Sie heißen Wolfsburg und WernerWas Sie noch nicht über ICEs wussten

Die Bahn feiert das Jubiläum des ICE. Von vielen Reisenden gehasst, sind die Züge ein wahres Wunderwerk der Technik. Wissen Sie etwa, was elektrotropes Glas ist, warum manche ICEs sehr schief in Kurven fahren oder warum ein Zug Franz-Josef heißt?
Seit 35 Jahren sind ICE-Züge in Deutschland tagtäglich Tausende Kilometer auf Reisen. Vermutlich jeder im Land weiß, dass die Züge nicht immer pünktlich sind, die Klimaanlagen teilweise nicht ganz zuverlässig laufen und der Bahnbetrieb generell problembehaftet ist. Doch nicht alles ist schlecht. Die Bahnen können auch zum Schmunzeln und Staunen anregen.
Für viele ist klar: ICE steht Intercity-Express. Das war aber nicht immer so. Ursprünglich stand ICE für den InterCityExperimental, der nun wiederum als ICE V bekannt ist. Der Experiment-ICE war die Vorstufe der heutigen ICEs. Politik und Bahnwirtschaft erprobten damit den Hochgeschwindigkeitsverkehr in Deutschland. Und das bei ordentlichem Tempo: 1988 fuhr solch ein InterCityExperimental mit über 409 Kilometern pro Stunde durch das Land. Eine Geschwindigkeit, die seitdem kein ICE mehr erreicht hat.
Als dann im Sommer 1991 der erste reguläre Schnellzug fahren sollte, war die Bevölkerung bereits so vom ICE elektrisiert, dass die Abkürzung unbedingt beibehalten werden sollte. Die Bundesbahn überlegte daraufhin, wie sie den Zug benennen könnte, damit die Abkürzung ICE bestehen bleiben kann. Damit war der Intercity-Express geboren.
Während Otto-Normalreisende eher Zugtypen unterscheiden, steigen Bahn-Mitarbeitende und einige Fans tiefer in die Materie ein. Sie sprechen von Baureihen, die die verschiedenen Merkmale der Züge unterscheiden. Jede ICE-Generation bekommt eine neue Baureihennummer. So kann man etwa einen ICE 1 technisch von einem ICE 2 unterscheiden. Selbst innerhalb einer Generation kann es mehrere solche Nummern geben, wenn sich wesentliche Merkmale eines Zuges unterscheiden.
Phänomen Baureihen
Fast jeder kann einen ICE und einen Regionalexpress auseinanderhalten. Das geht allein aufgrund der Farbgebung ganz einfach (ICE = weiß, Regio = rot). Wer zumindest gelegentlich mit dem Intercity-Express fährt, kann sogar einen ICE 4 (eckiges Design, oft sehr lange Züge) von einem ICE 3 (sehr runde Front) unterscheiden. Doch wie sieht’s mit der Differenzierung zwischen einer Baureihe 403 und 406 aus?
Beide Baureihennummern stehen für einen ICE 3. Die 403er fahren innerdeutsch, mit den 406er-Zügen geht es auch ins benachbarte Ausland. Die internationalen ICE-Züge gleichen fast den heimischen. Jedoch boten sie zur Auslieferung fünf bis sechs Sitzplätze weniger, weil neue Schaltschränke eingebaut werden mussten, damit die Züge auch in Frankreich, den Niederlanden oder anderen Ländern fahren konnten. Wichtig sind spezielle Schutzeinbauten wie Zugbeeinflussungssysteme, die sich von Land zu Land unterscheiden.
Mit der Zeit änderte sich nicht nur das Management der Bahn, auch der technische Antrieb der ICEs ist heute ein anderer als in den Anfangsjahren. Die ersten beiden Generationen, die ICE 1 und ICE 2, die zum Teil bereits ausgeflottet werden, fahren durch die Zugkraft eines Trieb- oder Steuerwagens. Das sind Lok-ähnliche Wagen an der Spitze des Zuges, die das ganze Gespann hinter sich herziehen. Neuere ICE-Generationen sind hingegen komplette Triebzüge: Die Antriebseinheiten wurden auf gesamter Länge unter dem Zug verbaut. Zwei Drittel der ICE-Drehgestelle treiben den Zug an. Das sorgt für ein besseres Bremsverhalten auch bei hohem Tempo, der ICE 3 ist immerhin bis 320 Kilometer pro Stunde zugelassen und somit einer der schnellsten Züge der Welt. Darüber hinaus ermöglicht der neuartige Antrieb eine stärkere Beschleunigung.
Intelligentes Glas im ICE 3
Der ICE 3 stellte mit seiner Einführung ab dem Jahr 2000 eine kleine Revolution dar. Während sich für viele Reisende ICE 1 und 2 nur unwesentlich unterschieden, kamen mit dem 3er viele Neuerungen auf die Gleise. Die wohl spektakulärste: Passagiere konnten erstmals dem Fahrer über die Schulter schauen. Möglich machen das spezielle Glasscheiben im vordersten Wagen. Diese sind so gestaltet, dass theoretisch aus dem Lounge genannten Sitzbereich an der Zugspitze freie Sicht auf den Triebfahrzeugführer und die Strecke herrscht. Über einen Druckknopf kann der Fahrer jedoch elektrische Spannung von der Scheibe nehmen, was für eine Milchglasoptik sorgt. Die Rede ist hier von elektrotropem, intelligentem oder auch schaltbarem Glas. Der umgangssprachlich Lokführer genannte Triebfahrzeugführer aktiviert diese Funktion, wenn er sich beispielsweise abgelenkt fühlt von dem Geschehen hinter seinem Rücken.
Vielleicht hat eine ICE-Fahrt auf einer kurvenreichen Strecke bei Ihnen schon mal für Unwohlsein gesorgt? Es gibt zwei Baureihen – die 411 und 415 -, die sich wie Motorradfahrer in Kurven legen können. Über eine besondere Konstruktion des Unterbodens neigen sich die Wagenkästen bei Kurvenfahrten. Auf diesem Weg kann der ICE T beziehungsweise ICE TD genannte Intercity-Express Kurven mit mehr Tempo nehmen. Das bringt vor allem in bergigen und kurvenreichen Regionen einen Zeitvorteil, der jedoch zulasten mancher Reisender geht. Nicht jeder Körper verkraftet dieses In-die-Kurve-legen problemlos.
Fluch und Segen der Zugteilung
Apropos ICE 3 und ICE T/TD: Bis heute kommt es immer wieder vor, dass relativ kurze Züge miteinander verbunden werden und in der sogenannten Doppeltraktion fahren. Das geht bei den beiden Gattungen sowie dem jüngeren ICE 4 ganz einfach. Zwei Züge teilen sich einen gemeinsamen Startpunkt und trennen sich auf dem Weg zu unterschiedlichen Zielen oder aber kommen von unterschiedlichen Bahnhöfen und verbinden sich auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel. Fast 100 Jahre lang geschah die Zugteilung, das sogenannte Flügeln, derart häufig in Hamm in Westfalen, dass der Ort den inoffiziellen Ruf als „Stadt der Zugteilung“ innehatte. Seit Dezember 2023 werden jedoch generell deutlich weniger Züge geflügelt.
Zwar war es im Betriebsablauf praktisch, zwei Züge fahren lassen zu können, ohne komplettes Personal zweier Züge zu benötigen. Doch Reisende mussten gut aufpassen, in welchen Zugteil sie stiegen, um ihr Ziel zu erreichen. Nicht selten herrschte am Bahnhof der Zugteilung – also vor allem in Hamm – Chaos auf dem Bahnsteig, weil manche Passagiere noch schnell aus den hinteren Wagen in die vorderen umsteigen mussten oder umgekehrt.
ICEs mit dem Namen Wolfsburg, Elsterwerda, Jutta
Dass Züge nach Städten, Regionen und in einigen seltenen Ausnahmen nach Persönlichkeiten benannt werden, ist den meisten Reisenden klar, wenn sie vor einem ICE stehen. Der jeweilige Name, beispielsweise Wolfsburg, Elsterwerda oder Naturpark Schönbuch, wurde außen dran geklebt. Doch es gibt weitere Namen, die oft im Verborgenen bleiben: Alle Triebzüge der Baureihe 605, das sind die dieselbetriebenen ICE-T-Modelle – streng genommen ICE TD – tragen intern die Vornamen von Personen, die an der Entwicklung der Züge beteiligt waren. Sie heißen Werner, Jutta oder auch Franz-Josef. Wenn der Fahrer die elektrotrope Scheibe freigibt, können Reisende die Namen im Führerstand kleben sehen.
Letzter Fakt zum Prahlen auf einer Bahnreise: Der ICE L, der neueste Zug in der Familie des DB-Fernverkehrs, sollte ursprünglich ein IC werden, also ein Intercity. Deutlich wird das jetzt Passagieren vor allem am niedrigen Tempo. Mehr als 230 Kilometer pro Stunde bringt der 256 Meter lange Zug nicht auf die Schienen, das macht ihn zum langsamsten seiner Art. Mehr als 580 Reisende finden in dem Zug Platz. Vermutlich weil er komfortabel eingerichtet wurde und viele Innovationen bietet, entschied sich die Bahn womöglich dazu, ihn doch als ICE zu vermarkten. Offiziell äußert sich der Staatskonzern nicht zu diesem Vorgang.
