interview
Im Libanon haben sowohl Israel als auch Iran handfeste Interessen, analysiert der Nahost-Experte Daniel Gerlach. Im Interview spricht er über Kriegsziele, verworrene Kommunikation – und welche Rolle Trump dabei spielt.
tagesthemen: Teheran will die Verhandlungen mit den USA wegen des Vorgehens Israels im Libanon beendet haben. Aber US-Präsident Donald Trump sagte am Abend, das stimme nicht. Die Gespräche gingen in raschem Tempo weiter. Wie schätzen Sie das ein?
Daniel Gerlach: Beide können irgendwie für sich in Anspruch nehmen, dass sie recht haben. Denn die direkten Gespräche gehen nicht weiter, aber über Unterhändler und Zwischenhändler werden weiterhin Gespräche geführt. Dazu gehörte Pakistan, dazu gehört aber auch zunehmend das Emirat Katar. Und es gibt ja auch Gespräche zwischen Libanon, Israel und den US-Amerikanern in Washington. Es gibt also verschiedene Kanäle, über die kommuniziert wird.
Und ein ganz entscheidender Punkt ist: Auch innerhalb Irans gibt es verschiedene Mächte, die unterschiedliche Dinge kommunizieren, unter anderem auch aus strategischem Interesse. Die Nachrichtenagentur der Revolutionsgarde hat einen anderen Ton und gibt andere Nachrichten raus als der iranische Außenminister.
Und dass es auf der amerikanischen Seite ein großes Durcheinander in der Kommunikation gibt, das wissen wir. Trump hat jetzt gesagt, Israel habe ihm zugesichert, doch keine Truppen nach Beirut zu schicken. Es war aber überhaupt nicht die Rede von Truppen nach Beirut. Es war die Rede von Luftangriffen auf die südlichen Vororte von Beirut. Netanjahu hatte angekündigt, dass er das durchführen werde. Von Truppen war diesbezüglich nie die Rede, und insofern muss man sich darauf einstellen, dass es auch in den nächsten Wochen ein Kommunikationschaos geben wird, das teilweise beabsichtigt ist und teilweise ungewollt.
Zur Person
Daniel Gerlach ist Autor, Publizist und Experte für Nordafrika, den Nahen Osten und die muslimische Welt. Er ist u. a. Chefredakteur des Magazins zenith. Das Magazin beschäftigt sich mit der Lage in der islamisch-arabischen Welt.
„Trump scheint sich da sehr unter Druck gesetzt zu fühlen“
tagesthemen: Schauen wir auf den Konflikt Israel-Hisbollah, der mit der Lage USA-Iran verzahnt ist. Mittlerweile ist die israelische Armee so weit in den Süden des Libanon vorgedrungen wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Was bezweckt Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu mit seinem aktuellen Vorgehen im Libanon?
Gerlach: In der Sprache von Netanjahu hängen diese Kriege historisch miteinander zusammen, sowohl der 7. Oktober als auch die Auseinandersetzung mit Iran als auch der Krieg im Libanon. Das bezeichnet er in seinen Reden ganz klar als einen großen Krieg von „Revival“, also das Wiederauferstehen Israels nach dem 7. Oktober.
Es hängt aber auch geopolitisch zusammen, denn auch die Iraner haben den Krieg im Libanon und die Verhandlungen um den Libanon zum Bestandteil der Verhandlungen mit den USA gemacht. Die iranische Regime sagt: „Wir sind angegriffen worden von Israel und von den USA. Durch ein Eingreifen der Hisbollah ist auch der Libanon wieder Kampfplatz geworden.“
Die israelische Führung hat das dankbar angenommen und als Gelegenheit erkannt, jetzt im Libanon Tatsachen zu schaffen. Und jetzt sagen die Iraner: „Einen Deal kann es nur geben, wenn der Libanon dazugehört.“
Und da ist die Machtfrage. Denn Iran möchte zeigen: „Wir sind in der Lage, die Bedingungen zu diktieren. Und wir sind auch in der Lage, über die Straße von Hormus und den Persischen Golf hinaus mit den Amerikanern Vereinbarungen zu treffen.“ Trump scheint sich da sehr unter Druck gesetzt zu fühlen. Und er hat jetzt ja bekannt gegeben, dass er Israel dazu bewegt habe, dass sie den Vormarsch einstellen. Das sagt aber nichts über die Lage im Süden des Libanon aus.
Ich denke, dass die Regierung Netanjahu im Süden des Libanon eine dauerhafte Besatzungszone einrichten möchte, so wie es sie in den 1990er-Jahren gab. Netanjahus großer Rivale in der israelischen Politik, der frühere Premierminister Ehud Barak, ist 2000 aus dem Libanon abgezogen, hat die Besatzung beendet. Ich denke, dass das für Netanjahu ein Fehler war, den er rückgängig machen möchte.
„Der Preis für die libanesische Bevölkerung ist inakzeptabel“
tagesthemen: Im Libanon werden genau deswegen gerade Erinnerungen wach an die langjährige israelische Besatzung im Süden. Könnte dieses Vorgehen Israels nicht am Ende auch die Hisbollah wiederum stärken?
Gerlach: Israelische Truppen haben gerade im Libanon die Festung Beaufort eingenommen, ein Kreuzfahrer-Kastell hoch in den Bergen, von dem aus man verschiedene Teile im Südlibanon, aber auch in Israel und Syrien überblicken kann. Dieses Kastell war in der Zeit des Rückzugs Israels aus dem Libanon 2001 ein Fanal des Scheiterns der israelischen Besatzung, der Tragödie, dass man zwar militärisch obsiegt hat, aber politisch nichts ausrichten konnte. Das droht sich zu wiederholen und wird auch in der israelischen Presse entsprechend kritisiert.
Der Punkt ist nur: Wir können viel darüber sprechen, ob das militärisch sinnvoll ist, ob man die Hisbollah vielleicht doch schlagen kann. Aber der Preis, der der libanesischen Bevölkerung aufgezwungen wird, ist inakzeptabel und hat auch nichts damit zu tun, was der Bundesaußenminister gefordert hat, dass man sich an die Verhältnismäßigkeit der Selbstverteidigung halten müsse. Man vertreibt Hunderttausende Menschen und zerstört ihre Heimat, ihre Dörfer. Das ist nicht in Ordnung, auch wenn es im Einzelfall militärisch gerechtfertigt sein könnte.
„Große Skepsis ist angesagt“
tagesthemen: Trump verkündet, er habe sowohl mit Netanjahu als auch mit Vertretern der Hisbollah gesprochen und beide hätten Zeichen der Deeskalation gesendet, sich darauf hinbewegt. Die Hisbollah soll laut libanesischer Regierung auch eingewilligt haben. Wie schätzen Sie das ein?
Gerlach: Das müsste dann auch umgesetzt werden. Ich denke nicht, dass Trump mit der Hisbollah gesprochen hat, wie er es behauptet hat. Meine Vermutung ist, dass die Verhandlungen über einen sehr bekannten und auch fragwürdigen libanesischen Politiker liefen, Nabih Berri, ein schiitischer Politiker, der Parlamentspräsident ist und seit Jahrzehnten die Geschicke des Libanon mitbestimmt. Berri ist als Garant aufgetreten und hat auch in der Vergangenheit öfter mal Verhandlungen mit der Hisbollah geführt. Dessen Vertreter sitzt derzeit auch in Katar und verhandelt parallel dort mit den Unterhändlern.
Aber es hat in der Vergangenheit immer wieder Ankündigungen gegeben, dass eine Waffenruhe gebe, dass man jetzt endlich diesem Ziel näher rücke. De facto ist nichts passiert. Deswegen ist große Skepsis angebracht, was die Umsetzung dieser angeblichen Waffenruhe betrifft.
Die israelische Führung möchte weiterhin die Hisbollah ausradieren und will dafür auch keine Kompromisse eingehen. Und die Hisbollah kämpft um ihr politisches und militärisches Überleben. Wenn sie nicht irgendwann so geschwächt ist, dass die libanesische Regierung selbst die Sache in die Hand nehmen kann, wird sie weiter bestehen. Und diese Besatzung und dieses Vorgehen wird den Geist der Hisbollah wahrscheinlich auch im Libanon am Leben erhalten beziehungsweise wieder erwecken.
Das Gespräch führte Ingo Zamperoni, tagesthemen. Das Interview wurde für die schriftliche Fassung leicht angepasst.
