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„Vivaldi und ich“: Sinnliches Drama und kluge Coming-of-Age-Erzählung

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 21, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Vivaldi und ich“Sinnliches Drama und kluge Coming-of-Age-Erzählung

21.05.2026, 15:34 Uhr Von Sabine Oelmann
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Geschenk eines Talents, das auch ein Fluch sein kann: Michele Riondino und Tecla Insolia in einer Szene des Films „Vivaldi und ich“. (Foto: dpa)

Endlich mal wieder etwas ganz anderes im Kino. Wer dieses Jahr nicht zur Biennale nach Venedig fährt oder wer das Gegenteil dessen behaupten möchte, was Timothée Chalamet über’s Ballett gesagt hat, der schaut sich „Vivaldi und ich“ an. Und zwar in einem anderen totgesagten Medium – dem doch recht lebendigen Kino.

Im Venedig des 17. und 18. Jahrhunderts gab es Waisenhäuser, in denen Mädchen Musikinstrumente spielen lernten, um dann – für das Publikum unsichtbar, verborgen hinter Paravents oder Vorhängen – bei Gottesdiensten und Konzerten zu musizieren. Wenn man hinter den Vorhang schaut, wie bei „Vivaldi und ich“, dann bietet sich tatsächlich ein ungewöhnlicher Anblick: Frauen musizieren im Orchester – sie spielen alle Instrumente, voller Inbrunst und Hingabe, Talent und Leidenschaft.

Kleiner Exkurs ins Jetzt: Die Geschichte der Musikerinnen, beispielsweise bei den Berliner Philharmonikern, ist noch jung. Das weltberühmte und männerdominierte Orchester galt als konservativ und nahm erst 1982, als letztes großes deutsches Berufsorchester, überhaupt eine Frau auf – die Schweizer Geigerin Madeleine Carruzzo. Die erste Konzertmeisterin wurde 2023 Vineta Sareika-Völkner. Auf eine erste Dirigentin wird das Orchester mit einem Frauenanteil von mittlerweile immerhin 21 Prozent wohl noch warten müssen – wenn man Dirigentin Sylvia Caduff, die 1978 bei den Philharmonikern „einsprang und dirigierte“, nicht mitzählt.

Fast, als würde das Radio laufen

Zurück nach Venedig ins 18. Jahrhundert, wo die Frauen zwar künstlerisch tätig sein durften, man sie aber nicht dabei sehen sollte: Das Publikum hört sie, ist begeistert – und doch bleibt jede einzelne Künstlerin im Verborgenen. Fast ist es, als würde man Radio hören. In Damiano Michelettos Drama „Vivaldi und ich“ geht es jedoch um noch etwas anderes – es geht um die Verbindung zwischen dem genialen Komponisten Antonio Vivaldi und seiner talentiertesten Schülerin im Waisenhaus Ospedale della Pietà: Cecilia, gespielt von Tecla Insolia. Sie ist eine hochbegabte, junge Violinistin, lebt seit ihrer Geburt im Ospedale und wünscht sich vor allem, zu wissen, wo sie herkommt und wer ihre Mutter ist. Ihr, der Unbekannten, schreibt sie heimlich Briefe, die, genau wie die Musik, im Laufe des Films fordernder, lauter, dringlicher werden.

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Nur scheinbar zart: Die Musikerinnen des Waisenhauses Ospedale della Pietà im Venedig des 18. Jahrhunderts. (Foto: dpa)

Für Michieletto steht eindeutig nicht der Komponist Antonio Vivaldi, dessen berühmtestes Werk „Die vier Jahreszeiten“ jedem bekannt sein dürfte und der 1741 verarmt und einsam an einer Lungenkrankheit verstarb, sondern das Mädchen Cecilia hinter dem Vorhang, im Vordergrund. Ihren Kampf um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung stellt der Italiener in den Mittelpunkt. Es gelingt ihm tatsächlich, ein äußerst unaufgeregtes, musikalisch-wertvolles Coming-of-Age-Drama zu zeigen – Perückenpflicht und Sehnsuchts-Venedig-Bilder (weil oft menschenleer und vollkommen kitschfrei) inklusive.

Was den Film so besonders macht, ist sein rebellischer Charme: „Sogar mein Sohn hat gesagt, dass er den Film ganz okay findet“, erzählt Michieletto ntv.de lachend in Berlin, „und das will was heißen, bekommt man von seinen Teenager-Kindern doch nicht allzu oft Lob für das, was man so macht.“ Michieletto kann über Lob grundsätzlich allerdings nicht klagen, er hat für „Vivaldi und ich“ bereits Preise in Rom, Chicago und Toulouse gewonnen.

Wie auf dem Viehmarkt

Die Bilder des Waisenhauses, der Mädchen und Venedigs sind trotz verstaubter Pädagogik – wenn man das überhaupt so nennen darf – und aller Brutalität und Härte, wunderschön. Nicht alle haben das Glück, musizieren zu dürfen, viele Mädchen müssen putzen, kochen und sich bereithalten für den nächstbesten Mann, der vorbeikommt und sie aus dem Waisenhaus herauskauft, denn das ist das eigentliche Ziel für alle „Insassinnen“: Die Ehe – vom Waisenhaus arrangiert und zu einem in harten Verhandlungen vereinbarten Kaufpreis. Die Mädchen werden verschachert wie auf dem Viehmarkt, als verheiratete Frauen dürfen sie jedoch nicht mehr musizieren. Für Cecilia unvorstellbar – sie will mit allen Mitteln der Verheiratung mit einem viel älteren Mann entgehen. Und als Maestro Antonio Vivaldi (Michele Riondino), ein Mönch, der als Musiklehrer und Dirigent für die Mädchen im Waisenhaus eingestellt wird, beginnt Cecilia zu ahnen, dass ihr Leben mehr bereithalten könnte: Die Musik wird zu ihrem Symbol für Unabhängigkeit und Freiheit.

„Vivaldi und ich“ ist Damiano Michielettos Kinodebüt. Der Regisseur ist bisher international vor allem für seine Operninszenierungen bekannt – das kommt dem Film, dem der Roman „Stabat Mater“ von Tiziano Scarpa zugrunde liegt, sicher sehr entgegen. Ihm ist ein kleines, feines, historisches Meisterwerk gelungen, ohne jeglichen Kitsch, dafür mit viel Gespür für den schon immer existierenden Wunsch von Mädchen und Frauen, sich nicht von Männern und Konventionen knechten und unterkriegen zulassen. Eine Emanzipation? Michieletto zu ntv.de: „Ja, natürlich, denn einige Mädchen wollten sich noch nie kampflos ihrem Schicksal ergeben.“ Den wenigsten gelang es jedoch – manchen nur in ihren Träumen. „Besonders traurig ist aber, dass es in manchen Teilen der Welt bis heute nicht anders abläuft“, ergänzt der Regisseur.

Dass viel in den Mädchen steckt, dass sie mehr wissen, als erlaubt ist, erfahren wir in den Dialogen, die sie untereinander führen, wenn sie glauben, ihnen hören weder strenge Erzieherin noch despotischer Anstaltsleiter zu. Für Cecilia bedeutet ihre Flucht in die Musik mehr als alles andere, es bedeutet vor allem, dass sie erwachsen wird. In jeder Hinsicht. Und anspruchsvoller, stolzer – nicht unbedingt die Eigenschaften, die das Leben im Waisenhaus einfacher machen.

Überraschender Tempowechsel

Auch die Tatsache, dass Cecilia von Vivaldi – nicht nur als 1. Violine, womit sie, neben dem Dirigenten, faktisch Leiterin des Orchesters ist – erwählt wird, macht es nicht einfacher oder schöner. Sie merkt aber, jeden Grund haben zu dürfen, sich ihm ebenbürtig zu fühlen. Cecilia ist anders, in ihr steckt mehr, das weiß Vivaldi: Sie lebt in der Musik, sie entwickelt sich mit ihr, wird stärker.

Der uns heute so wohl bekannte Komponist dagegen ist trotz seines Genies von eher schwacher Gestalt: Für damalige Verhältnisse zwar recht humorvoll und auch gutaussehend, ist er jedoch kränklich und ohne Rückgrat, gleichzeitig durchaus auf seinen Vorteil bedacht. Dennoch wird er Cecilias Meister, durch ihn lernt sie, dass nur eiserner Wille zur künstlerischen Perfektion führt. Zum Ende des Films wird es immer überraschender, eine brutale Wendung verändert alles. Wer sich anfangs auf das „Adagio“ des Films eingestellt hat, wird vom sich langsam nähernden „Allegro“ überrascht sein.

Venedig spielt, wie immer, wenn Filme in Venedig spielen, eine Hauptrolle, bleibt jedoch dezent im Hintergrund. Dafür assistieren Kirche, Macht, Dekadenz und Opulenz der Kühle und Dunkelheit, in der die Waisenmädchen aufwachsen. Erinnerungen an „Stolz und Vorteil“ werden wach, und an eine der letzten Szenen in „Titanic“. Mehr wird aber nicht gespoilert, der Film konzentriert sich auf weibliche Selbstbestimmung und in einer sehr eleganten Art und Weise auch um die Kunst an sich.

„Vivaldi und ich“ läuft ab sofort in den Kinos.

Quelle: ntv.de

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