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Startseite»Nachrichten»Ein Kader voller Fragezeichen: Nagelsmann nominiert ein DFB-Team, das niemand einschätzen kann
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Ein Kader voller Fragezeichen: Nagelsmann nominiert ein DFB-Team, das niemand einschätzen kann

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 22, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Ein Kader voller FragezeichenNagelsmann nominiert ein DFB-Team, das niemand einschätzen kann

21.05.2026, 19:19 Uhr

Von Tobias Nordmann und Sebastian Schneider, FFM
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Julian Nagelsmann hat sich entschieden und 26 Spieler für die WM nominiert. (Foto: picture alliance / GES/Markus Gilliar)

Julian Nagelsmann will Fußball-Weltmeister werden. Für seinen großen Traum nominiert er 26 Spieler. Doch reicht die Qualität des Kaders aus, um das Turnier erfolgreich zu bestreiten?

Mit viel Stolz blickte Julian Nagelsmann auf den Bildschirm vor sich. Dort lief der Imagefilm, mit dem der DFB die 26 Namen verkündete, die gemeinsam mit dem Bundestrainer zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Nord- und Mittelamerika reisen. Es sind die vorgesehenen Helden, die sein Versprechen einlösen sollen. Mittlerweile ist es zwei Jahre her, dass Nagelsmann angekündigt hatte, Weltmeister werden zu wollen. Nach dem dramatischen Aus bei der Heim-EM gegen Spanien. Es sei schade, dass man so lange warten müsse, sagte Nagelsmann damals.

Und heute? Der Bundestrainer zeigte bei der Kaderverkündung eine neue Seite von sich. So fand man sich im DFB-Campus plötzlich in einem Semantik-Seminar wieder. Nagelsmann sagte, das Ziel von damals habe sich nicht geändert. Die DFB-Elf will Weltmeister werden. Er hat nicht gesagt, dass sie das auch wirklich wird.

Es sagt einiges über den WM-Kader aus, wenn schon der Bundestrainer semantisch abrüstet. Denn sein Aufgebot ist überraschend überraschungsfrei. Und vor allem sind es dieselben Protagonisten, die zwar seit sieben Spielen ungeschlagen sind, sich aber gleichzeitig nur mit Mühe durch die WM-Qualifikationsgruppe mit der Slowakei, Nordirland und Luxemburg gearbeitet haben. Bei allem Respekt sind das keine fußballerischen Giganten.

Wo sind all die echten Neuner hin?

Einige Planstellen ließ Nagelsmann gar komplett unbearbeitet. Die deutsche Sehnsucht nach einem richtigen Mittelstürmer bleibt ganz unerfüllt. Dafür kann der Bundestrainer aber recht wenig: Die einzigen beiden relevanten Kandidaten sind meilenweit von ihrer Form entfernt. Mönchengladbachs Hüne Tim Kleindienst hat in dieser Saison wegen Verletzungen quasi gar nicht gespielt und der einstige Superknipser Niclas Füllkrug findet das Tor kaum noch. Und einem jungen Kerl wie dem umworbenen Nicolo Tresoldi (U21-Stürmer, Torjäger bei Club Brügge) aufzubürden, das deutsche Angreiferproblem zu lösen, ist noch etwas zu früh.

Am Ende geht es auf der Position nicht, bei allem Respekt, um Weltklasse, sondern eben um Füllkrug und Kleindienst. Für Fanliebling Füllkrug und dessen grausame Torquote (1 Tor in 21 Spielen) halfen nicht mal mildernde Umstände. Weil der AC Mailand sehr tief steht, hat Füllkrug einen langen Weg zum gegnerischen Tor, erklärte Nagelsmann. Doch die Ausrede reicht nicht für das WM-Ticket. Und Kleindienst? Der Gladbach-Kapitän gab zwar am letzten Spieltag sein Comeback. Aber nur sechs Bundesliga-Minuten reichen nicht für den Kader.

Und auch sonst kann Nagelsmann nicht für alles etwas, dass nicht passt. In der Offensive ist ihm Serge Gnabry verletzt abhandengekommen. Das ist insofern tragisch, weil der Bayern-Star seine erste weitestgehend verletzungsfreie Saison seit Jahren absolvierte (welch Ironie!) und sich in der besten Form der jüngeren Spielzeiten befand. Wer ihn ersetzen wird, ließ Nagelsmann offen. Er fehlt auf jeden Fall.

In München war Gnabry herausragender Adjutant der Schlaglichtspieler – von Harry Kane, von Michael Olise, von Luis Díaz. Gnabry fand seine Rolle als hängende Spitze, als Zehner, als Verbindungsspieler zwischen den Magiern auf rechts, links und im Zentrum. Er spielte die Pässe, schuf die Räume. Und wenn von denen mal einer verhindert war, dann half er eben dort aus. Gnabry kann in der Offensive alle Positionen bespielen, ohne nennenswerten Qualitätsverlust. Etwas Vergleichbares gibt es im deutschen Fußball derzeit nicht.

Wo ist die Weltklasse hin?

Es zieht sich durch: Insgesamt fehlt es dem Kader an Weltklasse. Das liegt zum einen daran, dass es einfach nicht so viele Deutsche gibt, die im Topfußball eine gewichtige Rolle spielen. Und diejenigen, die Weltklasse-Potenzial aufweisen, Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz, laufen nun schon länger ihrer Form hinterher – weil sie lange verletzt waren (Musiala, Havertz) oder weil er, Wirtz, in einer völlig außer Kontrolle geratenen Mannschaft seinen Platz sucht und nur selten findet. Immerhin im DFB-Trikot lieferte er zuletzt großartig ab.

Die Abwehr stellt sich derweil quasi von alleine auf. Auf der linken Seite hat David Raum seinen Platz sicher, auf rechts Joshua Kimmich. Er ist auch der Anführer in einem Team, das niemand so recht einzuschätzen weiß, in dem, außer Kimmich, die natürlichen Leader fehlen. Im Zentrum hat Jonathan Tah seinen Platz sicher. Er ist der Abwehrchef des FC Bayern, aber kein Lautsprecher. Das wäre Antonio Rüdiger, der aber vermutlich nur in der zweiten Reihe steht. Nico Schlotterbeck hat sich seinen Platz verdient. Er steht für Emotionen, Rüdiger für das Rotzige, das so eine Mannschaft eigentlich auch braucht.

Kein Wunder, dass Nagelsmann bei der Kaderverkündung bei der Frage nach einem Mannschaftskern ins Schlingern kam. „Das Team ist der Kern“, sagte er. Man müsse eine geschlossene Einheit sein, die gemeinsam verteidigt und angreift, um der individuellen Weltklasse anderer Nationen begegnen zu können. Bei der Heim-EM hat das immerhin dazu gereicht, erst im Viertelfinale gegen den späteren Titelgewinner Spanien auszuscheiden. Es ist die große Hoffnung und Stärke des DFB-Teams.

Nicht aber einzelne Namen. Die Achse reichte Nagelsmann erst später nach (Joshua Kimmich, Musiala, Wirtz und Havertz). Und abgesehen davon hat es einen Grund, weshalb Leroy Sané und Leon Goretzka im Klub schwächeln und trotzdem vom Bundestrainer angerufen werden. Es fehlt an überzeugenden Alternativen und sie waren in den vergangenen drei Jahren halt immer da. Vor dem Hintergrund ist es durchaus verwunderlich, dass er mit Said El Mala eines der größten Talente zuhause lief. Der Kölner spielt frech und unbekümmert. Er erinnert an den jungen Lukas Podolski, ein Draufgänger im besten Sinne. Er kann dem Team die Schwere nehmen, wenn es mal wieder knirsch wird. An Beispielen aus der Vergangenheit mangelt es nicht. Das Team ist halt der Kern und El Mala war nicht allzu oft dabei.

Manuel Neuer soll einen Makel tilgen

Auch der Bundestrainer hat immerhin das Fehlen individueller Aura erkannt. Das ist ein Grund, weshalb plötzlich Manuel Neuer wieder zwischen den Pfosten steht. Nagelsmann holt vor den 40-jährigen verletzungsanfälligen Ex-Weltklassetorwart allem wegen seiner Ausstrahlung zurück, ähnlich wie Toni Kroos vor zwei Jahren. Neuer bringt etwas mit, was seinen Wieder-DFB-Kollegen fehlt: die Fähigkeit bei seinen Gegnern so etwas wie Angst auszulösen.

Neuer hat sportlich einige Argumente gesammelt, um wieder in den Kreis des DFB-Teams einzukehren. Aber er hat auch vermehrt Spiele dabei gehabt, in denen er nicht mehr der alte war. Und dann ist da seine ständige Anfälligkeit. Auch aktuell zickt die Wade. War’s das wert, Oliver Baumann, zu degradieren? Eine riskante Wette, die Deutschland wochenlang beschäftigte. Und die als drohendes Pulverfass mit in den Flieger steigt.

Ob Neuer reicht, um aus diesem Team einen WM-Favoriten zu formen? Es wäre ein Wunder. Vor allem, wenn man auf die Konkurrenz schielt: Die Franzosen um den sensationellen Olise, um Weltfußballer Ousmane Dembéle, um Désiré Doué und Kylian Mbappé könnten mit ihrem dritten Kader noch mit dem DFB-Team mithalten; bei den Spaniern wächst seit Jahren wieder ein Fußballmonster heran, basierend auf den Supertalenten des FC Barcelona. Die Brasilianer haben mit Carlo Ancelotti einen Trainerfuchs auf der Bank und Stars auf dem Feld.

Quelle: ntv.de

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