 erwartet. Auch die restlichen zehn Prozent kann Lufthansa nach eigenen Angaben ab 2028 erwerben.
Als Ausgleich für Wettbewerbsnachteile der Konkurrenz mussten Lufthansa und ITA unter anderem Start- und Landerechte in Mailand und Rom abgeben.
Angebot soll ausgedünnt werden
Die Lufthansa dünnt ihren Flugplan weiter aus. Bis Oktober sollen 20.000 Kurzstreckenflüge aus dem Programm genommen werden. Vor kurzem wurde die sofortige Schließung der Cityline beschlossen.
Ab dem kommenden Juni wird ein Teil der Flüge von den Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden gestrichen. Konkret soll es täglich je eine Verbindung weniger zwischen Frankfurt und den beiden Airports geben. Die Kürzungen sind Teil eines Gesamtpakets, das vorsieht, „unwirtschaftliche Flüge aus dem Angebot zu nehmen“, heißt es weiter.
Auch bei den Serviceleistungen wird gespart. Kundinnen und Kunden der Lufthansa wird in Zukunft die kostenfreie Mitnahme eines kleinen Kabinenkoffers gestrichen. Auf Kurz- und Mittelstreckenflügen werde ein neuer Einstiegstarif eingeführt, der lediglich einen kleinen persönlichen Gegenstand wie eine Laptop-Tasche oder einen Rucksack enthalte, teilte das Unternehmen mit.
Anleger auf dem Rückzug
Am deutschen Aktienmarkt ist die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende am Persischen Golf wieder geschwunden. Der DAX gibt zu Mittag deutlich nach. „Zwischen den USA und dem Iran gibt es weiterhin keine Fortschritte“, so Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. „Die Hoffnungen beruhen jetzt darauf, dass China als erfolgreicher Vermittler zwischen den Kriegsparteien agieren wird.“
Die BaFin warnt inzwischen vor Börsenturbulenzen. Das Potenzial für plötzliche Markt- und Preiskorrekturen bleibe hoch, sagte der Präsident der Finanzaufsicht, Mark Branson, in Frankfurt. „Auch, weil die Kursentwicklungen die hohen Risiken anscheinend nicht widerspiegeln.“ Selbst wenn der Iran-Konflikt beigelegt werde, würden Schäden an Energieanlagen noch lange die Wirtschaft belasten. „Die Marktteilnehmer scheinen fest daran zu glauben, dass politische Turbulenzen immer reversibel sind.“
