Nach dem Großangriff auf Kiew hat Russland mit neuen Luftschlägen gedroht. Die Bewohner der Stadt sind noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Doch in den Trümmern zeigt sich – die Stadt funktioniert.
Es riecht verbrannt, besonders stark, wenn ein Luftstoß durch die große, schwarze Ruine am Straßenrand geht. Es ist das ehemalige Einkaufszentrum „Quadrat“. Das Betonskelett ist notdürftig mit einem rotweißen Plastikband abgegrenzt. Trotzdem steigt Anastasija durch die Trümmer. Die 25-jährige Übersetzerin hat eine Transportbox für Katzen in der Hand.
Eine verängstigte, schmutzige Katze streife dort zwischen den Ruinen herum, sagt sie. „Wir wollen sie einem Tierarzt zeigen, denn wenn sie während des Beschusses auch hier war, dann ist sie vielleicht verletzt. Dann möchten wir eine Familie für sie finden.“ Vor einer Viertelstunde habe sich das Tier kurz gezeigt und sei dann in den Trümmern verschwunden.
Anastasija und ihr Freund haben die Katze schon am Sonntag, wenige Stunden nach dem Einschlag der Rakete, hier gesehen. Eine von 90 Raketen, die Russland in jener Nacht abschoss. Die beiden haben die Katze gefüttert und wollen sie nun retten. Es ist ihr Versuch, die Welt in Kiew wieder ein Stück zurechtzurücken.
Hunderte Gebäude beschädigt
Knapp 300 Gebäude in der ukrainischen Hauptstadt wurden beim russischen Luftangriff in der Nacht auf Sonntag beschädigt. In dieser Hinsicht war es der schwerste in diesem Krieg. „Wir haben in einem Schutzkeller gesessen, aber auch dort haben wir die Explosionen gehört“, sagt Anastaija. „Wir gehen nicht immer in einen Schutzraum, aber diesmal gab es viele Warnungen, auch von der US-Botschaft.“
Auch Neugierige sind zum ehemaligen Einkaufszentrum gekommen, sie machen Handyfotos. Viele sagen: So schlimm wie jene Nacht auf Sonntag war noch keine.
Doch der Angriff war kaum vorbei, da haben die Aufräumarbeiten begonnen. Vor dem „Quadrat“ ist der Schutt auf kleine Häufchen geschichtet, die Menschen gehen links und rechts vorbei zur U-Bahn-Station, die schon seit Sonntagabend wieder in Betrieb ist. Die Stadt funktioniert – um die Zerstörungen herum.
Verkohlter Verkaufsstand auf dem Markt
Auf der anderen Seite der Straße war ein Markt, auch er ist völlig verwüstet. Ein Mann im modischen Sakko bringt ein Schild an einem verkohlten Verkaufsstand an. Der habe seiner Schwiegermutter gehört, sagt Ihor Schynkartschuk:
Hier hat sie gearbeitet, hat Kwas verkauft, diese Flaschen sind davon übrig geblieben, Brot hat sie verkauft, Törtchen. Sie hat zu ihrer Rente dazuverdient, damit sie den Enkeln ein bisschen Geld geben konnte. Sie hat Asthma und einen Herzinfarkt hinter sich, trotzdem hat sie hier gestanden und gearbeitet.
Die Botschaft auf dem Schild: Wir werden bald wieder öffnen. Bis bald, allen Frieden und Gesundheit. Und die Telefonnummer der Schwiegermutter, damit ihre Stammkunden, wenn sie möchten, sich nach ihr erkundigen können.
„Nur ein schwacher Mensch macht so etwas“
Einer dieser Kunden taucht tatsächlich auf. Er habe hier schon vor dem Krieg Pralinen gekauft, erzählt er. Der russische Staatschef Wladimir Putin hat weitere solche Angriffe auf Kiew angekündigt, wieder auf „Rüstungsunternehmen“, wie er sagt. Von wegen, nur Terror wolle der Kremlchef verbreiten, sagt der Kunde.
Putin ist schwach, das ist doch kein Mann. Nur ein schwacher Mensch macht so etwas. Ein starker, vernünftiger Mensch würde so etwas doch nicht machen. Er muss endlich damit aufhören, einfach aufhören.
Der Kunde war schon bei einem Treffen mit Bürgermeister Vitali Klitschko. Der solle helfen, die Trümmer wegzuräumen, damit zumindest der Markt bald wieder öffnen kann. Denn Aufgeben komme nicht in Frage, nicht für ihn und nicht für seine Schwiegermutter.

