marktbericht
Die drohende Zinserhöhung der EZB schreckt den Aktienmarkt nicht mehr. Die Währungshüter streben zugleich eine stärkere globale Rolle des Euro an. Warum ist das für Europa wichtig?
Die Börsentendenz wird weiter von zwei gewichtigen Faktoren bestimmt. Während die Märkte im Unklaren bleiben, wie es wirklich um die Verhandlungen am Persischen Golf steht, schwappt immer mal wieder die Euphorie über die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz herüber.
Das beschert dem DAX bis zum frühen Nachmittag ein Plus von 0,75 Prozent.
Dass die Europäische Zentralbank angesichts der hohen Inflation bald den Leitzins erhöhen dürfte, scheint schon in den Kursen erhalten zu sein.
„Internationale Rolle des Euro verbessert“
Heute haben sich die Währungshüter auch grundsätzlich zum Euro geäußert. Die Gemeinschaftswährung habe an den Finanzmärkten an Bedeutung gewonnen, so die EZB. Die internationale Rolle des Euro habe sich 2025 moderat verbessert und seine Position als zweitwichtigste Währung der Welt gefestigt.
Insgesamt sei der globale Anteil des Euro gemessen an einer Reihe von Indikatoren, wie etwa Kapitalzuflüsse in den Euroraum, Reservehaltung und Anteil am internationalen Zahlungsverkehr auf rund 20 Prozent gestiegen.
Klare Fortschritte gab es auf dem internationalen Kapitalmarkt. Ausländische Schuldner nehmen immer mehr Kapital in Euro auf. 2025 habe die Ausgabe internationaler Schulden in Euro den höchsten Stand seit Einführung der Gemeinschaftswährung erreicht und sei im Vergleich zu 2024 um rund 30 Prozent gestiegen, teilte die EZB mit.
Dabei half auch eine typisch europäische Produktkategorie: „Der Euro wurde zudem erstmals zur führenden Währung auf dem internationalen Markt für grüne und nachhaltige Anleihen“, so die Zentralbank.
Kein Fortschritt als Reservewährung
Ein wichtigerer Indikator für die Bedeutung einer Währung ist aber ihr Anteil an den Devisenreserven der internationalen Notenbanken. Und hier dürften die europäischen Währungshüter nicht wirklich zufrieden sein. Zwar ist der Anteil des US-Dollar an den globalen Währungsreserven in den vergangenen Jahren deutlich auf zuletzt rund 57 Prozent zurückgegangen.
Der Euro als zweitgrößte Reservewährung konnte davon allerdings nicht wirklich profitieren. Mit knapp 20 Prozent an den Devisenreserven hat er in etwa dieselbe Bedeutung wie schon vor 25 Jahren. Zuletzt haben viele Zentralbanken lieber ihre Goldreserven aufgestockt, statt sich Anleihen von Euro-Staaten ins Portfolio zu legen.
Zweifel am Dollar
Dabei wäre die Gelegenheit günstig, näher an die Weltleitwährung Dollar heranzurücken. Die sprunghafte Politik von US-Präsident Donald Trump hat international Zweifel an der Vormachtstellung des Dollar geweckt. Seit Trumps Amtsantritt hat der Dollar gegenüber dem Euro stark an Wert verloren. Die geopolitische Verschärfung der Lage im Zuge des Iran-Kriegs und steigender Ölpreise hat dagegen wieder eher den Dollar als vermeintlich sichererer Hafen gestärkt.
Gemeinsame Schulden als Lösung?
„Damit sich der Euro zu einer wahrhaft globalen internationalen Währung entwickeln kann, muss der Euroraum an Größe gewinnen sowie tiefere und liquidere Kapitalmärkte aufbauen“, fordert EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Auch in einer gemeinsamen Schuldenaufnahme in der EU sieht sie ein Instrument, „einen sicheren und liquiden Pool öffentlicher Schulden der EU zu schaffen“.
Der Markt für US-Staatsanleihen fast dreimal so groß wie die in den EU begebenen Staatsschulden, schreibt die EZB. „Da Devisenreserven typischerweise aus hoch bewerteten Staatsanleihen und Einlagen bestehen, könnte das begrenzte Angebot an derartigen Schuldtiteln im Euroraum das Wachstum der Rolle des Euro einschränken.“
Gemeinsame EU-Schulden sind allerdings ein heißes Eisen. Deutschland hat diesen nur in Ausnahmen zugestimmt – wie für den Corona-Aufbaufonds oder für die Finanzierung der von Russland angegriffenen Ukraine. Die nicht unberechtigte Sorge: Andere Schuldner könnten unter dem Schutz der Bonität Deutschlands zu überbordenden Ausgaben verleitet werden.
Warum die EZB den Euro stärken will
Warum ist eine steigende Bedeutung des Euro für die Eurozone so wichtig? Der wichtigste Grund liegt in den Kreditkosten: Werden Anleihen europäischer Schuldner stärker nachgefragt, sinken über die fallenden Renditen auch die Zinskosten für die Emittenten. Sinkt das Zinsniveau, wird die gesamte Kreditaufnahme in den Euro-Staaten günstiger.
Wenn außerdem mehr Handel über den Euro abläuft, ist Europa weniger abhängig von Wechselkursschwankungen – und zudem besser gegen Sanktionen gefeit.

