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Kanzler im Wartestand?: Wüst ist die größte Bedrohung für Merz

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 16, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Kanzler im Wartestand?Wüst ist die größte Bedrohung für Merz

16.05.2026, 08:17 Uhr Von Volker Petersen
Hendrik-Wuest-CDU-Ministerpraesident-des-Landes-Nordrhein-Westfalen-Nathanael-Liminski-CDU-Minister-fuer-Bundes-und-Europaangelegenheiten-Internationales-sowie-Medien-und-Chef-der-Staatskanzlei-des-Landes-Nordrhein-Westfalen-Deutschland-Berlin-1065-Sitzung-des-Bundesrates-am-8
Wüst am 8. Mai im Bundesrat, mit seiner Koalitionspartnerin Mona Neubauer und dem Chef der Staatskanzlei Nathanael Liminski. (Foto: picture alliance / Metodi Popow)

In Umfragen ist Bundeskanzler Friedrich Merz abgestürzt. Ein möglicher Nachfolger aus den Reihen könnte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst sein. Er hat einen unschätzbaren Vorteil gegenüber dem Amtsinhaber und anderen Konkurrenten.

Angela Merkel bezeichnete die Banken- und Eurorettung in der Finanzkrise einst als „alternativlos“. Ein Wort, das vielen aufstieß, zum Beispiel Friedrich Merz. Nichts und niemand sei in einer Demokratie alternativlos, sagte der damalige Oppositionsführer und CDU-Chef vor drei Jahren auf dem evangelischen Kirchentag.

Womit hergeleitet wäre: Auch Merz ist als Bundeskanzler nicht alternativlos. Der Kanzler steckt in der Krise. Dass er gerade beim Deutschen Gewerkschaftsbund ausgepfiffen wurde, damit muss ein CDU-Chef leben. Aber nicht nur Arbeitnehmervertreter mögen ihn nicht. Nur noch knapp die Hälfte der Unionswähler goutiert seine Amtsführung.

Von allen Befragten waren im jüngsten Trendbarometer von RTL und ntv 84 Prozent unzufrieden mit dem Bundeskanzler. Schlechtere Werte, als selbst sein unbeliebter Vorgänger Olaf Scholz sie je hatte.

Wer könnte eine – theoretische – Alternative sein? Die bekanntesten – ebenfalls rein theoretischen – Kandidaten sind die Ministerpräsidenten Markus Söder aus Bayern und Hendrik Wüst aus NRW. Ein weiteres Trendbarometer zeigt dabei deutliche Vorteile des Westfalen gegenüber dem Franken: Ein großer Teil der Wähler anderer Parteien traut ihm mehr zu als dem Amtsinhaber.

Mit Kinderwagen an Fotografen vorbei

Unter den Grünen-Anhängern sind es sogar 54 Prozent – was auch daran liegen dürfte, dass Wüst relativ geräuschlos eine schwarz-grüne Koalition führt. Zugleich gibt er sich modern und liberal, als junger Familienvater, der mehrmals den Kinderwagen vor Fotografen entlangschiebt.

So halten die Grünen-Anhänger sogar mehr von Wüst als Unionswähler. Wobei dort eben noch viele Merz stützen. Die Frage, ob es jemand anders besser machen würde, wirkt da fast unanständig.

Andererseits: Angesichts der großen Ablehnung von Merz ist es kein Wunder, dass auch andere Wähler Alternativkandidaten mehr zutrauen. Frei nach dem Motto: Jeder kann es besser als Merz! Aber so einfach ist es eben auch nicht. Denn Wüst überflügelt in diesem Punkt Söder deutlich. Der verfängt jenseits der eigenen Wählerschaft kaum, wie die gleiche Umfrage zeigt.

Wählerschichten jenseits des eigenen Lagers zu überzeugen, das ist heutzutage von unschätzbarem Wert. Derzeit wären 30 Prozent für CDU und CSU auf Bundesebene schon ein sehr, sehr starkes Ergebnis. Wenn man darüber hinauskommen will, müssen Kandidaten auch die Anhänger anderer Parteien ansprechen. Amtierende Ministerpräsidenten machen das reihenweise vor. Cem Özdemir in Baden-Württemberg, Dietmar Woidke in Brandenburg, Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Günther in Schleswig-Holstein – und Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen.

So wie einst Johannes Rau

Dort gelang der CDU mit ihm an der Spitze ein sensationell anmutendes Ergebnis. Er kam 2022 auf 35,2 Prozent und verbesserte das starke Ergebnis von 2017 noch. Wüst folgte der Formel, die schon seinen Vorgänger Laschet erfolgreich gemacht hatte: Überparteilich auftreten. Gäbe es eine Gebrauchsanweisung für Nordrhein-Westfalen, stünde das alte Motto des langjährigen Ministerpräsidenten Johannes Rau von der SPD ganz oben auf der ersten Seite: versöhnen statt spalten. Denn zwischen Ruhrgebiet und Münsterland, Ostwestfalen und Rheinland leben so viele unterschiedliche Menschen, dass ein Ministerpräsident qua Amt umarmen können muss.

Genau diese Fähigkeit ist auch bundesweit gefragt. Für eine Volkspartei sei es fundamental, sich an den Wählern und nicht an den Mitgliedern auszurichten, sagte Peter Matuschek vom Meinungsforschungsinstitut Forsa Anfang des vergangenen Jahres – damals versuchte er zu erklären, warum es die Unionsparteien mit Merz an der Spitze nicht schafften, dauerhaft die 30-Prozent-Marke zu knacken. „Um eine Wahl zu gewinnen, muss eine Partei immer auch Wählerschichten außerhalb des eigenen Kosmos erreichen“, so Matuschek.

Es gibt zwei Persönlichkeiten, denen das in den vergangenen 30 Jahren auf Bundesebene gelang: Gerhard Schröder für die SPD und Angela Merkel für die CDU. Beide waren in den eigenen Parteien nicht unumstritten. Schröder galt vielen Sozialdemokraten als zu wirtschaftsfreundlich, Merkel vielen in der Union als zu links. Doch beiden gelang es, frühere Wähler der anderen Parteien zu überzeugen, ohne die eigenen Wähler zu verprellen. Schröder war für liberale CDUler wählbar, Merkel für konservative SPDler.

Dazu in der Lage zu sein, ist heute noch wichtiger als früher. Ein Grund dafür: Die Parteibindungen lassen immer weiter nach, vor allem in Ostdeutschland. Landtagswahlen sind dort bereits zu inoffiziellen Personenwahlen geworden.

Auf die Person kommt es an

In Sachsen wählen viele eher Michael Kretschmer und weniger die CDU. In Mecklenburg-Vorpommern holte Schwesig vor fünf Jahren fast 40 Prozent. Sicher nicht, weil die SPD dort so eine immense Stammwählerschaft hätte. In Brandenburg schlug Woidke die AfD mit der Ansage, er werde im Falle einer Niederlage nicht Ministerpräsident bleiben. Aber auch im Westen ist der Trend deutlich. In Baden-Württemberg gewann Özdemir, weil die Leute ihn und das, was er sagte, mochten. Er plakatierte vor allem sich selbst, die Grünen-Logos auf seinen Plakaten waren kaum erkennbar.

Als Merz CDU-Chef wurde, führte er die Partei in zentralen Punkten wie Migration und Wirtschaftspolitik wieder von der Mitte weg. Sein Auftreten changiert zwischen Dax-Vorstand, Schuldirektor und besorgtem Großvater – wobei die ersten beiden Gesichter dominieren. Aus dem Ruder laufende Debatten über angeblich faule oder krankfeiernde Arbeitnehmer trugen nicht zur Beliebtheit bei. Grünen-Politiker Robert Habeck glaubte im Wahlkampf 2025 an eine „Merkel-Lücke“, in die er vorstoßen wollte. Damit zielte er auf jene Wähler, die vor allem wegen Merkel CDU wählten. Denn genau denen machte Merz kein Angebot mehr. „Das Profil der CDU schärfen“ nannte er das.

An die „Merkel-Lücke“ glaubt offenkundig auch Hendrik Wüst. Während Merz das nicht ganz faire Image anhaftet, in den 90er Jahren festzustecken, steht Wüst für eine moderne CDU. Das ist ihm durch seine Selbstinszenierung als junger Vater und die geräuschlose Koalition mit den Grünen gelungen.

Dahinter dürfte viel Strategie stecken: In jungen Jahren war ausgerechnet Wüst ein konservativer Hardliner, der sogar gegen Merkel rebellierte. 2007 schrieb er mit Markus Söder und anderen an einem Papier mit dem vielsagenden Titel „Moderner bürgerlicher Konservatismus. Warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln denken muss“.

Erfahrung, Vertrauen

Der junge Wüst hätte Merz zugejubelt. Der ältere Wüst ehrte Angela Merkel mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen. 2023 war das, als Merz längst CDU-Chef war. Im gleichen Jahr schrieb Wüst einen Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in dem er für einen CDU-Kurs der Mitte warb. Und sich damit gegen den Rechtsruck unter Merz stellte. Der „Spiegel“ berichtete damals, Merz sei deswegen ausgerastet. Auch das Medium war eine Botschaft: In einem Gastbeitrag der FAZ hatte sich Merkel einst von Helmut Kohl losgesagt und gefordert, die CDU müsse ohne den langjährigen Kanzler und Vorsitzenden wieder „laufen lernen“. Es war ein Meilenstein in ihrem Aufstieg in der Partei.

Als Ministerpräsident und ehemaliger Minister sowie als Generalsekretär des CDU-Landesverbandes verfügt Wüst über viel Erfahrung – und bewies bereits Comeback-Qualitäten. 2010 stürzte er über eine Affäre, die als „Rent-a-Rüttgers“ in die Geschichte einging. Damals bot er Sponsoren Termine mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers an. Doch er kämpfte sich zurück, Armin Laschet holte ihn als Verkehrsminister in sein Kabinett. Als der Bundeskanzler werden wollte, wurde Wüst sein Nachfolger.

Die jüngste Forsa-Umfrage zeigt einen großen Vertrauensvorschuss für Wüst – was angesichts des Vertrauensverlustes von Merz viel wert ist. Auch seine Regierungserfahrung im größten Bundesland ist ein Versprechen. Darauf, dass es keine handwerklichen Schnitzer gibt – anders als gerade im Hause Merz, dessen Entlastungsprämie über 1000 Euro im Bundesrat scheiterte.

Und doch ist Papier geduldig. Ob Wüst tatsächlich ein besserer Kanzler wäre, ob es die Merkel-Lücke wirklich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Das weiß er auch selbst, denn als NRW-Ministerpräsident kennt er Adi Preißler. „Grau ist alle Theorie. Entscheidend is‘ auf’m Platz“, sagte der Kapitän von Borussia Dortmund einst. BVB-Fan Merz ist noch drei Jahre im Amt. Stand jetzt.

Quelle: ntv.de

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