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Politik

Ölkrise: Warum die deutsche Chemiebranche kurz aufatmen kann

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 21, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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analyse

Stand: 21.05.2026 • 07:25 Uhr

Hohe Ölpreise und gestörte Lieferketten setzen deutsche Chemiekonzerne unter Druck. Doch die Konkurrenz in Asien trifft es noch härter – ein kurzfristiger Wettbewerbsvorteil für BASF, Lanxess, Evonik und Co.

Angela Göpfert

Eigentlich ist der Mechanismus klar: Steigt der Ölpreis, leidet die Chemiebranche. Denn Öl ist Rohstoff, Energieträger und Kostentreiber zugleich. Doch diesmal ist die Lage komplizierter. Der Ölpreisschock belastet zwar auch die deutsche Chemie – er trifft viele Wettbewerber aber noch härter. Für die Branche entsteht damit ausgerechnet in der Krise eine kleine Atempause.

Öl als Rohstoff für die Chemieproduktion

Der Grund liegt in der besonderen Rolle von Öl für die Chemieindustrie. „Wir setzen Öl und Gas eben nicht nur als Energieträger ein, sondern vor allem auch als Rohstoff“, sagt Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.

Naphtha, das sogenannte Rohbenzin, und Flüssiggas (LPG) zählen zu den wichtigsten fossilen Einsatzstoffen der Chemieindustrie. Aus ihnen entstehen Grundchemikalien wie Ethylen, Propylen oder Butadien – Bausteine für Kunststoffe, Verpackungen, Lösungsmittel, synthetische Textilien, Gummi, Kosmetik und viele Spezialchemikalien. Naphtha stammt aus der Erdölraffination; LPG fällt bei der Öl- und Gasförderung an.

Steigt also der Ölpreis, verteuern sich zentrale Teile der chemischen Wertschöpfungskette: vom Rohstoff über die Produktion bis zum Transport. „Das ist eine massive zusätzliche Kostenbelastung, die auf die Unternehmen unserer Branche zugerollt ist – quasi über Nacht“, so VCI-Experte Meincke.

Asien leidet stärker

Entscheidend ist aber: Der Schock trifft nicht alle Regionen gleich. Besonders verwundbar sind Chemieproduzenten, deren Rohstoffe über lange Seewege aus dem Mittleren Osten kommen.

„Viele asiatische Länder sind von den direkten Knappheiten bei Energieprodukten wie Öl und Gas, aber auch bei chemischen Vorprodukten wie zum Beispiel Naphtha und auch bei Basischemikalien deutlich stärker betroffen als ihre europäischen Wettbewerber, da sie einen erheblichen Teil dieser Produkte eben aus der Krisenregion Mittlerer Osten beziehen“, sagt Thomas Schulte-Vorwick, Chemie-Analyst bei Metzler, gegenüber der ARD-Finanzredaktion.

Laut Joe Douaihy, Branchenanalyst beim Kreditversicherer Coface, werden 60 bis 70 Prozent des Naphthas und 45 Prozent des LPG für asiatische Produzenten über die Straße von Hormus transportiert.

Hormus-Blockade belastet Asiens Chemieindustrie

Die steigenden Energiepreise und die Blockade der Straße von Hormus treffen somit Asiens Chemieindustrie besonders stark. Für die Firmen hierzulande bedeutet das: Der Wettbewerbsdruck aus Asien lässt vorübergehend nach. Kunden akzeptieren höhere Preise und füllen ihre Lager präventiv auf.

Das bekommt auch der deutsche Spezialchemiekonzern Lanxess zu spüren. Lanxess-Chef Matthias Zachert beobachtet seit März ein „leicht positives Momentum“. Die Lieferketten vieler asiatischer Wettbewerber seien „gestört“, Kunden wendeten sich daher wieder stärker europäischen Anbietern zu. „Lieferfähigkeit ist derzeit ein bedeutender Wettbewerbsvorteil.“

Aktien notieren höher

Die Eskalation im Mittleren Osten und die Blockade der Straße von Hormus schaffen damit vorübergehend günstigere Marktbedingungen für die deutsche und europäische Chemieindustrie.

„Durch die Stillstände in Asien und die deutlich gestiegenen Frachtraten ist es durchaus möglich, dass europäische oder auch deutsche Firmen kurzfristig Marktanteile zurückgewinnen können“, so Metzler-Analyst Schulte-Vorwick.

Diese Hoffnung spiegelt sich auch an der Börse wider: Aktien von BASF, Lanxess, Wacker-Chemie und Evonik sind im März nur kurzzeitig unter Druck geraten – heute notieren sie teils deutlich höher als vor Ausbruch des Iran-Kriegs.

Strukturelle Probleme bleiben

Doch eine Trendwende ist das noch nicht. Denn die strukturellen Probleme der europäischen Chemiebranche bleiben bestehen: hohe Energiepreise, niedrige Auslastung und massive Überkapazitäten in China.

„Wir kommen aus drei Jahren massiven Auftragsmangels in der deutschen chemischen Industrie mit über 20 Prozent Auftragsrückgang“, so Henrik Meincke vom Branchenverband VCI. Gerade im vergangenen Jahr sei der Wettbewerbsdruck aus Asien „brutal“ gewesen.

Nach Daten des Statistischen Bundesamts lag die Produktion chemischer Erzeugnisse in Deutschland 2025 knapp ein Fünftel unter dem Niveau von 2021.

Fragile Erholung

Sobald die Straße von Hormus wieder frei ist, Rohstoffströme und Frachtrouten wieder stabiler werden, könnte auch der Preisdruck aus Asien wieder zurückkehren. Metzler-Experte Schulte-Vorwick rechnet bereits ab dem zweiten Halbjahr 2026 wieder mit einer schwächeren Nachfrage nach deutschen Chemieprodukten.

„Wir sollten uns nicht darauf verlassen, dass sich die Probleme von allein lösen“, sagt daher VCI-Chefvolkswirt Meincke. „Wir müssen die strukturellen Schwächen angehen – und dringend die notwendigen Wirtschaftsreformen voranbringen.“

Unterm Strich verschaffen die Ölkrise und die Blockade der Straße von Hormus der Chemiebranche hierzulande keine Renaissance – sondern nur etwas Zeit.

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Dr. Heinrich Krämer
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