Russlands Angriffe der letzten Nacht seien ein Kriegsverbrechen, sagt der Militärexperte Lange. Dass dabei die Hyperschallrakete „Oreschnik“ zum Einsatz kam, sei ein Signal an Europa – wovon man sich aber nicht einschüchtern lassen solle.
Bei den schweren Angriffen auf Kiew in der vergangenen Nacht hat Russland erneut Mittelstreckenraketen vom Typ „Oreschnik“ eingesetzt. Jenseits der zerstörerischen Wirkung verfolge der Kreml mit dem Einsatz dieser Waffe auch eine weitergehende Strategie, sagt der Militärexperte Nico Lange im Interview mit tagesschau24.
„Nicht einschüchtern lassen“
Die Hyperschallrakete hat eine Reichweite von mehreren Tausend Kilometern und kann damit nahezu jede Hauptstadt in Europa erreichen. Deshalb sei der Einsatz der Waffe auch ein Signal an die Europäer, nach dem Motto: „Wir haben hier etwas, damit können wir überall hinschießen in Europa und das kann man nicht abwehren“, so Lange.
Putin wolle Europa einschüchtern. Dies solle Europa aber nicht zulassen, betont Lange. „Ich glaube, die Europäer sollten schleunigst neue Raketen bauen, diese testen und Putin damit klarmachen: Wir lassen uns nicht einschüchtern und lassen uns nicht erpressen.“
„Angriff ist Kriegsverbrechen“
Die auch in Belarus von Moskau stationierte „Oreschnik“ (auf Deutsch: Haselstrauch) kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Sie kann mit einer extrem hohen Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometer pro Stunde fliegen und hat eine Reichweite von bis zu 5.000 Kilometern.
Lange verurteilte den Angriff scharf. „35 ballistische Raketen auf eine schlafende Großstadt“ abzufeuern, sei ein klares Kriegsverbrechen. Es solle deshalb Konsequenzen seitens der Europäer geben. Man könne etwa Schengen-Visa für alle Russen stornieren und der Ukraine die deutschen „Taurus“-Marschflugkörper liefern. „Auf jeden Fall muss es Folgen haben, wenn Putin so etwas tut, sonst fühlt er sich ermutigt, das weiterhin zu machen.“
EU spricht von Terrorismus
Auch die Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verurteilte den Angriff Russlands. Moskau setze die Mittelstreckenrakete vom Typ „Oreschnik“ als politische Einschüchterungstaktik ein. „Russland ist auf dem Schlachtfeld in einer Sackgasse gelandet, weshalb es die Ukraine mit gezielten Angriffen auf Stadtzentren terrorisiert“, schrieb sie auf der Plattform X.
Dieser Bewertung schließt sich auch Lange an: Putin komme an der Front nicht voran, er könne nur weniger Soldaten rekrutieren, als er auf dem Schlachtfeld verliert, und er habe finanzielle Probleme. Die Ukrainer dagegen hätten die russische Frühjahrsoffensive weitestgehend gestoppt und zugleich fast die Hälfte der russischen Ölexport-Kapazitäten – also etwa Verlade-Terminals – zerstört. Putin habe deshalb „das Bedürfnis, der Propaganda zuhause etwas zu liefern, zu zeigen, dass er stark ist“.
