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Politik

Neue Form digitaler Gewalt? Heimlich gefilmt mit Smart Glasses

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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exklusiv

Stand: 13.05.2026 • 06:00 Uhr

Vor allem Frauen werden in privaten oder intimen Situationen heimlich gefilmt – immer öfter mit sogenannten Smart Glasses, wie das team.recherche des SWR zeigt. Eine Expertin warnt vor einer Gesetzeslücke.

Von Tasnim Rödder, Melanie Schoepf, Lisa Hüttl, SWR

Zeina sitzt mit einer Freundin im Bikini am Hamburger Alsterufer, als ein junger Mann sie anspricht. Ein kurzer Smalltalk, dann geht er wieder. Für die damals 29-Jährige ist es eine unverfängliche Begegnung. Bis sie erfährt, dass das Gespräch heimlich gefilmt – und auf TikTok verbreitet wurde.

Das Video geht viral, unter ihm sammeln sich Dutzende Kommentare: zu Zeinas Aussehen, ihrem Körper. „Wie kann das sein? Wie hat er das gemacht? Da sind ganz viele Fragen, die dann aufgekommen sind“, erinnert sich Zeina im Interview mit dem team.recherche des SWR. „Warum bin ich jetzt in so einer verletzlichen Situation?“

Die Aufnahmen zeigen die Szene aus der Perspektive des Mannes. Zu sehen ist nur, was er sieht. Nicht aber, womit er filmt. Kurz danach versteht sie: Der Mann muss sogenannte Smart Glasses getragen haben – eine Brille mit Kamera und Mikrofon.

Smart Glasses gelten als einer der neuen großen Technik-Hypes. Modelle wie die von Meta und Ray-Ban sehen aus wie herkömmliche Brillen. Mit ihnen kann man aber auch Videos aufnehmen, telefonieren oder Musik hören. Laut Herstellerpartner EssilorLuxottica wurden 2025 weltweit sieben Millionen Geräte verkauft. Die Nachfrage ist so groß, dass Meta nach eigenen Angaben mit der Produktion gar nicht mehr hinterherkommt.

Instrument so genannter Rizzfluencer

Das team.recherche des SWR zeigt, welche Schattenseiten die neue Technologie mit sich bringt: Immer häufiger tauchen auf TikTok oder Instagram Videos auf, in denen vor allem Frauen mit den Brillen offenbar heimlich gefilmt werden – am Strand, in Bars oder auf der Straße. Oftmals sind die Videos mit dem Hashtag „rizz“ versehen, abgeleitet von „Charisma“. Er wird häufig von Influencern oder selbsternannten Dating-Coaches und „Pickup-Artists“ genutzt.

Einige der Influencer manipulieren ihre Smart Glasses dabei offenbar gezielt, um unbemerkt filmen zu können. Denn an den Brillen blinkt ein Licht, sobald die Kamera läuft. Es soll signalisieren, dass die Brille aufzeichnet. Im Netz aber gibt es unzählige User, die sich Tipps geben, wie sich das Licht verdecken lässt.

Hersteller Meta teilte dazu auf Anfrage mit, Nutzerinnen und Nutzer seien selbst dafür verantwortlich, Gesetze einzuhalten und andere Menschen respektvoll zu behandeln. Gegen Personen, die Methoden zum Umgehen der Schutzmaßnahmen bewerben, habe man bereits rechtliche Schritte eingeleitet.

Heimlich auf dem Oktoberfest gefilmt

Auch Svenja sagt, sie sei heimlich mit Smart Glasses gefilmt worden. Auf dem Oktoberfest im vergangenen Jahr wird sie von einem Mann auf Englisch angesprochen. Er bietet ihr an, ein Foto von ihr und ihrer Freundin zu machen. Später schicken Freunde ihr ein Instagram-Reel von dieser Situation zu. „Es hat dann auch ein bisschen Panik in mir ausgelöst“, erzählt sie. „Es ist ein Video von mir im Internet, was viele Leute sehen, wo ich auch keine Kontrolle darüber habe, was da gezeigt wird und wie ich da dargestellt werde.“

Der Mann, der sie gefilmt hat, heißt Erick Ronaldo. Er lebt in den USA und ist ein reichweitenstarker „Pick-up-Artist“ und selbsternannter Dating-Coach. Eine Million Follower hat er auf Instagram, fast zwei Millionen auf TikTok. Sein Profil ist voll mit Videos, in denen er Frauen mutmaßlich heimlich filmt. Auch er präpariert seine Smart Glasses und klebt das Lämpchen an der Brille ab, wie Fotos auf seinem Kanal belegen.

Gegenüber dem team.recherche wollte sich Ronaldo zu all dem nur in einem bezahlten Interview äußern, verlangte 7.500 US-Dollar. Die Redaktion lehnte ab. Schriftliche Fragen ließ er unbeantwortet. Genau wie der Mann, der Zeina am Hamburger Alsterufer gefilmt hat. Beide Videos der Frauen sind heute nicht mehr online.

„Gesetzeslücke im Strafrecht“

Fälle wie die von Zeina und Svenja scheinen unterdessen einen großen Teil der Deutschen zu besorgen. Im Auftrag des team.recherche hat das Meinungsforschungsinstitut infratest.dimap Wahlberechtigte repräsentativ befragt. 85 Prozent der Befragten halten es demnach für ein großes oder sehr großes gesellschaftliches Problem, dass Menschen in privaten oder intimen Situationen heimlich gefilmt und die Aufnahmen missbraucht oder veröffentlicht werden. Unter Frauen liegt der Wert sogar bei fast 90 Prozent.

Dennoch können Betroffene nur selten auf Unterstützung von Ermittlungsbehörden hoffen. „Wir haben aktuell eine Gesetzeslücke im Strafrecht“, sagt die Kölner Rechtsprofessorin Indra Spiecker. Heimliches Filmen sei zwar verboten, aber in aller Regel nicht strafbar. Denn als strafbar gelten Aufnahmen nur in Bereichen, die gegen Einblicke besonders geschützt sind. Das Alsterufer oder das Oktoberfest zählen aber nicht dazu, genauso wenig wie ein Schwimmbad oder eine Sauna.

Betroffene können sich in solchen Fällen nicht auf die Hilfe von Polizei und Staatsanwaltschaft verlassen, aber auf eigene Faust vor Gericht ziehen – wegen Verstoßes gegen das Persönlichkeitsrecht. Doch das sei oft teuer und kräftezehrend, so Expertin Spiecker.

Kritik an Gesetzesentwurf

Auch das kürzlich von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig vorgelegte Gesetz zum Schutz vor digitaler Gewalt dürfte nach Ansicht der Expertin daran wenig ändern. Zwar sollen zum Beispiel Aufnahmen in der Sauna künftig strafbar werden. Darüber hinaus sei das Gesetz aber „zu speziell“, kritisiert Jura-Professorin Spiecker. Sie halte das Gesetz „rechtstechnisch für eine eher unglückliche Lösung“.

So sollen heimliche Aufnahmen künftig unter Strafe stehen, wenn sie u. a. in „sexuell bestimmter Weise“ erfolgen. Diese Formulierung lasse allerdings viel Interpretationsraum, sagt Spiecker. Ob beispielsweise Zeinas Aufnahmen am Alsterufer im Bikini in „sexuell bestimmter Weise“ entstanden sind, darüber könne man streiten. „Ich glaube nicht, dass es den Betroffenen wirklich sehr viel weiterhilft“, so die Prognose der Rechtsexpertin.

Das Bundesjustizministerium lehnte zu diesem Thema mehrere Interviewanfragen des SWR ab. Schriftlich teilte das Ministerium mit, dass man grundsätzlich keine Stellung zu Einzelfällen nehme. Das obliege den zuständigen Strafverfolgungsbehörden und Gerichten.

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