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Startseite»Politik»Cem Özdemir im Porträt: Mit der Brezel an die Macht
Politik

Cem Özdemir im Porträt: Mit der Brezel an die Macht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Porträt

Stand: 13.05.2026 • 12:43 Uhr

Mit Cem Özdemir bekommt Baden-Württemberg einen Ministerpräsidenten, der gerne aneckt. Die Strategie könnte dem Grünen eine Kanzlerkandidatur einbringen. Wie er das geschafft hat – und was das mit Brezeln zu tun hat.

Tina Handel

Özdemir und die Brezel also. Sie war im Wahlkampf überall: Der Spitzenkandidat verteilte Brezeln auf dem Marktplatz, formte sie in einer Bäckerei, aß sie in Instagram-Videos. Mit allen Mitteln sollte das Laugengebäck zum Markenzeichen des grünen Spitzenmannes werden. Am Ende engagierte man sogar einen Tätowierer, der den Anhängern auf der grünen Wahlparty kleine Brezeln in die Haut stach.

Die Brezel ist ein Symbol dafür, wie sehr Cem Özdemir es in den vergangenen Monaten geschafft hat, sich neu zu erfinden – wieder einmal. Die Selbstdarstellung: Hier ist einer durch und durch schwäbisch, bodenständig, pragmatisch. Dabei ist Özdemirs lange Karriere bislang vor allem eine bundespolitische gewesen – und eine, die nicht immer geradlinig und konfliktfrei verlief.

Oft „der Erste“ mit seiner Familiengeschichte

Özdemir erzählt seinen Aufstieg als Gastarbeiter-Kind in einem Zeitungsinterview vor ein paar Jahren so: Er habe „von der ersten Klasse an praktisch immer in der letzten Reihe“ gesessen. „Freiwillig nie nach vorne, nicht auffallen“, so habe er gedacht – bis ihm klar geworden sei: „Es lohnt sich, die Deckung zu verlassen, wenn man ein klares Ziel vor Augen hat.“

So wird aus dem Hauptschüler schließlich ein Erzieher mit Pädagogik-Diplom. Schon als Teenager tritt Özdemir bei den Grünen ein. Danach ist er oft „der Erste“ mit seiner Familiengeschichte: 1994 zieht er als erster Bundestagsabgeordneter mit türkischen Wurzeln ins Parlament ein. 2021 wird er als Landwirtschaftsminister das erste Mitglied im Bundeskabinett mit diesem Hintergrund. Nun also der erste Ministerpräsident, der sich selbstbewusst „anatolischer Schwabe“ oder „Spätzle-Türke“ nennt.

Am Anfang seiner Karriere stehen allerdings auch fragwürdige Manöver: 1999 nimmt Özdemir einen Privatkredit des umstrittenen Lobbyisten Moritz Hunzinger an, weil er als junger Abgeordneter Steuerschulden angehäuft hatte. Auch in die sogenannte Bonusmeilen-Affäre ist Özdemir 2002 verwickelt: Mehrere Politiker hatten dienstlich erworbene Bonusmeilen für Privatreisen genutzt.

Ein „Oberrealo“, der gerne aneckt

Geprägt hat ihn seine Zeit als Bundesvorsitzender der Grünen: Zehn Jahre lang, 2008 bis 2018, führt er die Partei, erst gemeinsam mit Claudia Roth, später mit Simone Peter. Özdemir macht es dabei durchaus Freude, in seiner Partei anzuecken. Er gilt als einer der „Oberrealos“ – und geht dafür auch in Lagerkämpfe mit dem linken Flügel.

Seine Strategie: Triggerthemen besetzen oder, wie er es formuliert, „Realitäten sehen und benennen“, etwa in der Migrationspolitik. 2024 berichtet er in einem Zeitungsartikel, dass seine Tochter in Berlin „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert“ werde. Es brauche einen klareren Blick, welche Asylbewerber nichts ins Land gehören, fordert er.

Solche Einwürfe öffnen die Grünen Richtung konservative Mitte, werben um Wähler aus dem bürgerlichen Lager. In der eigenen Partei sorgen sie auch für Unmut. Offen oder hinter vorgehaltener Hand wird Özdemir vorgeworfen, Politik auch als „Ich-AG“ zu sehen.

Özdemir dürfte in Richtungsstreits eingreifen

Im November 2025 hält er auf dem grünen Parteitag eine Rede, die sich über weite Strecken um die Bedeutung der Autoindustrie dreht. Da ist er schon von im Wahlkampf-Modus. Die Grünen müssten „an der Seite der Gewerkschaften und Zulieferer“ stehen. Es brauche aus der Partei „keine radikalen Sprüche“. Am Ende ruft er den Grünen im Saal zu: „Diese Partei kann Auto!“

Sein Vorgänger im Amt, Winfried Kretschmann, hat Auseinandersetzungen auf Parteitagen in den vergangenen Jahren gemieden, war entnervt von Lagerkämpfen und Parteiarbeit. Özdemir wird seine Rolle anders interpretieren, das schimmert jetzt schon durch. Er wird aktiver in grüne Richtungsstreits eingreifen. Immer im Rücken: die unglaubliche Aufholjagd in Baden-Württemberg und der Wahlsieg mit mehr als 30 Prozent Stimmenanteil für eine Partei, die zuvor hohe Verluste bei Wahlen einfuhr.

Cem Özdemir wird seine Rolle anders interpretieren als sein Vorgänger Winfried Kretschmann.

„Warum haben bei der Bundestagswahl nur 14 Prozent für die Grünen votiert, aber bei der Landtagswahl mehr als doppelt so viele?“, fragt er als designierter Ministerpräsident auf dem Stuttgarter Landesparteitag vor ein paar Tagen. Und gibt die Antwort selbst: „Es wird vermutlich etwas mit dem politischen Kurs zu tun haben.“

Dabei hadert Özdemir in der eigenen Partei gar nicht immer mit den Linken, das lässt er in Gesprächen erkennen. Ihn wurmt eher, wenn zu wenig Strategiedebatten geführt werden – und diese Schwäche verortet er im Moment stärker im Realo-Flügel der Grünen. Er lobt dagegen Parteichef Felix Banaszak vom linken Flügel dafür, Themen wie Arbeitsmarktpolitik oder das Auto zu entideologisieren.

Auch in die Bundespolitik wird er sich einmischen. „Ich schaffe alle Berichtspflichten ab, für unseren Mittelstand, für unsere Kommunen“, kündigt er im Bericht aus Berlin an. Beim Thema Bürokratieabbau könne „Berlin uns in Baden-Württemberg folgen“, findet er.

Folgt eine grüne Kanzlerkandidatur?

Wohin führt dieser Weg? Womöglich zur grünen Kanzlerkandidatur 2029? Ein Anwärter darauf ist er, wenn das Regieren im Südwesten funktioniert. Und doch wäre dieser Schritt ungewöhnlich, schließlich war Özdemir 2017 schon einmal Spitzenkandidat. Die Ausbeute: knappe neun Prozent.

Was Cem Özdemir vielen anderen Grünen voraus hat: seine Social-Media-Kanäle laufen außergewöhnlich gut. Sie waren ein erheblicher Teil seiner Wahlkampfmaschine. 300.000 Follower auf Instagram, 376.000 auf der Plattform X – auch dank vieler Brezelvideos. Anders als weite Teile von SPD, Grünen und Linken hat er sich vor ein paar Tagen nicht von X zurückgezogen.

Er wird diese Kanäle auch aus der Stuttgarter Staatskanzlei heftig bespielen, bestimmt nicht nachlassen. Sein Koalitionspartner, die CDU, zeigte sich zuletzt immer noch hadernd mit der Niederlage und durchaus konfliktbereit. Ihr signalisiert Özdemir mit seiner ständigen Social-Media-Präsenz auch: Er ist auf alles vorbereitet.

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Dr. Heinrich Krämer
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