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Warum viele Russen zunehmend verunsichert sind

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 4, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 04.06.2026 • 11:32 Uhr

Das Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg soll ein Signal für eine „stabile Zukunft“ senden, doch davon spüren viele Russen derzeit wenig. Wie gehen die Menschen mit Wirtschaftssorgen und Kriegsängsten um?

Silke Diettrich

Kirill verstaut die letzten Champagner-Flaschen in einem Karton, sein Café ist schon fast leer. Nach sechs Jahren in einem der teuersten Viertel von Moskau muss er seinen Laden schließen, nachdem schon mehr als zehn Lokale um ihn herum Pleite gegangen sind.

„Natürlich ist das traurig und emotional“, sagt Kirill und schiebt seine Wollmütze zurecht: „Ich bin in diesen Jahren ein Teil des Viertels geworden. Aber jetzt ist alles vorbei.“

Kirill hatte den Laden gepachtet, Brunch und Abendessen für junge Leute angeboten, die meisten aus der Kunst- und Kulturszene. Zu moderaten Preisen, wie Kirill sagt. Obwohl das schon schwer genug war, Wein und Käse aus dem Westen seien nach den Sanktionen sehr viel teurer geworden.

Hinzu komme: „Die Lebensmittelpreise steigen jetzt auch im Allgemeinen, die Lohnkosten steigen, die Löhne steigen.“ Und nun hat der neue Eigentümer eine Miete verlangt, die vier Mal höher ist als die vorherige. Das Aus für Kirills Café.

Gespaltene Wirtschaft

„2026 ist ein Jahr, das für kleine Unternehmen sehr schlecht ist“, sagt die Wirtschaftsgeografin Natalia Subarewitsch. Die russischen Behörden hätten ihre Politik radikal geändert. Denn zu Beginn dieses Jahres traten neue Gesetze in Kraft: Die Mehrwertsteuer wurde von 20 auf 22 Prozent erhöht. Kremlchef Wladimir Putin braucht Geld für seine Kriegskasse.

Zudem müssen seit Jahresanfang auch kleinere Betriebe neue Abgaben zahlen: „Das ist ein großes Problem, denn erstens steigen die Steuern, zweitens stagniert die Nachfrage. Die Einkommen der Menschen wachsen fast gar nicht mehr“, sagt Subarewitsch.

Nicht überall sind die Probleme spürbar

Laut Angaben der russischen Wirtschaftszeitung Kommersant würden vor allem der Gastronomie in diesem Jahr schwere Zeiten bevorstehen – was Kirill und seine Mitstreiter im Luxusviertel von Moskau schon zu spüren bekommen haben. Das Geschäftsklima sei derzeit schwierig, sagt er.

Doch nicht überall im Land würden die Menschen unter der schlechten Wirtschaft leiden, sagt die Wirtschaftsgeografin Subarewitsch. Derzeit spalte sich die Wirtschaft in zwei Teile: „Für Menschen, die in der zivilen Wirtschaft arbeiten, läuft es schlecht. Und die, die in der militärbezogenen Wirtschaft arbeiten, denen geht es gut.“ Und das gelte für das ganze Land.

Dagegen litten die russischen Region unter einem erheblichen Haushaltsdefizit. Sie zahlen hohe Beträge für Soldaten, die Verträge unterschrieben haben. „Im Jahr 2025 schlossen 70 Regionen das Jahr mit einem Haushaltsdefizit ab. In einigen Regionen betrug das Defizit 20 bis – 25 Prozent. Das ist sehr viel.“

Auf dem „Weg in eine stabile Zukunft“?

Das diesjährige Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg steht unter dem Motto: „Pragmatischer Dialog: Der Weg in eine stabile Zukunft“. Russland rühmt sich damit, dass Vertreter aus mehr als 130 Ländern daran teilnehmen: „Es kommt in einer sehr wichtigen Zeit, wenn die Politik der Globalisten eine komplette Niederlage erlitten hat“, sagt Kirill Dmitrijew, Wirtschaftsberater von Wladimir Putin und zugleich einer der wichtigsten Propagandisten des Kremlchefs.

Einen heftigen Schlag erlitten hat jetzt aber vor allem erstmal das Wirtschaftsforum selbst: Kurz vor Beginn des Forums trafen ukrainische Drohnen Energie- und Militäranlagen rund um Sankt Petersburg.

Zahlreiche Videos davon sind in den sozialen Netzwerken zu sehen, die staatlichen Fernsehsender zeigen diese Bilder fast gar nicht. Auch der Kreml spielt die Auswirkungen der ukrainischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur oft herunter und lenkt die Aufmerksamkeit auf zivile Opfer und Einrichtungen, die ukrainischen Drohnen treffen.

Ukrainische Drohnenangriffe wirken sich aus

Dabei würden sich die Attacken direkt auf den Staatshaushalt auswirken, erklärt der russische Ökonom Igor Lipsits. Er ist einer der Gründer der Higher School of Economics, einer angesehenen Universität in Moskau. Heute gilt er in Russland als ausländischer Agent und lebt im Exil.

„Je mehr die von Drohnen getroffenen russischen Raffinerien repariert werden, desto geringer ist der Gewinn der russischen Ölkonzerne und desto geringer sind die Einkommenssteuern, die der Haushalt von den Ölkonzernen erhält“ erklärt er. Also leide der Haushalt finanziell ziemlich stark durch ukrainischen Angriffe.

Ein Gefühl der Unsicherheit

Und so scheint der Krieg nun mittlerweile auch bei den Russinnen und Russen selbst angekommen zu sein. Auf einem Nachbarschaftsfest am Wochenende in einer ehemaligen Brotfabrik im Norden von Moskau treffen sich Familien und junge Leute, um selbstgemachten Schmuck oder Seifen zu kaufen, Tischtennis zu spielen oder Puppentheater für die Kleinen zu schauen.

Andrej schlendert an den kleinen Verkaufsständen vorbei. Er ist Wissenschaftler und Unternehmer und sagt, finanziell gehe es ihm noch ganz gut. Aber im Allgemeinen belaste ihn und seine Freunde die Ungewissheit über die Zukunft: „Im Fernsehen sagen alle, dass die Kriegshandlungen und die Spezialoperation jeden Moment eingestellt werden sollen. Und dann wird es immer auf unbestimmte Zeit verschoben.“

Fatalismus als Konstante

Zusammen mit der wirtschaftlichen Ungewissheit beunruhige das viele Menschen im Land derzeit. Und das ist nicht nur ein Gefühl von Andrej. Das bestätigen auch die Umfragen im Land.

Denis Wolkow arbeitet für das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada Zentrum, das in Russland auch als ausländischer Agent gelistet ist. Auf die Frage, welches die drängendsten Probleme in Russland seien, die die Menschen beschäftigen, komme „an erster Stelle die Inflation. An zweiter Stelle die andauernde Spezialoperation. An dritter die Korruption.“

Der Café-Besitzer Kirill fegt noch die letzten Staubreste zusammen und wird seinen Laden gleich für immer hinter sich abschließen. Er überlegt noch, was sein nächstes Projekt werden könnte. Ein Gefühl der Unsicherheit mache sich zwar auch bei ihm breit. Aber, so sagt er am Ende: In Russland sei den Menschen generell eine gewisser Fatalismus eigen: „Es kommt so, wie es kommt.“

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