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Startseite»Politik»Börsengang von SpaceX: Riskante Wette auf Raketen, Satelliten und Visionen
Politik

Börsengang von SpaceX: Riskante Wette auf Raketen, Satelliten und Visionen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 12, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Hintergrund

Stand: 12.06.2026 • 21:04 Uhr

Es ist der größte Börsengang der Geschichte: Das Raumfahrtunternehmen SpaceX ist erfolgreich an der Nasdaq gestartet. Doch trotz einer Bewertung von knapp 1,8 Billionen US-Dollar schreibt das Unternehmen noch Verluste. Was steckt hinter dem Hype?

Samuel Jackisch

Dieser Börsengang ist auf den ersten Blick ein Widerspruch: Ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr fast fünf Milliarden US-Dollar Netto-Verlust machte, startet an der Technologiebörse Nasdaq deutlich über Ausgabepreis. Es nimmt damit auf einen Schlag 75 Milliarden Dollar ein und wird mit insgesamt rund 1,8 Billionen Dollar bewertet – fast doppelt so viel wie Coca-Cola, Netflix und Disney zusammen, oder die Größenordnung des gesamten Deutschen Aktienindex DAX auf einmal.

Anleger weltweit wollen beim größten Börsengang der Geschichte dabei sein. Aber wofür zahlen sie eigentlich?

Nur Starlink wirft Gewinne ab

Auf der Einnahmeseite ist SpaceX heute vor allem ein Telekommunikationsunternehmen: Das Satellitennetzwerk Starlink hat inzwischen mehr als zehn Millionen Abonnenten und erzielte 2025 rund elf Milliarden US-Dollar Umsatz. Es ist bislang das einzige Segment, das Gewinne abwirft. Die für das Satellitengeschäft grundlegende Raketensparte verdient hingegen kein eigenständiges Geld. Fast überall sonst auf der Welt ist Raumfahrt aus diesem Grund entweder Sache des Staates oder das teure Hobby einiger sehr reicher Männer.

Auf der Investitionsseite wird SpaceX zunehmend auch ein KI-Konzern: Seit der Fusion mit Musks KI-Firma xAI im Februar sind auch das KI-Modell Grok und die Plattform X Teil des Konzernverbunds. Die Ausgaben für Künstliche Intelligenz bei SpaceX übersteigen inzwischen bei weitem die klassischen Investitionen in den Raketenbau.

Musk will Städte auf dem Mars bauen

Was Anleger wirklich kaufen, steht in dem 277 Seiten langen Börsenprospekt. Dort beschreibt SpaceX seine Unternehmensziele, die weit über das Geschäftliche hinausgehen: den Weltraum besiedeln, interplanetares Leben ermöglichen, Städte auf dem Mars bauen. Und: mit der Kraft der Sonne eine „nach Wahrheit strebende KI“ erschaffen, um das „Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen“.

Solche Unternehmensprosa ist typisch für Elon Musk, als Investitionsgrundlage ist sie mindestens riskant. Das eigentliche Versprechen an die Anleger lautet: Die verlustbringende Raketensparte soll durch buchstäblich astronomische Einnahmen an anderer Stelle ausgeglichen werden: durch ein globales Breitbandnetz, durch KI-Rechenzentren im Orbit, durch Regierungsaufträge von NASA bis Pentagon.

Musk hat Führungs- und Kontrollfunktion

Wer in SpaceX investiert, kauft sich dabei kaum Mitspracherecht. Musk hält mehr als 80 Prozent der stimmberechtigten Anteile, ist zugleich CEO und Vorstandsvorsitzender, vereint also Führungs- und Kontrollfunktion. Im Zuge des Börsengangs wurde zwar erstmals öffentlich, wer bei SpaceX welche weiteren Führungsfunktionen innehat – und es sind durchaus erfahrene Köpfe dabei, keine Marionetten. Aber zu sagen haben sie im Zweifel wenig. Jedes Unternehmen von Musk ist strategisch eine One-Man-Show, und das erhöht das Anlegerrisiko zusätzlich.

Hinzu kommt die enge, aber volatile Verflechtung mit der Regierung Trump: In den vergangenen fünf Jahren erhielt SpaceX rund sechs Milliarden Dollar aus staatlichen NASA- und Rüstungsverträgen – und Musk war Trumps größter Wahlkampfunterstützer.

Riskante Investition in Visionen

SpaceX ist das, was an der Wall Street ein „Story Stock“ genannt wird: kein normales Industrieunternehmen, das nach klassischen Kennzahlen bewertet wird, sondern eine Investition in eine Vision. Das Verhältnis zwischen der Zielbewertung und dem aktuellen Umsatz des Konzerns liegt beim 96-fachen – reife Technologiekonzerne kommen sonst höchstens auf Faktor 15 bis 20.

Diese Lücke zwischen Realität und Potential betrifft nicht nur SpaceX. Weite Teile der KI-Branche in den USA – Chipkonzerne, Cloud-Anbieter, Rechenzentren, Kreditgeber – stecken in einem Investitionskreislauf miteinander, in dem sehr viel Geld sehr schnell umherläuft. Das KI-Geflecht produziert dadurch eine Realität, auf die der Markt selbst wettet. Das kann halten – es kann aber auch einstürzen. Für Sicherheit sorgen in diesem Umfeld nach Einschätzung von Marktbeobachtern vor allem saubere Geschäftsberichte, glaubwürdige Unternehmensführung und staatliche Aufsicht. Letztere ist unter der Regierung Trump mit einigen Fragezeichen versehen.

Starship als technisches Nadelöhr

Abseits aller Börsenspekulationen steht SpaceX auch vor praktischen Herausforderungen. Die zentrale ist „Starship“, die wiederverwendbare Schwerlastrakete – auf ihr beruht der gesamte Expansionsplan des Unternehmens. Nur wenn sie dauerhaft zuverlässig eingesetzt werden kann, funktioniert der Rest. Hinzu kommt die technische Stabilität des SpaceX-Netzwerks: Tausende Satelliten und Datenzentren im All sollen über Jahre stabil laufen. Und spätestens beim Flug in Richtung Mars bleibt die Frage nach dem Wiederauftanken im All, auch sie ist bisher unbeantwortet.

Diese Gleichzeitigkeit – Rakete, Netz, KI, Mars – ist die eigentliche Herausforderung für SpaceX. Und zugleich die Quelle der Faszination, auf die Anleger heute an der Börse Nasdaq setzen. Dabei gilt die älteste aller Börsenregeln: Je größer das Versprechen, desto größer sollte die Vorsicht sein.

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