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Startseite»Nachrichten»Genie-Move oder kopfkrank?: Thomas Tuchels Kader treibt England in den Wahnsinn
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Genie-Move oder kopfkrank?: Thomas Tuchels Kader treibt England in den Wahnsinn

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Genie-Move oder kopfkrank?Thomas Tuchels Kader treibt England in den Wahnsinn

Thomas Tuchel pfeift auf die Kritik an seinem WM-Kader. (Foto: REUTERS)

Englands deutscher Trainer scheut keine unbequemen Entscheidungen. Das zeigt die Nominierung seines WM-Kaders, in dem Thomas Tuchel auf einige prominente Namen verzichtet.

Der erste, der Thomas Tuchels WM-Kader hart in den Senkel stellte, war Harry Maguire. Der Innenverteidiger von Manchester United stellte öffentlich aus, dass er „geschockt“ sei, nicht für England spielen zu dürfen. Der „Schock“ verbreitete sich durchs Land, noch bevor Englands deutscher Nationaltrainer sein Aufgebot offiziell verkündet hatte. Maguire ist nicht irgendein Fußballer. Auf der Insel eine viel beachtete Persönlichkeit. Ein Abwehrhüne zwischen Welt- und Kreisklasse. Zwischen Liebe und Spott. In dieser Saison stark, maßgeblich daran beteiligt, dass die „Red Devils“ nach aufwühlenden Krisenjahren überraschend Dritter wurden.

Tuchel pfiff drauf. Maguire war nicht dabei. Und der Ton für seinen Kader gesetzt. Als bekannt wurde, dass auch Cole Palmer, Trent Alexander-Arnold und Phil Foden nicht dabei sind, war Tuchels Team für Momente das größte Pulverfass des Königsreichs. „Wer glaubt, diese Mannschaft könne die Weltmeisterschaft gewinnen“, polterte die stinkwütende „Sun“, der solle sich „mal den Kopf untersuchen lassen“. Es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder werde Tuchel nach dem Finale am 19. Juli „als Genie gefeiert“ oder die WM ende in einer „Katastrophe“. Nun ist es ja so: Die Boulevard-Zeitung zieht ihre Existenz aus der Dauereskalation. Tuchel kennt das alles.

Überraschung aus Saudi-Arabien

Die Liste der Empörungen waren mit den ignorierten, großen Namen aber noch nicht abgearbeitet: Mit Morgan Gibbs-White von Nottingham Forest sowie Dominic Calvert-Lewin von Leeds United bekamen auch die beiden derzeit besten englischen Torschützen der Premier League kein Ticket. Dafür aber sensationell Angreifer Ivan Toney vom saudi-arabischen Klub Al-Ahli. „Er ist ein natürlicher Vollstrecker. Er kann uns bei Standardsituationen helfen, weil er sehr kopfballstark ist und seinen Körper hervorragend einsetzt. Und nicht zu vergessen: Er ist ein Weltklasse-Elfmeter-Schütze“, erklärte sich Tuchel. Er will auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Denn bei der Weltmeisterschaft zählt nur eins in und für England: 60 Jahre Schmerz sollen in diesem Sommer enden. Endlich. Wirklich. Wie bei jedem „fucking“ Turnier zuvor. Wembley ist das Sehnsuchtswort. MetLife Stadium, East Rutherford, New Jersey, sollen seine Nachfolger werden. Dafür wurde Tuchel geholt. Und hatte sofort verstanden. Er wolle dem Trikot der englischen Nationalmannschaft einen „zweiten Stern“ hinzufügen, kündigte Tuchel bei seinem Amtsantritt an.

Tuchel gibt ein großes Versprechen ab

Dafür hat England etwas getan, was als rote Linie galt. EIN DEUTSCHER! Als Trainer der wichtigsten Mannschaft des Landes! Oh dear! Aber wenn nichts mehr hilft, nicht mal der erschütternde Fußball-Destruktivismus von Gareth Southgate, dann soll’s halt ein „Kraut“ richten. Politisch sind die Zeiten lange her, fußballerisch haben sie alles überlebt. Wie oft wird der Stahlhelm noch verbal hervorgeholt, wenn es mal wieder zum Duell kommt.

Tuchel war aus der eigenen Geschichte heraus eine Sache bei seiner Auswahl besonders wichtig: Chemie! Er, der aus Zeiten bei PSG, bei Chelsea und dem FC Bayern den Umgang mit Riesen-Egos kennt und damit nicht immer glücklich war. Dabei auch nicht immer glücklich agierte. „Ich kann jedem Fan im ganzen Land versichern, dass wir 26 Spieler im Trainingslager haben, die zu 100 Prozent engagiert sind, die ihre Aufgaben kennen, die bereit sind, ihre Rolle auf und neben dem Platz anzunehmen, und sich dem Teamgedanken verpflichten und selbstlos sind“, sagte Tuchel nach der Kader-Berufung.

Ob alle Tuchel wirklich folgen?

Den Kritikern des deutschen Trainers klingelten hernach sofort die Ohren. Denn auch im Kosmos der „Three Lions“ gab’s schon Streit. So rasselten Tuchel und Superstar Jude Bellingham wiederholt aneinander, unmittelbar nach dem Durchmarsch zur WM etwa. Grund für das nächste Kapitel im Zwist war die Unzufriedenheit des Spielers wegen seiner Auswechslung im letzten Qualifikationsspiel in Albanien (2:0). „Das ist die Entscheidung, und die Entscheidung muss er akzeptieren“, sagte Tuchel. Er wünschte sich ein Umdenken. „Sein Freund wartet am Spielfeldrand, also muss man das akzeptieren, respektieren und weitermachen.“ Er wolle zwar „nicht mehr draus machen“, stehe aber zu seinem Wort. „Respekt gegenüber den Teamkollegen, die reinkommen, ist unerlässlich.“

Der Aufreger hatte eine Vorgeschichte: Tuchel verzichtete für die Länderspiele im Oktober 2025 auf Bellingham und erregte damit Aufsehen. Denn der Mittelfeldstar von Real Madrid war nach überstandenen Schulterproblemen fit. Der Trainer wurde in den Medien als „Mann mit der Axt“ und „skrupellos“ beschrieben. Dazu hat Tuchel zuletzt Bellingham keinen Stammplatz im offensiven Mittelfeld garantiert. Er müsse sich seinen Platz wie alle anderen verdienen, sagte der 52-Jährige. In Bellinghams Abwesenheit hatte Morgan Rogers von Aston Villa brilliert. Wie sich die Hierarchie bei der WM aufstellt? Ein schmaler Grat für Tuchel.

Immer noch kein Löwe auf Freigang

Der Coach begibt sich auf einen höllischen Weg. Überall lauern die Klauen des Feindes! Der Spott nach der Kader-Benennung war ein kleiner Vorgeschmack. Jetzt müssen die Ergebnisse sitzen. Und die Leistungen. Das mit den Resultaten hat in der WM-Qualifikation geklappt. Das mit der sportlichen Attraktivität noch nicht. England bleibt auch Tuchel ein Löwe in Ketten, kein Raubtier auf Freigang. Zwar sind die Leinen für die „three lions“ nun deutlich länger, die Spielräume größer. Aber von einer Mannschaft, die die Welt qua Talent und Qualität in Grund und Boden spielt, bleibt das Mutterland des Fußballs weit entfernt.

Tuchel hält sein Team sehr flexibel. Er lässt es auf verschiedenen Höhen pressen und überfallartig angreifen. Trotz Harry Kane, der alles kann, außer kontern. Außer, er löst den Gegenangriff mit seinen Sensationsbällen in die Tiefe der gegnerischen Abwehr aus. Als unermüdlich arbeitender Neuner ist Kane aber noch in anderer Rolle gefordert: bei Standards. Champions-League-Finalist und Premier-League-Meister FC Arsenal hat die Ausführung von Ecken und Freistößen auf ein neues Level gehoben. Unerträglich, was die Dauer der Ausführung angeht, brillant aber in der Umsetzung. Mit Declan Rice hat Tuchel ein Mastermind der Standards als Sechser in seinem Kader. Mit Kane einen Vollstrecker im Zentrum. Den vielleicht derzeit besten Stürmer im Weltfußball.

Was Tuchel nicht tun lässt: erdrückenden Angriffsfußball spielen. Was angesichts von Spielern wie eben Kane, wie Anthony Gordon, der zum FC Barcelona wechselt, wie Jude Bellingham, wie Bukayo Saka oder Marcus Rashford eine faszinierende Vorstellung wäre. Aber 60 Jahre Schmerz lindern sich nicht durch heißblütigen Hurra-Fußball. Kalte Effizienz ist das Stichwort. Southgate hatte sie auf die Spitze getrieben. Nicht immer souverän, nur selten mitreißend. Zweimal kam er ins EM-Finale (2021/2024). Die Frage, die ihn dabei stets begleitete: Rettete die Mannschaft ihm den Job oder führte er die Mannschaft so nah wie möglich zum Titel?

Die Frage ist bis heute ungeklärt. Vielleicht liefert Tuchel die Antwort.

Quelle: ntv.de, tno

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Dr. Heinrich Krämer
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