Nach wie vor ist die Hisbollah in Nahost ein zentraler Faktor. Israel will ihre Macht im Libanon beenden, während Iran ihren Schutz zum Teil der Verhandlungen mit den USA macht. Wie konnte die Hisbollah so bedeutend werden?
Am 8. Oktober 2023, einen Tag nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem Beginn der israelischen Luftangriffe auf Gaza, eröffnet die Hisbollah vom Süden Libanons eine „Unterstützungsfront“ für die Hamas mit Raketen- und Artillerieangriffen auf den Norden Israels.
Es ist das Wiederaufflammen eines Konfliktes, unter dem die Menschen auf beiden Seiten der Grenze seit Jahrzehnten leiden und der nie beigelegt wurde. Die israelische Armee schlägt zurück; 32 Monate später hält sie wieder den Südlibanon besetzt, hat rund eine Million Libanesinnen und Libanesen vertrieben und ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu droht mit weiteren Angriffen auf die Hisbollah – nicht nur im Süden Libanons.
Iran die Treue geschworen
Die schiitische Organisation wird ab 1982 als Widerstandsbewegung gegen den Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon und die sich anschließende Besetzung von Teilen des Landes gebildet und unter dem Namen Hisbollah, also „Partei Gottes“, 1985 offiziell gegründet. Sie schwört Iran, der die Organisation unterstützt, die Treue und kündigt den bewaffneten Kampf gegen Israel an.
Von Beginn an setzt die Hisbollah in ihrem asymmetrischen Kampf neben Entführungen israelischer Soldaten auch Selbstmordattentate als Waffe ein. Hassan Nasrallah, bis zu seiner Tötung durch israelische Bomben 2024 rund drei Jahrzehnte lang der Anführer der Hisbollah, pries diese Taktik: „Gibt es in Israel junge Männer in großer Zahl, die bereit dazu sind, bei Selbstmordanschlägen zu sterben, um ihre heiligen Ziele zu erreichen? Bei uns gibt es sie – darin sind wir den Israelis überlegen.“
Über Jahrzehnte die prägende Figur der Hisbollah: Hassan Nasrallah.
Wichtigstes Motiv: Kampf gegen die israelischen Besatzer
Die Selbstmordattentate zeigen aber auch, dass die Hisbollah mehr ist als eine Organisation religiöser schiitischer Fanatiker. Vor einigen Jahren präsentierte der Politikwissenschaftler Robert A. Pape von der University of Chicago in der New York Times eine Studie: Von 41 Hisbollah-Selbstmordattentätern konnte sein Forschungsteam 38 identifizieren. Nur acht dieser 38 waren islamische Fundamentalisten. 27 stammten aus linken politischen Gruppierungen wie der Kommunistischen Partei des Libanon und der Arabischen Sozialistischen Union. Drei waren sogar Christen, darunter eine Gymnasiallehrerin.
Für den Politologen verdeutlicht dies, dass es weniger die religiöse oder politische Einstellung war, die die Attentäter motivierte, sondern der Kampf gegen die ausländische Besatzungsmacht. Auch Melani Cammet von der Harvard-Universität teilt diese Einschätzung: „Die Hisbollah wurde als Widerstandsorganisation gegen die israelische Besatzung gegründet und genoss in dieser Rolle lange eine breite Popularität im gesamten Libanon, weil sie als beste Verteidigung gegen Israel gesehen wurde, das Teile des Libanon bis 2000 besetzt hielt.“
Im dem Jahr ziehen die israelischen Truppen aus dem Libanon ab. Nasrallah sagt triumphierend: „Dieses Israel, das Kernwaffen besitzt und die stärkste Luftwaffe in der Region, ich schwöre, dieses Israel ist fragiler als ein Spinnennetz.“
An der Seite Assads und der Huthi
Die Hisbollah gehört zu einem regionalen schiitischen Netzwerk unter Führung Irans. Sie hat an der Seite des Assad-Regimes in Syrien gekämpft und die Huthi-Miliz im Jemen unterstützt, indem sie ihnen zum Beispiel von Iran bereitgestellte Waffen geliefert haben soll.
Beim strategischen Denken diente den Huthi die Hisbollah als Vorbild. Viele westliche Staaten, darunter Deutschland, aber auch arabische Regierungen, stufen die Hisbollah als Terrororganisation ein.
Großer Einfluss als Partei
Gleichzeitig ist ihr politischer Arm seit 1992 im libanesischen Parlament vertreten. Von 2005 bis heute war sie fast lückenlos Teil der Regierung. Außerdem betreibt sie Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, zahlt Ausbildungshilfen und Renten.
Die Hisbollah habe viele Facetten, erläutert Matthew Levitt vom Washington Institute: „Sie ist eine politische Partei und eine soziale Wohltätigkeitsorganisation. Die Hisbollah ist aber auch eine aktive Miliz, größer und besser bewaffnet als die libanesischen Streitkräfte.“
Außerdem sei sie eine „international agierende kriminelle Organisation“, sagt Levitt mit Blick auf Drogengeschäfte der Hisbollah und Geldwäsche zu ihrer Finanzierung.
Schwäche der libanesischen Armee
Rund zweieinhalb Jahre nach den Terrorangriffen vom Oktober 2023 ist die Hisbollah nicht nur durch die Tötung ihres Anführers Nasrallah geschwächt, sondern auch durch die Auslöschung fast des gesamten Führungspersonals durch Israel. Im Sommer 2025 beschließt die libanesische Regierung die Entwaffnung der Hisbollah. Doch die libanesische Armee ist zu schwach. Und Iran macht ein Ende der Angriffe Israels auf die Hisbollah zu einer Bedingung für eine Waffenruhe in Nahost – und stärkt die Miliz damit wieder.
Nawaf Salam, der Ministerpräsident des Libanon, richtet deshalb seine Worte an einen, der Einfluss auf die „Partei Gottes“ hat: „Iran möchte ich sagen: Habt Erbarmen mit dem Südlibanon, hört auf, in ihm und seiner Bevölkerung eine bloße Verhandlungsmasse zu sehen! Wir sind Bürger eines Landes, das sich weigert, zum Schauplatz der Kriege anderer zu werden.“

