Mit einer Protestaktion legen morgen Anwohner die Brennerautobahn A13 lahm. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen das massive Verkehrsaufkommen und die Folgen. Von der Politik fühlen sie sich alleingelassen.
Wenn Sabine Spari-Gaugg im Bett liegt, hört sie jeden Tag das gleiche Geräusch: Verkehrslärm. Nur einzelne Stunden in der Nacht hat sie mal Ruhe. Die 52-Jährige wohnt in Matrei am Brenner. Vor sieben Jahren ist sie für ihren Mann – einen gebürtigen Matreier – hierher gezogen. Seitdem hat der Verkehr am Brenner immer mehr zugenommen.
Alle 20 Sekunden würde ein Auto vorbeifahren, berichtet Spari-Gaugg. „Wir sind eingegrenzt von Lärmpegeln. Direkt neben mir die Bundesstraße und wenn ich ein Stück weiter hoch schaue, dann sehe ich die Brennerautobahn.“ Es gebe zwar Lärmschutzwände, aber die hätten nicht die Höhe von den Lkw, der Lärm wäre trotzdem zu hören.
Lebensqualität sei durch Autobahn eingeschränkt
Die Wohnung, in der Spari-Gaugg und ihr Mann leben, befindet sich direkt neben der Bundesstraße. Viele benutzen die als Umgehungsstraße. Knapp zwölf Millionen Autos und 2,4 Millionen Lkw fahren jährlich über den Brenner.
„Wir können tagsüber kein Fenster öffnen, wir können nicht fernsehen, wenn ein Fenster gekippt ist. Keinen Besuch empfangen, weil einfach der dauernde Lärm unsympathisch ist. Das ist einfach keine Qualität, keine Lebensqualität“, sagt Spari-Gaugg.
Bürgermeister hat Demo organisiert
Ändern will das jetzt der Bürgermeister einer Nachbargemeinde. Karl Mühlsteiger aus Gries am Brenner. Er sorgt dafür, dass es am kommenden Samstag kurz still ist im Wipptal. Er hat die Demo auf der Autobahn initiiert. „Das ist ein Hilfeschrei des Wipptales, dass es so mit dem Transit nicht mehr weitergehen kann und nicht mehr weitergehen darf“, fordert Mühlsteiger. Es solle ein Zeichen sein, dass hier die hohe Politik auf Bundesebene und auf Brüsseler Ebene endlich in die Gänge komme, das Problem zu lösen, „was wir seit Jahrzehnten aushalten müssen, im Wipptal“.
Konkret fordern die Wipptaler einen besseren Lärmschutz an der kompletten Brennerautobahn. Außerdem soll das bestehende Nacht- und Wochenend- und Feiertagsfahrverbot beibehalten werden. Lkw, die über den Brenner fahren, sollen außerdem mehr Maut zahlen. Seit die Autobahn in den 1970er-Jahren in Betrieb ging, hat sich das Verkehrsaufkommen versiebenfacht. Und es ist nicht nur der Lärm, der die Wipptaler belastet.
Angst vor gesundheitlichen Folgen
„Bei uns sind einfach die Fenster schwarz, wir haben überall Staub in der Wohnung. Also jeden Tag, es gibt keinen Tag, wo du nicht Staub auf den Möbeln hast“, erzählt eine Anwohnerin.
Der Feinstaub macht den Wipptalern aber auch aus gesundheitlicher Perspektive Angst. Bürgermeister Mühlsteiger erklärt: „Leider gibt es für diesen Feinstaub laut EU keine Grenzwerte, die eingeführt worden wären.“
Gesundheitsstudien würden besagen, dass es nicht Lungenkrebs sein muss, den man in so einer transitgeplagten Gegend bekommen könnte, mittlerweile wären sämtliche Krebserkrankungen in der Region zu verzeichnen. Vom Gehirntumor bis zum Leber- oder Nierenzellkarzinom. „Und natürlich hat man da schon für die Zukunft eine gewisse Angst, dass das noch weiter ausarten könnte, in dieser Richtung.“
Dazu kommt: Wegen den Staus auf den Bundesstraßen haben Krankenwagen und Feuerwehr oft Schwierigkeiten, an den Einsatzort zu kommen. Die Einheimischen selbst sitzen oft im Ort fest.
Bayerns Verkehrsminister sieht Demo kritisch
Die letzte große Demo auf der Brennerautobahn gab es vor gut 26 Jahren. Auch damals war Mühlsteiger schon dabei, als Teenager. „Hätte mir aber nie gedacht, dass ich ein Initiator sein werde für die darauffolgende Demo“, sagt Mühlsteiger.
Damit diese Demo überhaupt stattfinden konnte, musste Mühlsteiger sogar vor Gericht ziehen. Zweimal wurde sie im Vorfeld abgelehnt. Denn manche sehen eine Vollsperrung der Brennerautobahn auch kritisch. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) beispielsweise bezeichnete die mit der Demo verbundene Sperrung als „Knüppel zwischen die Beine der Logistikbranche“.
Doch Mühlsteiger bleibt überzeugt: „Ich bereue keinen einzigen Schritt, den ich bisher gemacht habe in der Sache. Weil es einfach um den Lebensraum und die Lebensqualität der einheimischen Bevölkerung geht.“

