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Politik

Missbrauchsnetzwerk: Wie Epstein Jagd auf Frauen in Europa machte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 2, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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exklusiv

Stand: 02.06.2026 • 06:00 Uhr

Jeffrey Epstein nutzte systematisch die Modelbranche, um Missbrauchsopfer zu finden. Recherchen von NDR, WDR und SZ zeigen: Mindestens 19 europäische Frauen wurden von mehreren Scouts dem Sexualstraftäter zugeführt.

Von Jana Heck, WDR, Sebastian Just, Anna Klühspies, Annette Kammerer und Elena Kuch, NDR

Sie sprachen gezielt junge Frauen an, weckten Hoffnungen auf eine Model-Karriere: Im Auftrag von Jeffrey Epstein rekrutierten offenbar mindestens fünf Personen als vermeintliche Modelscouts in Europa junge Frauen. Einige der Frauen wurden so später mutmaßlich zu Missbrauchsopfern. Durch die Auswertung der vom amerikanischen Justizministerium veröffentlichten Epstein-Akten und weiterer Dokumente konnten NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung 19 Europäerinnen namentlich identifizieren, die offenbar über diesen Weg Epstein trafen.

Weitere Dutzende Fälle von Frauen aus Europa und Russland, die mutmaßlich in Epsteins Missbrauchsnetzwerk gerieten, ließen sich aufgrund der Unvollständigkeit der Dokumente nicht ausreichend verifizieren. Es ist daher von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

In ganz Europa auf der Suche

Die Akten und darauf aufbauende Recherchen zeigen einen immer ähnlichen Weg von Täuschung über Abhängigkeit bis hin zur sexuellen Ausbeutung: Epsteins Modelscouts waren in ganz Europa auf der Suche nach jungen, attraktiven Frauen, die sie gezielt ansprachen und denen sie in Aussicht stellten, als Model erfolgreich werden zu können.

Die Frauen sendeten anschließend Fotos von sich an die Scouts, die diese an Epstein weiterleiteten – häufig unter Angabe von Nationalität und Alter. Gefielen ihm die Fotos, wurde in der Regel ein erstes Kennenlerngespräch über den Online-Dienst Skype oder an einem von Epsteins Wohnsitzen vereinbart.

Auch für Mara (Name geändert) wurde dieses Vorgehen zum Verhängnis. Sie ist eine der Frauen, die NDR, WDR und SZ aufgrund der unzureichenden Schwärzung der Epstein-Akten durch das US-Justizministerium identifizieren konnten. Mara, die ursprünglich aus Osteuropa stammt, berichtet, Mitte der 2000er-Jahre, als sie Anfang 20 war, in einem Nagelstudio in Spanien von einem Mann angesprochen worden zu sein. Sein Name: Daniel S. Er habe ihr Komplimente gemacht, von seinen Verbindungen in der Modelbranche erzählt. „Als ich das hörte, war ich natürlich total begeistert, denn ich wollte schon immer Model werden“, erinnert sich Mara.

1.800 Treffer in den Epstein-Akten

Eine Suche in den Epstein-Akten nach dem vollständigen Namen von Daniel S. liefert mehr als 1.800 Treffer. Der schwedische Staatsbürger, der in Frankreich wohnen soll, schickte Epstein zwischen 2005 und 2019 Fotos von mindestens 52 verschiedenen Frauen – überwiegend Europäerinnen.

Meist handelte es sich um Frauen im Alter von 18 bis 23 Jahren; mindestens eine der Betroffenen war zu dem Zeitpunkt noch minderjährig. Epstein war seit 2008 verurteilter Sexualstraftäter. Wie viele dieser von S. angebotenen Frauen letztlich Kontakt mit Epstein hatten, geht aus den Akten nicht eindeutig hervor.

Daniel S. stellte auch die Verbindung zwischen Epstein und Mara her. Nach einem ersten Austausch über Skype arrangierte Epstein einen Flug für sie zu sich nach Florida und kümmerte sich um ihr Visum. Mara erzählt, dass sie zu diesem Zeitpunkt immer noch davon ausging, es handele sich um ein Vorstellungsgespräch für einen Modeljob.

Model schildert wiederholten sexuellen Missbrauch

Das habe sich erst geändert, als sie Epstein persönlich traf. „Er meinte, dass Modeln vielleicht doch nicht der richtige Weg sei, dass er auch auf andere Weise helfen könne“, sagt sie im Interview. Epstein habe ihr eine Stelle als Assistentin angeboten. Was folgte, so schildert es Mara, war wiederholter sexueller Missbrauch und ein fast zweijähriges Abhängigkeitsverhältnis. Daniel S. und seine Anwältin ließen Fragen dazu unbeantwortet.

Auch der New Yorker Anwalt Arick Fudali, der elf Betroffene Epsteins vertritt, ist überzeugt, dieser habe den Traum vom Laufsteg für seine Zwecke genutzt. Epstein selbst bezeichnet er als „Meister der Manipulation“: „Er war sehr geschickt darin, Einflussmöglichkeiten oder Schwachstellen bei seinen Opfern zu erkennen (…) und er nutzte das aus, um sie zu kontrollieren und sie dazu zu zwingen, alles zu tun, was er von ihnen verlangte“, so Fudali.

In einem Video auf der Plattform X weist Daniel S. jegliches Fehlverhalten zurück. Er arbeite als professioneller Modelscout und habe Frauen ausschließlich als Models an Epstein vermittelt. Von dessen strafbaren Handlungen habe er zu dieser Zeit keine Kenntnis gehabt. Das Statement wurde inzwischen wieder gelöscht, in französischen Medien wiederholte er die Aussage. Auf Fragen an ihn und seine Anwältin erhielten NDR,WDR und SZ keine Antwort.

Vier weitere Personen identifiziert

Neben Daniel S. konnten NDR, WDR und SZ noch vier weitere Personen aus der Modelbranche identifizieren, die Epstein mutmaßlich Frauen aus Europa vermittelten. Dazu gehört auch der französische Modelagent Jean-Luc Brunel, der seit den 1980er-Jahren selbst wiederholt im Zentrum von Missbrauchsvorwürfen stand.

Arick Fudali berichtet gegenüber NDR, WDR und SZ von dem Fall seiner Mandantin Roza, die 2009 im Alter von 18 Jahren von Brunel an Epstein vermittelt worden sein soll. In den folgenden 22 Monaten missbrauchte sie Epstein ihrer Aussage nach mehr als 50 Mal. „Jean-Luc Brunel hat ihr erzählt, sie könne in die USA gehen, um Model zu werden. Sie war natürlich begeistert von dieser Idee“, erzählt er. „Es war einfach eine Methode, sie zu täuschen, ihre Hoffnungen und Träume zu wecken und sie dann dadurch zu kontrollieren“, so der Anwalt weiter.

Verurteilung 2008

Epstein wurde 2008 in den USA unter anderem wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen zu einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt, von der er weniger als 13 Monate verbüßte. Anschließend musste er ein Jahr im Hausarrest verbringen – was ihn laut Fudali nicht von Rozas Missbrauch abhielt, der auch in dieser Zeit stattgefunden haben soll. 2019 wurde Epstein erneut verhaftet; kurz darauf nahm er sich laut offiziellen Angaben das Leben. Schätzungen des US-Justizministeriums gehen von mehr als 1.000 Opfern aus, die von seinem Netzwerk betroffen waren.

Ebenfalls 2019 leitete die Pariser Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Fall Epstein Ermittlungen gegen Jean-Luc Brunel ein: Neben Vorwürfen der Vergewaltigung und sexueller Nötigung ging es um den Verdacht, er habe für den Finanzier junge Mädchen und Frauen angeworben und untergebracht. Der Modelagent nahm sich 2022 in Haft das Leben, bevor ein Prozess eröffnet werden konnte.

Im Gespräch mit NDR, WDR und SZ streitet Brunels langjährige Anwältin Marianne Abgrall alle Vorwürfe gegenüber ihn ab. Ihr Mandant habe Models angeworben, damit diese für seine Agentur arbeiten konnten. Die Anschuldigungen, er habe Mädchen und Frauen für Epstein persönlich rekrutiert, seien rechtlich nicht haltbar gewesen. Auch die Vergewaltigungsvorwürfe habe er immer wieder bestritten. Roza habe er Epstein lediglich im Rahmen eines Fotoshootings vorgestellt. Dass Epstein sie sexuell missbrauchte, habe ihr Mandant nicht gewusst.

Sonderermittlungseinheiten wegen Menschenhandels

Seit der Verurteilung der Epstein-Komplizin Ghislaine Maxwell im Jahr 2022 zu 20 Jahren Haft, gab es in den USA keine weiteren Strafverfahren gegen mutmaßliche Mitbeteiligte. In mehreren europäischen Staaten, darunter Frankreich, Polen und Lettland, wurden nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten in diesem Jahr Sonderermittlungseinheiten wegen Menschenhandels eingerichtet.

In Frankreich haben sich laut Angaben der Pariser Staatsanwaltschaft im Fall Epstein etwa 20 mutmaßlich betroffene Frauen gemeldet – unter anderem eine aus Deutschland, die anonym bleiben möchte. Wie viele von ihnen durch Model-Versprechen zu Epstein gelangt sein könnten, geht aus den Angaben nicht hervor.

Doch waren die Karriereversprechen, die die Modelscouts den Frauen bei der Vermittlung an Epstein gaben, immer nur leere Worte? „Einige von ihnen haben wahrscheinlich hier und da ein paar Modeljobs bekommen“, sagt Arick Fudali und spekuliert: „Um den Schein zu wahren.“ NDR, WDR und SZ haben alle betroffenen Frauen kontaktiert, die im Rahmen dieser Recherche in den Akten identifiziert werden konnten. Viele von ihnen sind oder waren als Models tätig.

Ob sie über Epstein in die Modelbranche kamen und wie viele von ihnen sexuellen Missbrauch durch ihn erlebten, ist unklar. Fast alle ließen eine Anfrage unbeantwortet.

Mehr zum Thema sehen Sie in der team.recherche Dokumentation „Epstein Files: Jagd nach Models in Europa“ in der ARD Mediathek.

Was sind die Epstein-Files?

Die sogenannten Epstein-Files bezeichnen eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten, Zeugenaussagen und Gerichtsunterlagen rund um den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Der US-Multimillionär soll über Jahre hinweg ein Netzwerk zum sexuellen Missbrauch junger Frauen und Minderjähriger aufgebaut haben. Epstein wurde 2019 erhängt in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, bevor es zu einem Strafprozess kommen konnte.

Im Mittelpunkt der Epstein-Files stehen Gerichtsakten aus Zivilprozessen, vor allem aus einem Verfahren der Epstein-Vertrauten Ghislaine Maxwell, die 2021 wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verurteilt wurde. Viele dieser Unterlagen waren lange unter Verschluss. Anfang 2024 ordnete ein US-Gericht an, zahlreiche Dokumente öffentlich zugänglich zu machen. Es folgten weitere Veröffentlichungen.

Die Akten enthalten unter anderem Aussagen von Opfern und Zeugen, E-Mails, Fotos, Videos sowie Namen von Personen, die mit Epstein in Kontakt standen. Darunter finden sich Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die bloße Nennung eines Namens bedeutet keine Schuld. Zahlreiche Personen werden lediglich erwähnt, ohne dass ihnen strafbares Verhalten vorgeworfen wird.

Die Akten belegen, wie weitreichend Epsteins Kontakte waren und wie er offenbar seinen Reichtum und Einfluss nutzte, um sich und andere Beteiligte zu schützen. Zugleich zeigen sie, dass Justizbehörden schon früh Hinweise auf mögliche Straftaten Epsteins hatten. So meldeten sich bereits Anfang der 2000er-Jahre mehrere junge Frauen bei Polizei und Staatsanwaltschaft, ohne, dass es zu einer umfassenden Strafverfolgung kam. Eine vollständige Aufarbeitung steht bis heute aus.

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Dr. Heinrich Krämer
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