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Politik

Udo Lindenberg 80: „Ich mach mein Ding, egal was die andern labern“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 17, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 17.05.2026 • 08:13 Uhr

Udo Lindenberg wird 80 und macht weiter sein Ding: als Musiker, Maler, Sänger, Rockstar, Ikone – und ein bisschen auch als Parodie seiner selbst. Wer ist der Mann, der unter dem Hut und hinter der Sonnenbrille steckt?

Von Susanne Hasenjäger, NDR

Schon früh wollte der junge Udo Lindenberg raus aus dem engen, kleinbürgerlichen Gronau ins große Hamburg, ein Star werden. Keinem Geringeren als Klaus Doldinger fiel Anfang der 1970er-Jahre sein Talent als Schlagzeuger auf. So kommt es, dass Udo in dessen Vorspannmelodie zum ARD-„Tatort“ trommelt.

Möglichst schnell raus aus Gronau: Udo Lindenberg wusste früh, was er wollte.

Deutschsprachige Musik war zu der Zeit vor allem Schlager. Bis Udo kam und bewies, dass man auch ohne Verkitschung von Liebe singen kann – und nicht nur davon. Lindenbergs Sprache in seinen Texten ist die der Straße, verständlich, direkt, aber trotzdem lyrisch.

800 Lieder hat er geschrieben, die, auch wenn sie von Arbeitslosigkeit, Krieg oder Einsamkeit erzählen, immer von seinem Prinzip des Optimismus und der Hoffnung getragen sind. Hinterm Horizont geht’s eben weiter.

„Ich hab gelernt, alles ist möglich, alles geht“

Auch was sein eigenes Leben angeht, hat ihm diese Einstellung geholfen. Nach den Erfolgen mit Liedern wie „Hoch im Norden“, „Andrea Doria“ und sogar Bravo-Coverstorys wird es in den 90ern ruhiger um den Panikrocker. Eine „fiese, miese Midlifekrise“ nennt er die Zeit, in der der Alkohol sein ständiger Begleiter war.

Heute redet er offen darüber, auch weil es ihm gelungen ist, da wieder rauszukommen. Nicht zuletzt mit Hilfe seiner Panikfamilie. Wann immer man Udo trifft, ist er umgeben von seinen engsten „Komplizen“. Das sind alles Menschen wie er, die ihre eigene Geschichte mit Aufs und Abs hatten, unangepasst, eben anders sind.

Epochenereignis DDR-Besuch

Dass Udo Lindenberg in den Augen so vieler mehr als ein gefeierter Musiker ist, ein Wegbegleiter und guter Freund, liegt auch an seiner Toleranz und seiner Freude an Begegnungen. Kein Fan, der sich ihm nähert, muss ohne Selfie oder zumindest ein Hallöchen gehen. Seine Botschaft: Jeder kann sich wieder rauskämpfen, nichts ist unmöglich.

Mit diesem Grundoptimismus begegnete er auch den Menschen im Osten, in der damaligen DDR. Die Schauspielerin Anna Loos erinnert sich: „Udo hat die Leute im Osten wahrgenommen, er hat ihnen eine Stimme gegeben, auch im Westen. Deshalb ist er so was wie ein Held im Osten.“

Mit seinem Sonderzug nach Pankow kam der Stein ins Rollen. Die DDR ließ ihn singen, aber nur einmal. Abgeschirmt von den wahren Fans gab es ein kleines Konzert vor ausgewählten FDJlern. Die Udo-Fans standen draußen und skandierten: „Wir wollen rein..!“

Die DDR-Oberen hofften zunächst auf einen PR-Erfolg dank Udos Besuch. Später bekamen sie Angst vor ihrer eigenen Courage. Mit Egon Krenz, 1983.

„Wir ziehen in den Frieden“

Udo Lindenberg ist ein politischer Mensch, gleichzeitig ein Träumer. Das geht nicht zusammen? Doch, bei ihm schon. Scharf analysiert er die Weltpolitik, wirkt dabei nie verbissen. Da ist immer der Wunsch, mit Musik etwas zu verbessern, für eine Welt ohne Kriege, für die bunte Republik Deutschland zu singen.

Das zeigte er auch 2022, als er im Rahmen des NDR Kultur Chorexperiments seinen Hit „Wir ziehen in den Frieden“ als Hymne gegen den Krieg in der Ukraine zur Verfügung stellte, gesungen vom größten Chor Norddeutschlands.

Autoritäre Politik ging ihm stets auf den Geist: Udo Lindenberg 1977 vor der „Neuen Wache“ in Ost-Berlin.

Das große Comeback von 2008

2008 wird ein entscheidendes Jahr für Udo. Seine Managerin Rita Flügge-Timm bringt ihn mit dem Produzenten Andreas Herbig und Musikern wie Jörg Sander und Jan Delay zusammen. Gemeinsam gelingt mit dem Album „Stark wie zwei“ ein sensationelles Comeback.

Es folgen erfolgreiche Unplugged-Alben, Stadiontouren, sogar ein Musical und ein Spielfilm. Immer wieder arbeitet er mit jungen Musikerinnen und Musikern zusammen, inspiriert ganze Generationen. Johannes Oerding nennt ihn den „Godfather of deutschsprachige Pop/Rockmusik“.

Udo Lindenberg auf der Bühne mit Jan Delay. Der Sänger gehört mit Benjamin von Stuckrad-Barre bis heute zu den größten Udo-Fans.

Nummer-1-Hitsingle mit Apache 207

Nicht zuletzt das aktuelle Tribute-Album mit Udo-Coverversionen bezeugt seinen Einfluss, gesungen vom Who’s who der deutschsprachigen Musik. Zugleich stieg Udo durch die Zusammenarbeit mit anderen deutschsprachigen Künstlern zu neuen Höhenflügen auf. Der Song „Komet“, den er gemeinsam mit Apache 207 aufnahm, wurde die erste Nummer-1-Hitsingle seiner Karriere.

„Hamburg bleibt meine goldene Start- und Landebahn“, sagt Lindenberg. In Hamburg begann seine Karriere. 1968 kam er in die Hansestadt, ist musikalisch im legendären Onkel Pö groß geworden. Seit Jahrzehnten lebt er in einer Suite im Hotel Atlantic. Wer kann sich Udo auch im eigenen Haushalt beim Geschirrspüler-Einräumen oder Bettenmachen vorstellen? Er selbst jedenfalls nicht.

Hamburgs berühmtester Hotelgast: Udo Lindenberg im Fahrstuhl des Atlantic

Auch die Ruhezeiten sind bei einem Rockstar wie Lindenberg anders als üblich. Die Nacht ist sein Tag, dann malt und schreibt er. Vor 17 Uhr darf man ihn nicht wecken.

2023 ist Udo Lindenberg zum Ehrenbürger Hamburgs ernannt worden. „Er hat als Gesamtkünstlerpersönlichkeit eine unfassbare Bedeutung für Hamburg“, sagt Kultursenator Carsten Brosda. „Das gilt für den Texter, den Lyriker, den Musiker, den Maler, den aufrechten Demokraten, den Ehrenbürger. Es ist großartig, dass er bei uns in der Stadt lebt.“

Eine Signatur, ähnlich wie Hut und Sonnenbrille: Udos grüne Socken.

Der Hut, die Brille, die grünen Socken

Ein dünner Hering: So würde ihn wohl sein alter WG-Freund aus der Hamburger Villa Kunterbunt nennen, Marius Müller-Westernhagen. Bis heute ist Udo Lindenberg ein schlaksiger Typ, tänzelt in schwarzer enger Hose mit Nietengürtel und grauem Streifenjackett auf die Bühnen des Landes.

Immer trägt er neongrüne Socken (um trotz der langen Beine zu wissen, wo es langgeht). Und natürlich trägt er Hut und Sonnenbrille, schiebt das Kinn beim Sprechen nach vorne. Mancher mag ihn so für eine Kunst- oder vielleicht sogar Witzfigur halten. „Ich mach mein Ding, egal was die andern labern“, sagt Lindenberg.

Klar ist das auch Image. Udo war in ihm schon immer angelegt, sagt er selbst, habe nur noch kultiviert werden müssen. Doch zwischen Hut und grünen Socken steckt ein reflektierter, kluger Mensch, ein Künstler, der sich längst nicht mehr nur in seinen Liedern, sondern auch erfolgreich in seinen Bildern auszudrücken weiß.

Auch als Maler wurde Udo Lindenberg erstaunlich erfolgreich. Meistens malt er sich selbst als ikonische Figur.

Selbstporträts und „Likörelle“

Er macht Zeichnungen aus Alkohol, für die er den Namen „Likörell“ erfunden hat. Er ist auch mal zu Späßen aufgelegt, wie er sagt. Doch da ist auch die Grundmelancholie, die ihn ausmacht, „immer ein bisschen traurig. Und ich bin auch nicht unbedingt so’n Happy-go-lucky-Typ. Eher so nachdenklich, bluesig.“

Dem Tod blickt er gelassen entgegen. Die 80 ist für ihn dabei ohnehin nur eine Zahl. Schließlich, so sagte er es vor kurzem bei einer Ausstellungseröffnung seiner Werke, sei er „Mitglied im Club der Hundertjährigen“ und plane, noch mindestens 20 weitere Jahre „das Mikro zu schwingen“.

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