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Reisners Blick auf die Front: „Mit der Oreschnik-Rakete sendet Moskau den Europäern ein Signal“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 26, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Mit der Oreschnik-Rakete sendet Moskau den Europäern ein Signal“

26.05.2026, 19:30 Uhr Interview: Lea Verstl
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Der Kreml droht mit weiteren Schlägen gegen Kiew – auch gegen Botschaften. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Präsident Wladimir Putin steht unter Druck. Die Ukraine attackiert erst Moskau und dann ein Studentenwohnheim, in dem russische Drohnen gebaut werden. Als Reaktion eskaliere der Kreml weiter mit seinen massiven Angriffen auf Kiew, sagt Oberst Reisner. Dabei steche ein Detail besonders ins Auge.

ntv.de: Russland begründet die jüngsten Massenangriffe auf Kiew damit, dass dort Waffen und Drohnen produziert würden. Gibt es tatsächlich relevante Rüstungs und Drohnenkapazitäten mitten in Kiew?

Markus Reisner: Kiew ist eine Großstadt mit umfangreicher Infrastruktur und als solche beherbergt sie auch viele Industriebetriebe. Tatsächlich werden auf dem Stadtgebiet dezentral verteilt vermutlich Drohnen- und Rüstungsproduktion stattfinden.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Moskau fordert ausländische Diplomaten explizit auf, Kiew zu verlassen, die EU Botschafterin widerspricht demonstrativ. Ordnen Sie diese Drohung gegen Botschaften als rein psychologische Kriegsführung ein?

Dahinter steckt aus meiner Sicht eine ganze Reihe von Gründen. Zuvorderst besteht an der Front eine Pattsituation. Auf der taktisch-operativen Ebene hat es die Ukraine geschafft, den Vormarsch der Russen für den Moment zu beenden. Es gibt zwar punktuell noch Vorstöße der Russen, aber das Ganze ist mit sehr hohen Verlusten verknüpft. Auf der strategischen Ebene sind dadurch Voraussetzungen für eine Eskalation an alternativer Stelle gegeben – von beiden Seiten. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten eine massive Zunahme der Angriffe von ukrainischer Seite auf russisches Staatsgebiet gesehen, so wie auch die Russen beginnen, das zu beantworten.

Wie stark steht Russland jetzt unter Druck?

Am russischen Nationalfeiertag, am 9. Mai, gab es keine ukrainischen Angriffe, das haben die Russen mithilfe der von US-Präsident Donald Trump vermittelten Waffenruhe geschafft. Dann aber folgten die massiven Luftangriffe auf Moskau. Spätestens nach dem Drohnenangriff auf das Studentenwohnheim in Starobilsk in der russisch besetzten ukrainischen Region Luhansk mit mehr als einem Dutzend Toten stieg der Druck auf Putin immens. Die russische Regierung musste gegenüber der eigenen Bevölkerung erklären, wie es sein kann, dass einerseits diese Luftangriffe auf Moskau überhaupt möglich sind im fünften Jahr des Krieges – und andererseits Vergeltung für diesen Angriff auf die Hochschule üben. Als Reaktion gibt es nun zunehmende verschärfte russische Angriffe, was auf eine Eskalation im Bereich der Luftkriegsführung hindeutet.

Russland stellt den ukrainischen Drohnenangriff auf das Studentenwohnheim als gezielten Schlag gegen unschuldige Jugendliche dar, verschweigt aber offenbar, dass dort Drohnen gebaut und Rekruten geschult worden sein sollen.

Richtig. Wir haben also zwei Narrative. Der ukrainische Generalstab hat erklärt, dass er in Starobilsk das Hauptquartier der russischen Drohnenausbildungseinheit getroffen hat. Die russische Seite spricht hingegen von getöteten Zivilisten – das wiederum bezeichnet der ukrainische Generalstab als manipulative Informationen. In Kriegszeiten geht es auch darum, den eigenen Informationsraum zu dominieren. Beide Seiten versuchen, ihre Fehler kleinzureden oder darauf hinzuweisen, dass der jeweils andere sich nicht an das humanitäre Völkerrecht hält. oder das Völkerrecht nicht in Frage stellt.

Russland und Belarus üben den Einsatz taktischer Atomwaffen, gleichzeitig warnt Rosatom am AKW Saporischschja nach wiederholten Drohnenangriffen vor einem „Punkt ohne Rückkehr“. Sehen Sie hier eine militärische Eskalationsgefahr – auf der konventionellen oder nuklearen Ebene?

Keine Seite hat ein ernsthaftes Interesse daran, einen Nuklearkrieg oder eine nukleare Eskalation auszulösen. Bislang haben die verantwortlichen Parteien versucht, die Situation wieder zu entschärfen. Aber jedes Mal, wenn sich die Russen in die Ecke gedrängt fühlen, führen sie für die Signalwirkung die Einsatzweise ihrer militärischen Mittel vor. Das sieht man daran, wie Russland jetzt die potenten Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt hat – zum dritten Mal.

Der Oreschnik-Einsatz hatte also immer eine Bedeutung?

Wenn wir uns die drei Einsätze bisher ansehen, erkennt man ein klares Muster. Der erste fand im November 2024 statt – als Reaktion darauf, dass westliche, vor allem amerikanische weitreichende Waffensysteme bei Kursk gegen Ziele in Russland eingesetzt wurden. Das war eine Antwort auf die neue Qualität westlicher Technik im Kriegsgeschehen. Der zweite Einsatz erfolgte im Januar 2026. Dieses Mal war er vor allem als Signal an US-Präsident Donald Trump zu verstehen, nachdem bekannt geworden war, dass die CIA die Ukraine bei der Zielaufklärung unterstützt und damit begonnen hat, russische Tanker festsetzen zu lassen.

Und was bedeutet der aktuelle Einsatz?

Mit der Oreschnik-Rakete sendet Moskau ein Signal an die Europäer, die Kiew bei Angriffen auf Russland unterstützen. Oreschnik ist für Europa bedrohlich, weil man sich dagegen kaum wirksam verteidigen kann – zumal moderne auf europäischen Boden stationierte Raketenabwehrsysteme vor allem in amerikanischer Hand sind und die Europäer bisher nur begrenzte eigene Fähigkeiten besitzen. Erst mit Initiativen wie der Beschaffung des israelischen „Arrow“-Systems könnte die Bundeswehr perspektivisch in der Lage sein, sich gegen solche Raketen zu schützen.

Es handelt sich also um eine Art Warnschuss in Richtung der europäischen Ukraine-Unterstützter?

Russland sendet damit die Botschaft: Wir wissen genau, dass die Ukraine aufgrund eurer europäischen Unterstützung zu weitreichenden Schlägen in unser Hinterland fähig ist – und wir werden das unterbinden. Da Putin angesichts ukrainischer Angriffe in Erklärungsnot ist, lenkt der Kreml den Blick weg von der stagnierenden Front auf den Luftkrieg. Er erzählt das Narrativ, die Nato Staaten würden der Ukraine helfen, einen weitreichenden Drohnenkrieg zu führen.

Die Ukraine hat auch eine zentrale Ölpumpstation in der russischen Region Wladimir getroffen, hinzu kommen fortgesetzte Drohnenangriffe auf die Grenzregion Belgorod mit Schäden an Energie Infrastruktur. Erreicht die Ukraine damit eine echte Beeinträchtigung der russischen Kriegslogistik?

Das werden wir erst mit zeitlichem Abstand beurteilen können, weil sich die Folgen solcher Schläge oft erst nach Wochen oder Monaten in den Zahlen niederschlagen. Wenn die Zerstörung der Öl Infrastruktur dazu führt, dass Russlands Deviseneinnahmen messbar sinken, fehlt Moskau mittelfristig Geld für die Kriegsführung. Nach den bisherigen Daten wurden allein in den vergangenen drei Monaten rund 10 bis 15 Prozent der russischen Raffineriekapazität getroffen. Zusammen mit älteren Angriffen dürfte inzwischen etwa ein Viertel des Verarbeitungs und Exportpotenzials beeinträchtigt sein. Das ist schmerzhaft, aber noch nicht so existenziell, dass Russland in die Knie gezwungen würde.

Es gibt viele Berichte, die Ukraine habe die Nachschubachsen Richtung Cherson und Krim zur „Todeszone“ gemacht, insbesondere mit Drohnenangriffen rund um Mariupol auf Lkw Kolonnen. Wird zumindest dadurch die russische Kriegslogistik im Süden nachhaltig gestört?

Hinter diesen Attacken der Ukrainer steht die Absicht, die russischen Kräfteverschiebungen für eine mögliche Sommeroffensive zu stören. Dieses Muster kennen wir aus den vergangenen Jahren – neu ist, dass die ukrainischen Mittel und Langstreckendrohnen zunehmend tief nach Russland und in die besetzten Gebiete hineinwirken und dort tatsächlich weh tun. Wie nachhaltig das alles die russische Kriegslogistik schwächt, wird sich aber erst in den kommenden Wochen zeigen. Falls die Sommeroffensive zum Beispiel ausbleiben würde, könnte man sagen: Ja, die ukrainische Seite hat es tatsächlich geschafft, in diesem Jahr die Russen so unter Druck zu bringen, dass es zu keiner Offensive kommt.

Wo toben momentan noch heftige Kämpfe?

Das Schwergewicht der Kämpfe liegt derzeit im Mittelabschnitt der Front, rund um Kostjantyniwka. Russland behauptet, bereits etwa ein Drittel der Stadt eingenommen zu haben und sie von zwei Seiten einzukesseln. Bestätigen lässt sich das so nicht. Die ukrainische Versorgung funktioniert weiterhin bis hinein in die Stadt, auch wenn russische Elite Drohneneinheiten wie Rubikon gezielt die Logistik angreifen.

Wie reagiert Kiew?

Die Ukraine versucht, spiegelbildlich die russischen Versorgungswegen abzuschneiden – und ihre eigenen Kräfte zugleich so zu verteilen, dass sie Angriffe im Norden und Süden abwehren kann, ohne den Mittelabschnitt ausdünnen zu müssen. In dieses Bild passt auch die russische Drohung, eventuell von belarussischem Gebiet aus anzugreifen: Es geht darum, die Ukraine zu zwingen, ihre Truppen auf viele Fronten zu verteilen und kein klares Schwergewicht mehr bilden zu können. Dieses Konzept versucht die russische Armee seit zwei Jahren durchzusetzen. Bislang konnte sie die ukrainischen Linien so aber nicht durchbrechen.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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