exklusiv
Im Ostseeraum kommt es bei Flugzeugen immer wieder zu Störungen der GPS-Navigation. Piloten sind besorgt, der Ursprung der Störsignale liegt nach NDR-Recherchen offenbar in Russland. Sicherheitsexperten sprechen von hybrider Kriegsführung.
Am Flughafen Kopenhagen macht Pilot Oliver Quiter die üblichen Vorbereitungen vor dem Start: Ein Mal um das Flugzeug laufen, Fahrwerk begutachten, im Cockpit Checklisten abarbeiten. Er soll gleich etwa 60 Passagiere auf die Ostsee-Insel Bornholm fliegen. Der Flug ist ausgebucht. Vor dem Abflug haben er und sein Copilot die Strecke im Bordcomputer gespeichert – nach dem Start müssen sie sie nur noch abfliegen.
Möglich macht es das Satellitennavigationssystem GPS. Empfänger an Bord kommunizieren mit Satelliten im All und bestimmen so die Position. „Die Satellitennavigation ist extrem wichtig“, sagt Pilot Quiter. Dank ihr wüssten die Piloten jederzeit, wo sie sind.
Doch es gibt im Ostseeraum immer wieder Probleme mit dem GPS, wie Oliver Quiter und andere Piloten dem NDR berichten. Es komme zu Störungen, die Navigation per Satellit funktioniere oft nicht mehr. In solchen Fällen müsse er sich per Funk vom Fluglotsen den Kurs vorgeben lassen, so Quiter: „Dem müssen wir dann folgen. So lange bis das System wieder verfügbar ist – oder eben auch bis zu Landung.“
Piloten melden täglich Störungen
Er selbst habe solche Störungen in den vergangenen fünf Jahren drei oder vier Mal erlebt, doch er sagt auch: „Ich weiß von Kollegen, die regelmäßig Richtung Finnland, ins Baltikum fliegen, dass sie es täglich haben.“
Bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) heißt es, jeden Tag melde eine „sehr kleine zweistellige Zahl“ von Flugzeugen eine solche Störung an einen Lotsen in Deutschland. Maschinen ohne funktionierenden GPS-Empfänger erforderten von den Lotsen mehr Aufmerksamkeit, sagt Morten Grandt, der bei der DFS die Navigationsdienste leitet. „Im Moment haben wir die Situation gut im Griff“, sagt er. Anders wäre es, wenn die Anzahl der Störungen in einem Bereich deutlich zunehmen würde. „Dann hätte es natürlich den Effekt, dass der Lotse irgendwann an seine Belastungsgrenze kommt.“
Hybride Kriegsführung
Weil Flugzeuge die Fehlermeldungen auch an Bodenstationen senden, können Anbieter wie SkAI Data Services kartieren, wo die Störungen auftreten. In Europa ist die Ostsee demnach ein Hotspot. Forscher der Universität Gdynia in Polen haben zudem eine große Störanlage lokalisieren können.
Sie befindet sich ihnen zufolge in der russischen Exklave Kaliningrad. Vertreter der deutschen Marine nannten dem NDR ebenfalls Russland als Quelle der Störsignale. Diese kämen von Land und von russischen Schiffen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht im NDR-Interview von einem „hybriden Angriff“, genau wie der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Florian Hahn.
Der Sicherheitsexperte Nico Lange spricht von einem „Austesten der Grauzonen“. Russland versuche gezielt zu manipulieren, die Störungen gehörten für das Land „ganz sicher in den Bereich der Kriegsführung“, so Lange.
Viele Piloten laut Umfrage besorgt
Unter Piloten sorgt die Situation für Beunruhigung. Die internationale Branchenorganisation OPS Group hat 2024 nach eigenen Angaben gut 2.000 Piloten zu GPS-Störungen befragt. Mehr als zwei Drittel gaben an, deshalb „sehr oder extrem besorgt“ zu sein. Allerdings wurde dabei nicht nach GPS-Störungen im Allgemeinen, sondern zu einer besonderen Störungsart gefragt, die offenbar auch im Ostseeraum vorkommt.
Es geht dabei um das sogenannten GPS-Spoofing. Dabei wird der Empfang nicht einfach nur blockiert, sondern es werden gezielt falsche Signale gesendet und die Flugzeuge so getäuscht. Die Bordcomputer wähnen sich plötzlich an anderen Orten oder in anderen Flughöhen, als sie tatsächlich sind. Und das kann folgen haben. „Wenn die GPS-Position verfälscht wird, kann es zu einer großen Zahl an Fehlwarnungen kommen“, erklärt Niklas Ahrens, der sich bei der Pilotengewerkschaft Cockpit mit den Störungen befasst.
In Cockpits ertönen Warnungen
Es geht dabei vor allem um das sogenannte Erweiterte Bodenannäherungswarnsystem. Es soll verhindern, dass eine Maschine versehentlich etwa in einen Berg fliegt. Durch das GPS-Spoofing kann es bei dem System zu Fehlwarnungen kommen, wie auch das Unternehmen Lufthansa Systems in einer Pressemitteilung schreibt. In solchen Fällen ertönt im Cockpit eine Computer-Stimme, die auf englisch sagt: „Gelände voraus! Hochziehen!“.
Eine eindringliche Warnung, die Piloten unter normalen Umständen laut Ahrens nur im Simulator hören. „Im Reiseflug sind diese Warnungen ja im Regelfall Fehlwarnungen. Das heißt, man schaltet dann einfach das System aus.“ Das verhindere falsche Warnungen, „andererseits nehmen wir uns aber auch das Sicherheitsnetz, was uns unter Umständen geschützt hätte.“
Lufthansa sieht schwerwiegende Beeinträchtigung
Der NDR hat bei mehreren großen Airlines angefragt, die Ziele im Ostseeraum anfliegen. Die Lufthansa Group antwortete, GPS-Spoofing sei „eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Sicherheit der Zivilluftfahrt“. Zur Frage, ob es üblich sei, dass Piloten deshalb das erwähnte Warnsystem abschalten, hieß es: „im Einzelfall“. Das System werde „nach Verlassen eines betroffenen Gebietes (…) wieder in den Normalbetrieb zurückgeführt.“ Man sehe die Sicherheit „durch bestehende Systeme (…) gewährleistet“.
Die polnische Airline LOT antwortete, das System vorübergehend zu deaktivieren, könne sicherer sein „als auf unzuverlässige Warnungen zu reagieren, die durch fehlerhafte Positionsdaten ausgelöst werden“. Andere Warnfunktionen blieben eingeschaltet. Nicht alle Airlines haben auf die Anfrage geantwortet, so etwa die skandinavische SAS.
„Nicht als neue Normalität hinnehmen“
Doch wie auf die Störungen im Luftverkehr reagieren? Von der EU-Außenbeauftragten Kallas heißt es, die Sache müsse auch auf NATO-Ebene diskutiert werden. „Natürlich müssen wir da mehr tun und dürfen das nicht als neue Normalität hinnehmen.“ Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Florian Hahn, geht noch weiter: Deutschland müsse „abschreckend werden“ und „überlegen, ob man im Zweifel ähnliche Maßnahmen auch selber aktiv einsetzt“.
Aus Sicht des Sicherheitsexperten Lange wäre eine Reaktion der Weg, um sich Respekt zu verschaffen. Die Störungen im Ostseeraum könnten zudem mehr sein, als reine Provokation. Elektronische Kampfführung sei ein Mittel, um ein „Schlachtfeld vorzubereiten“. Dass das im Ostseeraum so stark passiert, könne darauf hindeuten, dass „Russland sich zumindest gedanklich, aber auch militärisch planerisch mit der Frage militärischer Operationen im Ostseeraum beschäftigt.“
Mehr zum Thema sehen Sie auch in der ARD Story „Unsichtbarer Angriff – Wie Russlands Störsignale Europa bedrohen“ in der Mediathek.
